EuGH-Urteil C-110/ 24: Fahrten zum Einsatzort sind Arbeitszeit
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 22:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der deutschen Wirtschaft hat eine intensive Diskussion ĂŒber die Einhaltung von Arbeitszeitvorgaben und die daraus resultierenden KapazitĂ€tsgrenzen begonnen. Unter BerĂŒcksichtigung geltender Arbeitsschutzstandards debattieren Vertreter aus Industrie und Handwerk ĂŒber die notwendige FlexibilitĂ€t und Dauer der Wochenarbeitszeit, um die WettbewerbsfĂ€higkeit des Standorts Deutschland zu sichern.
Forderungen nach Ausweitung der Wochenarbeitszeit
Namhafte Industrievertreter fordern angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen eine Abkehr von bisherigen Arbeitszeitmodellen. Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender von Stihl, plĂ€dierte in einem Gastbeitrag fĂŒr die EinfĂŒhrung einer 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Er begrĂŒndete dies mit einem massiven RĂŒckgang der industriellen Produktion um etwa 15 Prozent innerhalb der letzten acht Jahre sowie dem monatlichen Verlust von rund 15.000 ArbeitsplĂ€tzen in der Industrie. Neben der lĂ€ngeren Arbeitszeit forderte er eine Begrenzung der SozialbeitrĂ€ge auf 40 Prozent des Bruttolohns und einen Abbau bĂŒrokratischer HĂŒrden.
Auch bei der Mercedes-Benz Group steht die Erhöhung der Arbeitszeit im Fokus der internen Debatten. Das Management strebt laut Medienberichten eine Anhebung von 35 auf 40 Wochenstunden ohne Lohnausgleich an.
Interne Analysen verdeutlichen den Kostendruck: Die Arbeitskosten pro Stunde liegen an Standorten wie Cugir in RumÀnien um 81,7 Prozent und in Kecskemét in Ungarn um 75 Prozent unter dem deutschen Niveau.
In Ungarn wurde die KapazitĂ€t bereits durch Investitionen von rund einer Milliarde Euro von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge verdoppelt. Ohne eine Einigung zur ArbeitszeitverlĂ€ngerung in Deutschland ziehen Konzern-Insider auch WerksschlieĂungen als Option in Betracht, wenngleich bisher kein formeller Beschluss vorliegt.
Diskrepanz zwischen politischer Debatte und ArbeitsrealitÀt
Eine Umfrage des Instituts Appinio im Auftrag von Indeed unter 1.000 BeschĂ€ftigten zeigt ein geteiltes Bild der Belegschaft. Zwar arbeitet fast drei Viertel der Befragten bereits mehr als vertraglich vereinbart, und mehr als die HĂ€lfte signalisierte die Bereitschaft zu weiteren Ăberstunden.
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Dennoch empfindet fast die HĂ€lfte der Teilnehmer die politische Debatte um eine generelle Ausweitung der Arbeitszeit als demotivierend. Experten wie Virginia Sondergeld weisen darauf hin, dass Anreize wie ein höheres Grundgehalt, steuerliche Privilegien oder flexiblere Zeitmodelle fĂŒr die Akzeptanz entscheidend seien.
Gleichzeitig verschĂ€rfen rechtliche Rahmenbedingungen die Anforderungen an die KapazitĂ€tsplanung. Der EuropĂ€ische Gerichtshof entschied bereits (Az. C-110/24), dass vom Arbeitgeber organisierte Fahrten zum Einsatzort als vollwertige Arbeitszeit zu werten sind. Dies hat insbesondere fĂŒr das Handwerk und Dienstleistungsberufe erhebliche finanzielle Auswirkungen.
Zudem unterstrich das Bundesarbeitsgericht die Pflicht zur genauen Zeiterfassung und stellte klar, dass PausenabzĂŒge nicht pauschal erfolgen dĂŒrfen, sondern die tatsĂ€chliche freie ZeitverfĂŒgung des Arbeitnehmers voraussetzen.
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KapazitÀtsanpassungen und Arbeitsschutz im Handwerk
Im Bereich der erneuerbaren Energien und des Bauhandwerks wurden zum 1. September 2026 neue Standards gesetzt. Eine erweiterte VerbĂ€ndevereinbarung, an der unter anderem der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) und der Metallbau-Bundesverband beteiligt sind, regelt verbindliche Anforderungen fĂŒr Sicherheitsvorkehrungen bei Dacharbeiten. Damit soll der Arbeitsschutz bei der Installation von Photovoltaikanlagen erhöht werden, wobei kritische Arbeiten an elektrischen Anlagen weiterhin ElektrofachkrĂ€ften vorbehalten bleiben.
WĂ€hrenddessen kĂ€mpfen Standorte wie das VW-Werk in Zwickau mit sinkenden Auslastungen. Trotz einer theoretischen KapazitĂ€t von 360.000 Fahrzeugen werden fĂŒr das Jahr 2026 nur etwa 202.000 Einheiten erwartet.
Als Reaktion darauf wird die Belegschaft reduziert und neue GeschÀftsfelder wie die Fahrzeugdemontage erschlossen. Hier sollen bis Ende 2026 zunÀchst rund 100 BeschÀftigte tÀtig sein, mit dem Ziel, die KapazitÀt langfristig auf bis zu 15.000 Fahrzeuge pro Jahr auszuweiten.
Die IG Metall Baden-WĂŒrttemberg bereitet sich unterdessen auf die Tarifrunde ab dem 7. Oktober 2026 vor. Die Gewerkschaft fordert Entgelterhöhungen von "3 plus x Prozent" und lehnt unbezahlte Mehrarbeit strikt ab, da dies einer StundenlohnkĂŒrzung von etwa 12,5 Prozent gleichkĂ€me. Ein bundesweiter Aktionstag der Automobilwerker ist fĂŒr den 21. September angekĂŒndigt.
