EZB-Zinspause, DIW

EZB lässt Zinsen unverändert – DIW nennt Pause riskant

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 16:48 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS
Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen trotz gestiegener Inflation unverändert. DIW-Chef Marcel Fratzscher warnt, dass dadurch die Inflationserwartungen steigen und die Glaubwürdigkeit der Notenbank leiden könnten.

Inflationskurs der EZB bleibt offen

  • DIW-Chef Marcel Fratzscher bewertet die Zinspause der EZB als verständlich, aber riskant.
  • Die Inflationserwartungen liegen laut Fratzscher auf fĂĽnf Jahre bei 2,5 Prozent.
  • Eine mögliche Korrektur der EZB-Inflationsprognose wird fĂĽr Dezember erwartet.
EZB (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

DIW warnt vor Risiken der EZB-Zinspause

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor Gefahren, nachdem die EZB nach der Ratssitzung am Donnerstag die Leitzinsen unverändert gelassen hat. DIW-Chef Marcel Fratzscher bezeichnete die Entscheidung als verständlich, aber riskant.

Inflationsrisiken bleiben bestehen

Nach Einschätzung des DIW sind die Inflationsrisiken weiterhin nach oben gerichtet. Der Krieg im Nahen Osten und gestiegene Energiepreise könnten dazu führen, dass die Inflation auch im kommenden Jahr höher ausfällt als bisher erwartet.

Fratzscher erwartet deshalb, dass die EZB im Dezember ihre Inflationsprognose nach oben korrigieren wird. Zugleich räumte er ein, dass bislang keine signifikanten Zweitrundeneffekte erkennbar seien.

Keine klare Preis-Lohn-Spirale

Weder bei Unternehmensgewinnen noch bei Löhnen gebe es klare Anzeichen für eine sich selbst verstärkende Preis-Lohn-Spirale. Auch die Kerninflation sei weniger stark gestiegen als die Gesamtinflation.

Die größere Sorge sieht Fratzscher bei den Inflationserwartungen. Sie liegen auf fünf Jahre bei 2,5 Prozent und damit deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB.

EZB zwischen Wachstum und Preisstabilität

Eine Zinserhöhung hätte nach Einschätzung des DIW ein klares Signal senden können, dass die EZB ihr Inflationsziel konsequent verteidigt. Gegen eine sofortige Anhebung spricht jedoch, dass die Turbulenzen an den Anleihemärkten die Finanzierungsbedingungen bereits deutlich verschärft haben.

Damit könnte eine zusätzliche Zinserhöhung die schwache wirtschaftliche Erholung weiter bremsen. Fratzscher fasste das Dilemma so zusammen: „Ein zu schnelles Handeln könnte die Wirtschaft unnötig schwächen, ein zu langes Abwarten die Inflationserwartungen verfestigen.“

Die EZB steht nach der Zinspause vor einem klassischen geldpolitischen Zielkonflikt: Sie muss die Inflation zurückführen, ohne eine ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich zu belasten. Steigende Energiepreise und geopolitische Spannungen erschweren die Einschätzung, weil sie die Teuerung unmittelbar erhöhen, zugleich aber die Nachfrage und das Wachstum dämpfen können.

Inflationsrisiken und Finanzmärkte

Die aktuelle Entscheidung fällt in ein Umfeld, in dem sich die Finanzierungsbedingungen an den Anleihemärkten bereits verschärft haben. Höhere Renditen verteuern Kredite für Staaten, Unternehmen und private Haushalte und wirken damit ähnlich bremsend wie eine zusätzliche Leitzinserhöhung. Das kann der EZB zunächst Spielraum verschaffen, ersetzt aber keine klare Reaktion, falls sich die Inflationserwartungen dauerhaft vom Zwei-Prozent-Ziel entfernen.

Für Verbraucher bedeutet die Entwicklung vor allem, dass Kredite und Finanzierungen teuer bleiben können, während Energiepreise die Haushaltsbudgets zusätzlich belasten. Sparer profitieren grundsätzlich von höheren Zinsen, müssen aber berücksichtigen, dass eine anhaltend erhöhte Inflation die reale Kaufkraft ihrer Erträge mindert.

Entscheidung im Dezember

Entscheidend werden die kommenden Daten zu Energiepreisen, Löhnen, Kerninflation und Inflationserwartungen. Bleiben Zweitrundeneffekte begrenzt, kann die EZB weitere Informationen abwarten. Verfestigen sich dagegen die Erwartungen oder steigen die Preise breiter, dürfte der Druck auf eine weitere Zinserhöhung zunehmen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Euronews: „EZB hält Zins bei 2,5%, Lagarde kündigt frühen Abschied bei fast doppelt so hoher Inflation an“ (29.10.2026)

Der Beitrag bestätigt die unveränderten Leitzinsen und stellt die Entscheidung in den Zusammenhang mit einer deutlich über dem EZB-Ziel liegenden Inflation. Einen zusätzlichen Schwerpunkt legt er auf verschärfte Finanzierungsbedingungen, steigende französische Anleiherenditen und den angekündigten Abschied von Christine Lagarde.

Tagesschau: „Europäische Zentralbank hält Leitzins unverändert“ (29.10.2026)

Auch dieser Bericht bestätigt die Zinspause bei einem Einlagenzins von 2,5 Prozent und verweist auf die erhöhte Inflation im Euroraum. Anders als Euronews konzentriert sich der Beitrag stärker auf die geldpolitische Entscheidung und die mögliche weitere Entwicklung bis zur Dezembersitzung; die offene Frage bleibt der künftige Zinspfad.

Beide Beiträge ordnen die Zinspause als Reaktion auf eine weiterhin hohe Inflation ein. Unterschiede bestehen vor allem beim Schwerpunkt: Finanzmarkt- und Personalfragen stehen einer stärker geldpolitischen Betrachtung gegenüber.

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