EU-Gehaltsrichtlinie: Deutschland verpasst Juni-Deadline 2026
30.05.2026 - 13:39:48 | boerse-global.deWährend die Bundesregierung die Umsetzung der neuen Transparenzregeln auf 2027 verschiebt, steigen die Reallöhne so stark wie seit Jahren nicht. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen am Arbeitsmarkt.
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EU-Richtlinie: Deutschland verpasst die Deadline
Eigentlich hätte die EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz bis zum 7. Juni 2026 in nationales Recht umgesetzt werden müssen. Doch Deutschland wird dieses Ziel verfehlen. Das Bundesfamilienministerium bestätigte die Verzögerung: Zwar soll das nationale Gesetz Anfang 2027 in Kraft treten, zentrale Anforderungen wie die Berichtspflicht und das individuelle Auskunftsrecht werden aber wohl erst im Juni 2028 vollständig greifen. Grund für die Verschiebung: Die Regierung will übermäßige Bürokratielasten für die Privatwirtschaft vermeiden.
Was die neuen Regeln für Arbeitnehmer bedeuten:
- Fragen nach dem Gehalt verboten: Arbeitgeber dürfen Bewerber künftig nicht mehr nach ihrem bisherigen Verdienst fragen.
- Gehaltsspannen vor dem Vorstellungsgespräch: Unternehmen müssen Bewerbern vor dem ersten Gespräch die Gehaltsspanne für die Position nennen.
- Berichtspflicht ab 100 Mitarbeitern: Firmen müssen geschlechtsspezifische Gehaltsunterschiede offenlegen.
- Gemeinsame Prüfungen: Liegt die Lohnlücke bei mindestens fünf Prozent und ist nicht begründbar, muss eine gemeinsame Gehaltsbewertung erfolgen.
Die Diskussion um die Richtlinie ist auch international in vollem Gange. In Österreich fordert die NEOS-Partei eine Überarbeitung der Vorschriften, um die Bürokratie zu reduzieren. Besonders die Berichtspflichten für mittelständische Unternehmen stehen in der Kritik.
Gehaltsverhandlungen: So holen Arbeitnehmer mehr raus
Trotz des Trends zu mehr Transparenz zeigt eine Umfrage des HR-Dienstleisters HiBob aus dem Jahr 2026: Zwölf Prozent der Frauen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren kein Gehalt nachverhandelt. Personalexpertin Sarah Ben Allel von Qonto rät Beschäftigten, die faire Bezahlung anstreben, zu einem strategischen Vorgehen: „Dokumentieren Sie Ihre Leistungen konsequent und machen Sie sie sichtbar."
Bei vermeintlicher Ungerechtigkeit empfehlen Fachleute, konkrete Fakten zu sammeln und gezielt Transparenz über die unternehmensweite Gehaltsstruktur einzufordern.
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Was tun, wenn die Gehaltserhöhung abgelehnt wird? Der Branchenberater Ron Seifert von Korn Ferry empfiehlt eine clevere Taktik mit zwei zentralen Fragen:
- Wie trifft das Unternehmen grundsätzlich seine Vergütungsentscheidungen? – Das schafft Verständnis für die Philosophie hinter der Ablehnung.
- Welche konkreten Meilensteine oder Bedingungen müssen für eine Neuverhandlung erfüllt sein? – Und: Wann ist der nächste Termin dafür?
Reallöhne steigen – doch die Risiken bleiben
Die Kaufkraft der Beschäftigten hat sich im ersten Quartal 2026 spürbar verbessert. Die Reallöhne stiegen um 1,8 Prozent – angetrieben durch ein nominales Plus von 4,1 Prozent bei einer Inflation von 2,2 Prozent. Damit setzt sich der Aufwärtstrend bereits im dritten Jahr fort. Analysten der Hans-Böckler-Stiftung warnen jedoch vor Risiken durch internationale Konflikte, die den positiven Trend gefährden könnten.
Die stärksten Zuwächse gab es im Bergbau und bei Finanzdienstleistungen.
Tarifabschlüsse im Mai: Telekom, Bau und Elektro im Vergleich
Mehrere Branchen haben im Mai 2026 wegweisende Tarifverträge abgeschlossen:
Telekommunikation: Rund 60.000 Beschäftigte der Deutschen Telekom profitieren von einem neuen Tarifvertrag. Dieser beinhaltet einen Kündigungsschutz bis Ende 2028. Die monatlichen Zahlungen steigen im August 2026 und Juli 2027, gefolgt von einer Erhöhung der Gehaltstabellen um 2,4 Prozent im Juni 2028.
Baugewerbe: Die dritte Stufe eines bestehenden Tarifvertrags trat am 1. April 2026 in Kraft. Die Löhne steigen im Westen um 3,9 Prozent, im Osten erfolgt die vollständige Angleichung an das Westniveau.
Elektrohandwerk: Ganz anders sieht es bei den Elektrofachkräften aus. Hier gab es Anfang 2026 nur minimale Lohnsteigerungen. Experten führen diese Stagnation auf die schwächelnden Märkte für Photovoltaik und Energiespeicher zurück – und das trotz anhaltendem Fachkräftemangel.
Arbeitszufriedenheit: Licht und Schatten
Der IW-Arbeitsklima-Index zeigt: 70 Prozent der Beschäftigten bewerten ihre Arbeitsbedingungen als gut oder sehr gut. Doch die Bereiche Gehalt und berufliche Entwicklung bleiben die Felder mit dem größten Verbesserungsbedarf. Die Schere zwischen allgemeiner Zufriedenheit und konkreten Gehaltserwartungen ist nach wie vor weit geöffnet.
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