Employment, Rights

Employment Rights Act: Kündigungsschutz in GB sinkt auf 6 Monate

27.05.2026 - 05:30:46 | boerse-global.de

Die geplante Reform des Arbeitsrechts in Großbritannien führt zu Zurückhaltung bei Neueinstellungen und verstärkter Automatisierung in Unternehmen.

Employment Rights Act: Kündigungsschutz in GB sinkt auf 6 Monate - Foto: über boerse-global.de
Employment Rights Act: Kündigungsschutz in GB sinkt auf 6 Monate - Foto: über boerse-global.de

Die geplante Reform des Arbeitsrechts in Großbritannien sorgt für tiefgreifende Veränderungen in der Personalstrategie vieler Unternehmen. Mit dem Employment Rights Act 2025 stehen die umfassendsten Arbeitnehmerschutzrechte seit Jahrzehnten bevor – und die Wirtschaft reagiert mit Zurückhaltung bei Neueinstellungen sowie verstärkten Investitionen in Automatisierung.

Kündigungsschutz wird massiv ausgeweitet

Die Kernbestandteile des Gesetzes treten am 1. Januar 2027 in Kraft. Die wohl gravierendste Änderung: Die Wartezeit für Kündigungsschutzklagen sinkt von zwei Jahren auf nur noch sechs Monate. Bislang galt in Großbritannien eine zweijährige Probezeit, in der Arbeitgeber ohne Angabe von Gründen kündigen konnten. Künftig genügen bereits sechs Monate Betriebszugehörigkeit, um vor dem Arbeitsgericht gegen eine Entlassung vorzugehen.

Anzeige

Während sich die rechtlichen Rahmenbedingungen international verschärfen, ist auch hierzulande ein präzises Leistungsmanagement entscheidend für den Unternehmenserfolg. Erfahrene Führungskräfte nutzen strukturierte Leitfäden, um faire und rechtssichere Feedbackrunden zu gewährleisten. 9 kostenlose Vorlagen für bessere Mitarbeitergespräche jetzt herunterladen

Hinzu kommt die Abschaffung der bisherigen Schadensersatzobergrenze bei ungerechtfertigten Kündigungen. Lag diese bislang bei maximal 123.543 Britischen Pfund oder 52 Wochen Bruttogehalt, drohen Unternehmen künftig unbegrenzte Zahlungen. Auch das umstrittene „Fire and Rehire"-Verfahren – bei dem Arbeitgeber Mitarbeiter entlassen und zu schlechteren Konditionen wieder einstellen – wird praktisch unmöglich. Es gilt künftig als automatisch unfair, es sei denn, das Unternehmen befindet sich in einer nachweislich schweren finanziellen Notlage.

Die Frist für die Einreichung von Klagen vor dem Arbeitsgericht verlängert sich zudem von drei auf sechs Monate. Bei Massenentlassungen verdoppelt sich die maximale Entschädigung für unterlassene Konsultationen auf 180 Tage ungedeckeltes Gehalt pro betroffenem Mitarbeiter.

Flexible Arbeitsmodelle werden einklagbar

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesetzes betrifft die Arbeitszeitflexibilisierung. Zwar gibt es keinen automatischen Rechtsanspruch auf Homeoffice oder Teilzeit, doch die Hürden für Arbeitgeber, solche Anträge abzulehnen, steigen erheblich. Unternehmen müssen künftig stichhaltige Gründe liefern und diese auch belegen können. Pauschale Ablehnungen – etwa mit Verweis auf eine verpflichtende Rückkehr ins Büro – dürften vor Gericht kaum Bestand haben. Bei Verstößen drohen Zahlungen von bis zu acht Wochengehältern.

Wirtschaft reagiert mit Einstellungsstopp

Die Reaktion der britischen Wirtschaft fällt deutlich aus. Eine Umfrage des Institute of Directors (IoD) zeigt: 86 Prozent der Geschäftsführer erwarten negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Zum Vergleich: Im Mai 2025 lag dieser Wert noch bei 72 Prozent.

Die konkreten Folgen für den Arbeitsmarkt sind bereits absehbar:

  • 63 Prozent der befragten Direktoren planen, weniger Personal einzustellen
  • 57 Prozent wollen verstärkt in Automatisierung investieren
  • 44 Prozent gehen bei Neueinstellungen deutlich vorsichtiger vor – direkt wegen der neuen Sechs-Monats-Regel
  • 34 Prozent setzen verstärkt auf externe Dienstleister oder Subunternehmer
  • 19 Prozent haben Neueinstellungen vorübergehend ganz gestoppt

Der IoD fordert daher Nachbesserungen: Kleinere Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern sollten von bestimmten Gewerkschaftszugangsrechten ausgenommen werden. Zudem plädiert der Verband für eine Wiedereinführung der Lohnfortzahlungs-Erstattung für kleinere Betriebe und einen längeren Umsetzungszeitraum.

Reform des Krankschreibungssystems startet

Parallel zu den arbeitsrechtlichen Änderungen startet die britische Regierung Pilotprojekte zur Reform des „Fit Note"-Systems – der britischen Variante der Krankschreibung. Rund 8,7 Millionen Menschen in Großbritannien leiden derzeit unter gesundheitlichen Einschränkungen, die ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen – ein Anstieg von 2,5 Millionen innerhalb eines Jahrzehnts.

Das Arbeitsministerium (DWP) testet in vier Regionen neue Verfahren: In Birmingham, Coventry, Cornwall sowie Lancashire und South Cumbria werden bis zu 100.000 Arzttermine genutzt, um Alternativen zur herkömmlichen Krankschreibung zu erproben. Bislang werden in Großbritannien jährlich 11 Millionen „Fit Notes" ausgestellt – über 90 Prozent davon bescheinigen dem Patienten, vollständig arbeitsunfähig zu sein.

Arbeitsminister Pat McFadden kritisierte, das aktuelle System sei oft eine Sackgasse statt einer Brücke zurück in den Beruf. Die Pilotprojekte setzen daher auf Community-Gesundheitshelfer und nicht-klinische Unterstützungsteams, die individuelle Rückkehrpläne entwickeln. In einigen Regionen können Ärzte künftig ganz auf die traditionelle Bescheinigung verzichten und Patienten direkt an Unterstützungsdienste überweisen.

Gerichte am Limit: 58.000 unerledigte Fälle

Die Durchsetzung der neuen Rechte steht allerdings vor einem massiven strukturellen Problem. Die britischen Arbeitsgerichte kämpfen mit rund 58.000 unerledigten Fällen – ein Anstieg von 76 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2023/24. Haupttreiber sind Diskriminierungs- und Whistleblower-Klagen.

Die Lage ist so angespannt, dass Verhandlungen teilweise erst für 2028 oder 2029 terminiert werden. Zwischen Klageeinreichung und Zustellung an den Arbeitgeber vergehen mitunter bis zu sechs Monate. Diese administrative Überlastung trifft auf einen ohnehin angespannten Arbeitsmarkt: Die britische Arbeitslosenquote stieg im ersten Quartal 2026 um fünf Prozent.

Im April 2026 nahm zudem die neue Fair Work Agency ihre Arbeit auf, die für die Durchsetzung von Urlaubs- und Krankenvergütung sowie Mindestlohn zuständig ist. Eine Regierungskonsultation zur Regulierung von Subunternehmern und Zeitarbeitsfirmen wurde ebenfalls abgeschlossen.

Anzeige

Ein professionelles Erwartungsmanagement fängt bereits in der Probezeit an, um langwierige Konflikte vor dem Arbeitsgericht zu vermeiden. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen in fünf einfachen Schritten, wie Sie Mitarbeiterbeurteilungen objektiv und zielführend gestalten. Hier Gratis-E-Book mit 9+ Mustervorlagen sichern

Ausblick: Unternehmen müssen sich neu aufstellen

Für britische Unternehmen bedeutet die Reform einen grundlegenden Kurswechsel. Die Kombination aus unbegrenzten Abfindungen und früherem Kündigungsschutz erfordert strengere Probezeitregelungen und ein systematischeres Leistungsmanagement. Viele Betriebe dürften ihre Einstellungsprozesse überdenken und verstärkt auf Zeitarbeit oder externe Dienstleister setzen.

Ob die Reform letztlich ihr Ziel erreicht – Arbeitsverhältnisse zu stabilisieren und langfristige Beschäftigung zu fördern –, hängt maßgeblich davon ab, ob das Gesundheitssystem und die Arbeitsgerichte mit den neuen Anforderungen Schritt halten können. Für die Mehrheit der britischen Führungskräfte steht jedoch eines fest: Die Bewältigung der größten Arbeitsrechtsreform seit einer Generation wird die Personalpolitik der kommenden Jahre prägen.

Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!

Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - <b>trading-notes</b> lesen ist besser!
Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlässliche Anlage-Empfehlungen – dreimal pro Woche, direkt ins Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr. Jetzt abonnieren.
Für. Immer. Kostenlos.
de | wirtschaft | 69423273 |