Ablenkung im Auto: Allianz sieht 30 Prozent der Unfälle betroffen
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 10:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAllianz nennt Folgen digitaler Ablenkung
- Die Studie entstand für den Autotag des Unternehmens in Ismaning.
- Für die Berechnungen werteten die Forscher rund siebzig Studien aus aller Welt aus.
- Eine Umfrage unter 1.200 Autofahrern ergab 70 Prozent Zustimmung zu herkömmlichen Schaltern und Tasten.
Allianz warnt vor Ablenkung durch Autotechnik
Ablenkung beim Autofahren verursacht nach Einschätzung der Allianz-Unfallforscher deutlich mehr Unfälle als die amtliche Statistik erkennen lässt. In einer Studie zum Autotag in Ismaning warnen sie zugleich vor Touchscreens und einer zunehmenden Verlagerung wichtiger Funktionen in digitale Menüs.
Handy und Fahrzeug erhöhen das Risiko
Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik, sagte, mindestens 30 Prozent der Unfälle seien durch Ablenkung verursacht. In der polizeilichen Unfallursachenstatistik liege der Anteil dagegen bei rund 1,5 Prozent.
Die Allianz führt die Differenz darauf zurück, dass Ablenkung nach Unfällen oft nur schwer nachweisbar ist. Zudem könne das Fahrzeug selbst zur Ablenkungsquelle werden, wenn Fahrer während der Fahrt Funktionen auf einem Touchscreen suchen oder einstellen.
Simulation zeigt Folgen bei Notbremsung
Für die Untersuchung werteten die Forscher rund siebzig Studien aus aller Welt aus und kombinierten deren Erkenntnisse mit Computersimulationen. Modelliert wurden verschiedene Fahrertypen sowie Situationen mit Ablenkung und Alkohol am Steuer.
Bei einer Vollbremsung des vorausfahrenden Fahrzeugs kam es in der Simulation bei abgelenkten Fahrern in 54,3 Prozent der Fälle zu einem Auffahrunfall. Waren die Fahrer nicht abgelenkt, lag der Anteil bei 18,2 Prozent.
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Kind auf der Straße als kritische Situation
Wenn ein Kind unvermittelt auf die Straße läuft, stieg das Unfallrisiko in der Simulation von 3,9 auf 11,2 Prozent. In manchen Situationen lag es bei abgelenkten Fahrern sogar über dem Risiko bei einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille.
Frank Sommerfeld, Chef der Allianz Sachversicherung in Deutschland, sagte, Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer.
Allianz fordert wieder mehr Bedienknöpfe
Die Unfallforscher kritisieren nicht grundsätzlich die Nutzung von Touchscreens. Nach Sahrs Worten sollten jedoch fünf sicherheitsrelevante Funktionen über physische Schalter erreichbar sein: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnblinker und Scheibenbelüftung.
In einer aktuellen Umfrage unter 1.200 Autofahrerinnen und Autofahrern bevorzugten 70 Prozent herkömmliche Schalter und Tasten. Mehr als drei Viertel, 77 Prozent, sahen in der fortschreitenden Digitalisierung der Fahrzeuge ein steigendes Ablenkungsrisiko.
Fahrzeuge sollen Aufmerksamkeit zurücklenken
Sahr forderte außerdem, Fahrzeuge sollten Fahrer in gefährlichen Situationen aktiv unterstützen. Dazu gehörten eine sofortige Warnung und die Vermeidung der Bedienung des Touchscreens, wenn die volle Aufmerksamkeit für den Verkehr erforderlich ist.
Die Allianz-Studie ordnet Ablenkung als Problem ein, das über die klassische Handynutzung hinausgeht. Digitale Funktionen im Fahrzeug können Aufmerksamkeit binden, wenn Fahrer während der Fahrt Menüs durchsuchen oder sicherheitsrelevante Einstellungen auf einem Bildschirm vornehmen müssen. Damit verschiebt sich die Verantwortung teilweise von der individuellen Disziplin hin zur Gestaltung von Fahrzeugen.
Die von der Allianz genannten Simulationswerte verdeutlichen den möglichen Unterschied zwischen konzentriertem und abgelenktem Fahren. Auffahrunfälle entstehen häufig in Situationen, in denen nur wenige Sekunden für eine Reaktion bleiben. Dass das Risiko bei einem plötzlich auf die Straße laufenden Kind ebenfalls deutlich steigt, betrifft besonders innerstädtische Bereiche, Schulwege und Wohnstraßen.
Digitale Bedienung als Sicherheitsfrage
Die Debatte über Touchscreens berührt deshalb nicht nur Komfort und Design, sondern auch Verkehrssicherheit. Physische Bedienelemente für Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnblinker und Scheibenbelüftung könnten nach der Allianz-Einschätzung dazu beitragen, den Blick länger auf der Straße zu halten. Zugleich bleiben Fahrer dafür verantwortlich, Bedienvorgänge möglichst nicht während der Fahrt auszuführen.
Die aktuelle Diskussion knüpft an die weiterhin hohe Aufmerksamkeit für Handynutzung am Steuer an. Eine Meldung des Südwestrundfunks verwies auf Kontrollen des Auto Club Europa, bei denen im Durchschnitt 3,3 Prozent der überprüften Fahrzeuge eine erkennbare Smartphone-Nutzung zeigten. Die Allianz erweitert diesen Blick: Gefahren können demnach auch aus der Bedienlogik des Autos selbst entstehen.

