Elektrische Lkw: Mahle-Chef sieht „Kampf der Giganten“ zwischen Europa und China
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMahle-Chef Arnd Franz sieht den globalen Wettbewerb um die Elektrifizierung von Lastkraftwagen als offenen „Kampf der Giganten“ und warnt vor einer vorschnellen Abschreibung europäischer Hersteller.
Europäische und chinesische Hersteller im Wandel zum E-Lkw
Auf der Branchenmesse IAA Transportation in Hannover erklärte Franz, das Nutzfahrzeugsegment befinde sich bei der Elektrifizierung noch in einem wesentlich früheren Stadium als der Pkw-Markt. Die europäischen Hersteller dominierten große Teile des Weltmarkts, während chinesische Anbieter den heimischen Markt in China prägten. Mit dem Übergang zu elektrisch angetriebenen Lastkraftwagen könnten sich diese Kräfteverhältnisse verändern, da Technologie und Wertschöpfungskette eine zentrale Rolle spielten.
China dominiert Batteriewertschöpfung – Mahle setzt auf Ingenieurskunst
Franz betonte, die Wertschöpfungskette für Batterien sei nahezu vollständig in China angesiedelt. Zugleich warnte er davor, die europäische Ingenieurskunst zu unterschätzen. Wichtig seien Fahrzeuge, die passgenau auf die Bedürfnisse der hiesigen Kunden zugeschnitten seien. Dies könne ein neuer Marktteilnehmer nicht kurzfristig lernen. Ein belastbares Händler- und Servicenetz sei für Speditionen überlebenswichtig; entsprechend sei es für Neueinsteiger anspruchsvoll, im konservativen europäischen Markt Fuß zu fassen.
Mahle im intensiven Wettbewerb mit chinesischen Zulieferern
Der Zulieferer aus Stuttgart arbeitet nach Angaben von Franz global mit allen großen Nutzfahrzeugherstellern zusammen. Der Wettbewerb mit chinesischen Zulieferern gehöre derzeit zu den intensivsten Feldern, in denen sich Mahle bewege. Rund 20 Prozent des Konzernumsatzes entfallen demnach auf das Nutzfahrzeuggeschäft, dessen Bedarf nach Einschätzung von Franz stärker wachsen wird als die Weltwirtschaft insgesamt.
Wachstumserwartungen und Fokus auf China und Indien
Nach seinen Angaben sind auf dem Weltmarkt Wachstumsraten von über drei Prozent pro Jahr für Nutzfahrzeuge denkbar, Mahle wolle schneller wachsen als der Markt. Franz kann sich einen deutlich höheren Marktanteil in China vorstellen und erwartet, dass das Unternehmen weiter vom Wirtschaftswachstum in Indien profitiert. Die Elektrifizierung bewertet er als wichtigen Wachstumstreiber, da Mahle beim batterieelektrischen Lkw fast doppelt so viel Umsatz pro Fahrzeug erzielen könne wie beim Verbrenner.
Ausblick auf Brennstoffzellen und Konzernzahlen
Für den Fall, dass im kommenden Jahrzehnt mehr Brennstoffzellen-Lkw eingesetzt werden, sieht Franz ein nochmals deutlich steigendes Umsatzpotenzial pro Fahrzeug. Im Jahr 2025 ging der Umsatz von Mahle von 11,68 auf rund 11,26 Milliarden Euro zurück, das Konzernergebnis sank von 22 auf 20 Millionen Euro. Zugleich verzeichnete Mahle damit das dritte Jahr in Folge schwarze Zahlen, nachdem zuvor mehrere Jahre Verluste geschrieben worden waren. In den vergangenen Jahren hat der Konzern mehrere Sparprogramme aufgelegt, im Zuge derer auch zahlreiche Stellen abgebaut wurden.
Mahle im Umbruch der globalen Nutzfahrzeugindustrie
Die Aussagen von Mahle-Chef Arnd Franz auf der IAA Transportation in Hannover stehen für einen tiefgreifenden Strukturwandel in der Nutzfahrzeugbranche. Während der Markt für Elektro-Pkw bereits mehrere Jahre Erfahrung mit Technik, Ladeinfrastruktur und Geschäftsmodellen gesammelt hat, befindet sich der Bereich der schweren Lkw erst am Anfang einer breiten Elektrifizierung. Für Zulieferer wie Mahle bedeutet dies einerseits Risiken durch den Rückgang klassischer Verbrennertechnik, andererseits neue Chancen durch zusätzliche Komponenten in batterieelektrischen und perspektivisch auch brennstoffzellenbetriebenen Fahrzeugen.
Starke Stellung Europas, Dominanz Chinas bei Batterien
Franz verweist auf die weiterhin starke Position europäischer Lkw-Hersteller in vielen Weltregionen, gleichzeitig aber auf die nahezu vollständig in China verankerte Wertschöpfungskette für Batterien. Diese Konstellation prägt den Wettbewerb: Europäische Anbieter verfügen über langjährige Kundenbeziehungen, Service- und Händlernetze sowie Erfahrung mit anspruchsvollen Logistikanforderungen, während chinesische Unternehmen kostengünstige Batterietechnik und große Produktionskapazitäten einbringen. Die Einschätzung, dass „die Karten noch gemischt werden“, spiegelt die offene Frage wider, wie schnell sich chinesische Hersteller auf den konservativen europäischen Speditionsmarkt einstellen können.
Wachstumstreiber Elektrifizierung und regionale Dynamik
Mahle positioniert sich als globaler Zulieferer, der mit allen großen Nutzfahrzeugherstellern zusammenarbeitet und speziell im intensiven Wettbewerb mit chinesischen Zulieferern steht. Das erwartete stärkere Wachstum des Nutzfahrzeugbedarfs gegenüber der Weltwirtschaft unterstreicht die strategische Bedeutung des Geschäftssegments. Besonders relevant sind dabei Wachstumsregionen wie China und Indien, in denen Mahle zusätzliche Marktanteile gewinnen möchte. Die Elektrifizierung gilt als zentraler Wachstumstreiber, weil der Umsatz pro Fahrzeug für Mahle bei batterieelektrischen Lkw deutlich höher ausfällt als bei klassischen Dieselantrieben und bei einer Zunahme von Brennstoffzellenfahrzeugen weiter steigen könnte.
