Sorge vor FlÀchenbrand nach Raketenangriff auf dem Golan
28.07.2024 - 14:47:30 | dpa.deIsrael machte die mit dem Iran verbĂŒndete libanesische Schiitenmiliz Hisbollah fĂŒr die Attacke verantwortlich und drohte mit einer harten Reaktion. Bereits in der Nacht bombardierte die israelische Luftwaffe nach MilitĂ€rangaben mehrere Hisbollah-Ziele im Libanon.
Der Vorfall löste international BestĂŒrzung und Sorge vor einer Eskalation der Gewalt in der Region aus. UN-Vertreter riefen beide Parteien zu "gröĂtmöglicher ZurĂŒckhaltung" auf. Auch die USA und die EU verurteilten den Angriff.
Der tödliche Vorfall in Madschdal Schams war der bisher schlimmste auf israelischer Seite seit Beginn der Gefechte mit der Hisbollah vor fast zehn Monaten. Der Raketenangriff auf den Golanhöhen folgte auf einen israelischen Angriff im Dorf Kfar Kila nahe der libanesisch-israelischen Grenze, bei dem nach Angaben der Hisbollah vier ihrer Mitglieder getötet wurden.
Vor allem Kinder und Jugendliche auf FuĂballplatz getötet
Mindestens zwölf Menschen im Alter von 10 bis 20 Jahren kamen am Samstag bei dem Raketenangriff in der drusischen Ortschaft Madschdal Schams ums Leben, die meisten davon Kinder und Jugendliche. Eine Rakete iranischer Bauart schlug dort nach israelischen Angaben auf einem belebten FuĂballplatz ein. Augenzeugen beschrieben grauenhafte Szenen mit zerfetzten Leichen. Tausende von Menschen nahmen am BegrĂ€bnis der jungen Opfer teil.
Die Hisbollah teilte in einer ErklĂ€rung mit, sie habe mit dem Angriff nichts zu tun. Dies wurde jedoch von Israel als falsch eingestuft. Der israelische Generalstabschef Herzi Halevi sagte bei einem Besuch am Ort des Einschlags, es handele sich um eine Falak-Rakete mit einem 53-Kilogramm-Sprengkopf. Es sei eine Rakete der Hisbollah. "Wer eine solche Rakete auf ein Wohngebiet schieĂt, will Zivilisten töten, will Kinder töten."
Umstrittenes, strategisch bedeutsames Gebiet
Die Golanhöhen sind ein strategisch wichtiges Felsplateau, etwa 60 Kilometer lang und 25 Kilometer breit. Im Sechstagekrieg 1967 wurde das Plateau von Israel erobert und 1981 annektiert. Dies wurde international aber nicht anerkannt. Nach internationalem Recht gelten die Gebiete als von Israel besetztes Territorium Syriens. Der frĂŒhere US-PrĂ€sident Donald Trump hatte die Golanhöhen im MĂ€rz 2019 formell als Staatsgebiet Israels anerkannt und damit eine Kehrtwende in der US-AuĂenpolitik vollzogen.
Der Raketenangriff traf einen Ort, in dem vor allem arabischsprachige Drusen leben. Die Religionsgemeinschaft ist im elften Jahrhundert aus dem schiitischen Islam hervorgegangen. In Israel dienen viele Drusen in der Armee.
Israel: Letzte Chance fĂŒr Diplomatie
Ein Sprecher des israelischen AuĂenministeriums sagte, es gebe nur eine Möglichkeit, einen umfassenden Krieg zu verhindern, "der auch fĂŒr den Libanon verheerend wĂ€re". Die Hisbollah mĂŒsse gezwungen werden, sich gemÀà einer UN-Resolution bis hinter den Litani-Fluss zurĂŒckzuziehen, schrieb Oren Marmorstein bei X. Dieser liegt 30 Kilometer von der Grenze zwischen Israel und dem Libanon entfernt. "Jetzt ist es die allerletzte Minute, dies noch diplomatisch zu tun."
Im BemĂŒhen um eine EntschĂ€rfung der Lage sprach der US-Gesandte Amos Hochstein mit dem fĂŒhrenden drusischen Politiker Walid Dschumblatt im Libanon. Hochstein habe sich besorgt gezeigt mit Blick auf den tödlichen Angriff in Madschdal Schams, teilte Dschumblatts BĂŒro mit. Es sei notwendig, dass Israel seine Angriffe im Libanon wie auch im Gazastreifen umgehend einstelle, sagte der ehemalige Abgeordnete demnach.
Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu drohte: "Die Hisbollah wird einen hohen Preis dafĂŒr bezahlen, einen Preis, den sie bislang noch nicht bezahlt hat." Er berief nach seiner RĂŒckkehr aus den USA das Sicherheitskabinett ein. Netanjahu hatte in den USA eine Rede vor dem Kongress gehalten und US-PrĂ€sident Joe Biden, VizeprĂ€sidentin Kamala Harris und Ex-PrĂ€sident und PrĂ€sidentschaftskandidat Donald Trump getroffen. Seine Abreise aus Washington zog er um mehrere Stunden vor.
Expertin hĂ€lt Fehlschuss fĂŒr möglich
Die israelische MilitĂ€rexpertin Sarit Zehavi verwies darauf, dass die Schiitenmiliz vor dem tödlichen Vorfall Angriffe auf eine israelische MilitĂ€rbasis auf dem Berg Hermon fĂŒr sich reklamiert habe. "Es ist sehr leicht, die Basis auf dem Berg Hermon mit ungenauen Raketen, wie etwa der Falak, zu verfehlen", meinte sie. Madschdal Schams liege unmittelbar darunter.
Die Hisbollah richtet sich indes nach eigenen Angaben auf einen möglicherweise schweren Angriff Israels ein. "Wir sind seit Monaten in Bereitschaft und halten Ausschau nach jeglichem Angriff des Feindes", erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Kreisen der Miliz.
"Wir fordern die Parteien nachdrĂŒcklich auf, gröĂtmögliche ZurĂŒckhaltung zu ĂŒben und die anhaltenden heftigen Feuergefechte zu beenden", hieĂ es in einer gemeinsamen Mitteilung des Chefs der UN-Friedenstruppe im Libanon, Aroldo LĂĄzaro, und der Sonderkoordinatorin fĂŒr das Land, Jeanine Hennis-Plasschaert. Die KĂ€mpfe "könnten einen gröĂeren FlĂ€chenbrand entfachen, der die gesamte Region in eine unvorstellbare Katastrophe stĂŒrzen wĂŒrde", warnten die beiden UN-Vertreter.
Baerbock: Angriffe mĂŒssen sofort aufhören
Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA verurteilte den Raketenangriff und versicherte in einer Mitteilung: "Unsere UnterstĂŒtzung fĂŒr Israels Sicherheit gegen alle vom Iran unterstĂŒtzten Terrorgruppen, einschlieĂlich der libanesischen Hisbollah, ist eisern und unerschĂŒtterlich." Der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell zeigte sich ĂŒber den Angriff schockiert. "Wir rufen alle Seiten zu Ă€uĂerster ZurĂŒckhaltung und zur Vermeidung jeglicher weiterer Eskalation auf", teilte er auf der Plattform X mit.
"Die perfiden Angriffe mĂŒssen sofort aufhören. Es gilt jetzt, mit kĂŒhlem Verstand zu agieren", schrieb die deutsche AuĂenministerin Annalena Baerbock auf X. Ihr MitgefĂŒhl gelte den Familien.
Seit Beginn des Gaza-Kriegs im vergangenen Oktober liefern sich die Hisbollah und Israels Armee nahezu tĂ€glich Gefechte. Die vom Iran unterstĂŒtzte Miliz handelt aus SolidaritĂ€t mit der Hamas, die auch im Libanon aktiv ist. Im Libanon sind dabei nach offiziellen Angaben bisher mehr als 100 Zivilisten und rund 360 Hisbollah-KĂ€mpfer getötet worden. Auf israelischer Seite wurden nach israelischen Angaben bisher 42 Menschen getötet, davon 23 Zivilisten.
Iranische Reaktion
Israels Erzfeind Iran machte den jĂŒdischen Staat selbst fĂŒr den Angriff in Madschdal Schams verantwortlich. "Dieses Massaker ist ein Krieg gegen die Menschheit und verstöĂt gegen alle international anerkannten Gesetze und Vorschriften", sagte AuĂenamtssprecher Nasser Kanaani laut der Nachrichtenagentur Isna.
Der iranische Botschafter im Libanon schlug dagegen andere Töne an. Er sehe trotz des tödlichen Raketenangriffs kaum Risiken fĂŒr einen noch gröĂeren Krieg im Nahen Osten, sagte Botschafter Mudschtaba Amani. Die Chancen dafĂŒr seien "sehr gering", da in der Region ein "auferlegter MĂ€chteausgleich" herrsche. Der Iran wolle keine Ausweitung des Konflikts mit Israel, habe aber auch keine Angst davor.
GesprĂ€che ĂŒber Waffenruhe im Gaza-Krieg in Rom
Der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, fĂŒhrte derweil in Rom GesprĂ€che ĂŒber eine Waffenruhe im Gaza-Krieg. Die indirekten GesprĂ€che zwischen Israel und der islamistischen Hamas, bei denen die USA, Katar und Ăgypten vermitteln, verlaufen seit Monaten sehr schleppend. Seit Mai kreisen sie um einen mehrstufigen Plan von US-PrĂ€sident Joe Biden, der am Ende eine dauerhafte Waffenruhe im Gaza-Krieg vorsieht. AuĂerdem sollen die Geiseln in der Gewalt der Hamas gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge in israelischen GefĂ€ngnissen ausgetauscht werden.
Auslöser des Gaza-Kriegs war das beispiellose Massaker mit 1.200 Toten, das die Islamisten der Hamas zusammen mit anderen Gruppen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober des Vorjahres im SĂŒden Israels begangen hatten. Bei einem israelischen Luftangriff auf ein SchulgebĂ€ude in Deir al-Balah im Gazastreifen wurden am Samstag nach palĂ€stinensischen Angaben mindestens 30 Menschen getötet. Das israelische MilitĂ€r erklĂ€rte, dort eine Kommandozentrale der Hamas angegriffen zu haben.
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