EU beendet historisches Grundwerte-Verfahren gegen Polen
29.05.2024 - 16:15:36 | dpa.deDas kĂŒndigte die zustĂ€ndige EU-Kommission am Mittwoch in BrĂŒssel an. "Heute ist ein wichtiger Tag fĂŒr die Rechtsstaatlichkeit in Polen und in der EuropĂ€ischen Union", sagte KommissionsvizeprĂ€sidentin Vera Jourova.
Die Entscheidung zur Einstellung des sogenannten Artikel-7-Verfahrens erfolgt rund sieben Monate nach der Abwahl der nationalkonservativen PiS-Regierung, die Polen von 2015 bis 2023 gefĂŒhrt hatte. Diese hatte das polnische Justizsystem umgebaut und damit nach EinschĂ€tzung von Experten die Gewaltenteilung eingeschrĂ€nkt.
Konkret wurde unter anderem die Möglichkeit geschaffen, Richter zu kontrollieren und zu sanktionieren. Zudem hinderten die Reformen polnische Richter daran, sich bei bestimmten Rechtsfragen an den EuropĂ€ischen Gerichtshof zu wenden. Die neue Mitte-Links-Regierung von MinisterprĂ€sident Donald Tusk ist derzeit dabei, die beanstandeten MaĂnahmen wieder rĂŒckgĂ€ngig zu machen.
Verfahren gegen Polen war EU-Premiere
Polen war 2017 der allererste EU-Staat, gegen den die EuropĂ€ische Kommission ein Verfahren wegen der GefĂ€hrdung von elementaren Grundwerten der EuropĂ€ischen Union eingeleitet hatte. Dieses hĂ€tte am Ende sogar zu einem Entzug der Stimmrechte bei EU-Entscheidungen fĂŒhren können.
Das einzige EU-Land, gegen das jetzt noch ein Artikel-7-Verfahren lÀuft, ist Ungarn. Dort steht MinisterprÀsident Viktor Orban unter dem Verdacht, die UnabhÀngigkeit der Justiz und die Meinungsfreiheit einzuschrÀnken und Korruption zu fördern.
HoffnungstrÀger Tusk
Um ein Ende des Verfahrens gegen Polen möglich zu machen, hatte die neue Regierung von Tusk den EU-Partnern bereits im Februar einen Reformplan fĂŒr die Beseitigung von rechtsstaatlichen Defiziten prĂ€sentiert. Dieser fĂŒhrte auch dazu, dass die EU-Kommission unabhĂ€ngig von dem Artikel-7-Verfahren EU-Fördergelder in Höhe von 6,3 Milliarden Euro freigab, die lange wegen der Rechtsstaatlichkeitsbedenken zurĂŒckgehalten worden waren. Die lange Blockade der EU-Gelder und die Entfremdung von der EU unter der PiS gelten als zwei GrĂŒnde dafĂŒr, dass die Nationalkonservativen in Polen letztlich abgewĂ€hlt wurden.
PiS versucht RĂŒckabwicklung zu erschweren
Mit der Entscheidung, das Verfahren gegen Polen zu beenden, drĂŒckt die EU-Kommission auch ihr Vertrauen in die neue Regierung in Warschau aus. Das ZurĂŒckdrehen der beanstandeten Reformen der PiS-Regierung wird nĂ€mlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. So sieht das "Reparaturpaket" fĂŒr den Umbau des Verfassungsgerichts vor, dass durch eine VerfassungsĂ€nderung alle bisherigen Richter aus dem Amt ausscheiden und die Posten neu besetzt werden, wobei Regierungslager und Opposition ĂŒber die Besetzung entscheiden sollen. Doch fĂŒr die VerfassungsĂ€nderung ist eine Zweidrittelmehrheit im Parlament nötig, die wegen des Widerstandes der PiS bislang nicht in Sicht ist.
Die PiS-Regierung in Polen hatte gleich nach ihrem Antritt im November 2015 unter FederfĂŒhrung von Justizminister Zbigniew Ziobro damit begonnen, das Justizwesen nach ihren Vorstellungen umzubauen. Der erste Schritt galt dem Verfassungsgericht. Die PiS-Regierung erkannte drei vor ihrer MachtĂŒbernahme ernannte Verfassungsrichter nicht an und besetzte die Posten mit eigenen Kandidaten, was spĂ€ter sowohl vom Verfassungsgericht selbst als auch von der EU-Kommission fĂŒr verfassungswidrig erklĂ€rt wurde. SpĂ€ter wurde der Vorsitzende des Gerichts durch die Juristin Julia Przylebska ersetzt, einer engen Vertrauten von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski.
Gesetz braucht Unterschrift von Duda
Auch der RĂŒckbau von anderen Elementen der PiS-Justizreform gestaltet sich langwierig und zĂ€h. Dies gilt etwa auch fĂŒr eine Neuordnung des Landesjustizrats - des Gremiums, das Richter fĂŒr freiwerdende Stellen nominiert. Nach einer 2018 von der PiS eingefĂŒhrten Reform wurde 15 von 25 Mitgliedern des Rates durch das Parlament ernannt. Auch dieser Schritt brachte Polen in Konflikt mit der EU-Kommission. Der EuropĂ€ische Gerichtshof (EuGH) kritisierte nach einer Klage, der Landesjustizrat sei ein Organ, das "von der polnischen Exekutive und Legislative wesentlich umgebildet wurde", an seiner UnabhĂ€ngigkeit gebe es berechtigte Zweifel.
Ein von Justizminister Adam Bodnar vorgelegtes Gesetzesprojekt sieht vor, dass kĂŒnftig wieder allein Richter unterschiedlicher Gerichte ĂŒber die 15 Sitze im Landesjustizrat bestimmen sollen. Sobald das Gesetz in Kraft tritt, soll der Landesjustizrat neu gewĂ€hlt werden - das alte, nach den Regeln der PiS gebildete Gremium, wird abgelöst. Das Gesetz muss noch das Parlament passieren und von PrĂ€sident Andrzej Duda unterzeichnet werden. Dieser stammt jedoch aus den Reihen der PiS und könnte es torpedieren.
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