Digitalisierung erhöht bei körperlich Beschäftigten Fehlzeiten um 20 Prozent
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 10:43 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSEine Studie des Ifo-Instituts, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Universität Konstanz zeigt, dass Digitalisierung die Gesundheit von Beschäftigten mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten belasten kann. Diese Beschäftigten berichten bei stärker digitalisierten Arbeitsplätzen von schlechterem gesundheitlichem Wohlbefinden und fehlen im Schnitt rund 20 Prozent mehr Tage pro Jahr.
Körperliche Tätigkeiten besonders betroffen
Die Forscher verglichen Beschäftigte mit überwiegend körperlichen Aufgaben mit Arbeitnehmern in geistigen oder bürotypischen Berufen. In beiden Gruppen verändern sich die Arbeitsplätze durch die zunehmende Nutzung intelligent vernetzter Soft- und Hardware ähnlich stark: Die Aufgaben werden komplexer, zugleich steigen Zeit- und Leistungsdruck.
Ein deutlich negativer Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Gesundheit zeigt sich laut Studie jedoch nur bei den körperlich Beschäftigten. Für Büro- und Wissensberufe lässt sich demnach kein entsprechender Effekt nachweisen.
Technostress als mögliche Erklärung
Oliver Schlenker, stellvertretender Leiter des Ifo-Zentrums für Soziale Marktwirtschaft in Fürth, sieht darin einen möglichen Hinweis auf wachsende gesundheitliche Ungleichheiten. Neue digitale Anforderungen könnten besonders dann belasten, wenn Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit der Technik fehlen.
Die Studie nennt als mögliche Erklärung sogenannten Technostress. Beschäftigte mit körperlichen Tätigkeiten und niedriger formaler Bildung sind bereits häufiger gesundheitlich belastet und könnten durch zusätzliche digitale Anforderungen stärker unter Druck geraten.
Schulungen können Belastung abmildern
Gezielte Digitaltrainings und Unterstützung durch den Arbeitgeber wirken dem Zusammenhang laut Untersuchung entgegen. Beschäftigte, die an Schulungen teilnehmen, zeigen kaum schlechtere Gesundheitswerte und keine zusätzlichen Fehltage.
Auch eine unterstützende Führungskultur scheint entlastend zu wirken. Arbeitnehmer, die sich von ihren Vorgesetzten gut unterstützt fühlen, haben bei einer zunehmenden Digitalisierung deutlich weniger zusätzliche Krankheitstage. Einen Ausgleich der gesundheitlichen Belastungen durch höhere Löhne stellen die Forscher dagegen nicht fest.
Was unter Digitalisierung verstanden wird
Die Untersuchung grenzt den Begriff von der klassischen Computerisierung ab. Im Mittelpunkt stehen smarte und vernetzte Maschinen, Sensoren, Big-Data-Anwendungen, Robotik, Künstliche Intelligenz sowie virtuelle und erweiterte Realität.
Die Studie ordnet Digitalisierung nicht als einheitliche Belastung für alle Beschäftigten ein. Entscheidend ist vielmehr, wie stark sich Arbeitsaufgaben verändern, welche technischen Systeme zum Einsatz kommen und ob Beschäftigte die nötigen Kenntnisse für deren Nutzung erwerben können. Bei körperlich geprägten Tätigkeiten treffen digitale Anwendungen häufig auf Arbeitsplätze, die bislang weniger durch regelmäßige Computerarbeit bestimmt waren.
Der Befund zu rund 20 Prozent mehr krankheitsbedingten Fehltagen ist deshalb vor allem sozialpolitisch relevant. Beschäftigte mit niedriger formaler Bildung und körperlicher Arbeit sind bereits häufiger gesundheitlich belastet. Wenn zusätzliche digitale Anforderungen ohne ausreichende Vorbereitung eingeführt werden, kann sich der Abstand zu Büro- und Wissensberufen vergrößern. Für Unternehmen entstehen zugleich höhere Ausfallzeiten und ein erhöhter Bedarf an verlässlicher Qualifizierung.
Unterstützung als entscheidender Faktor
Die Ergebnisse sprechen dafür, Digitalisierung stärker mit Arbeitsorganisation und Gesundheitsprävention zu verbinden. Schulungen und eine unterstützende Führung können die zusätzlichen Belastungen abmildern; steigende Löhne ersetzen diese Maßnahmen nach den Studienergebnissen nicht. Für Beschäftigte ist damit weniger die Digitalisierung an sich ausschlaggebend als die Frage, ob neue Technik verständlich eingeführt wird, Beteiligung ermöglicht und im Arbeitsalltag Unterstützung verfügbar ist.
