Fernarbeit belastet psychisch: 46,9% unter innerer Anspannung
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 11:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der modernen Arbeitswelt besteht ein deutliches Spannungsfeld zwischen der Flexibilität des Homeoffice und den operativen Erfordernissen der Betriebe.
Laut einer Studie von Deloitte in Kooperation mit der Universität Graz, über die am 23. September 2026 berichtet wurde, können in sieben von zehn Unternehmen mindestens 50 Prozent der Beschäftigten regelmäßig von zu Hause aus arbeiten. In großen Organisationen haben sich dabei zwei bis drei Tage Fernarbeit pro Woche als Standard etabliert.
Akzeptanz und Erwartungshaltungen auf dem Arbeitsmarkt
Die Untersuchung, für die rund 500 Personen befragt wurden, verdeutlicht die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Etwa jeder dritte Befragte gab an, gerne häufiger im Homeoffice arbeiten zu wollen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Recruiting wider.
Die Hälfte der befragten Unternehmen beobachtet bei Bewerbern einen gestiegenen Wunsch nach ortsunabhängigem Arbeiten. Neun von zehn Betrieben betrachten flexible Arbeitsmodelle mittlerweile primär als Benefit für die Belegschaft.
Ergänzende Daten einer Umfrage von Clickmeeting im DACH-Raum unterstreichen diese Tendenz. Demnach arbeiten 66 Prozent der Befragten gerne oder äußerst gerne aus der Distanz, während lediglich 9 Prozent dieses Modell grundsätzlich ablehnen.
Als wesentlichen Vorteil nannten 69 Prozent die Zeitersparnis. Bei der Wahl des Arbeitsmodells bevorzugen 54 Prozent eine hybride Lösung, 31 Prozent wünschen sich dauerhafte Fernarbeit und 15 Prozent favorisieren die reine Präsenz im Büro.
Auswirkungen auf Gesundheit, Produktivität und soziale Bindung
Bettina Kubicek von der Universität Graz wies darauf hin, dass Homeoffice die Arbeitgeberattraktivität sowie die Gesundheit und Produktivität der Beschäftigten positiv beeinflussen könne.
Allerdings gebe es Defizite beim informellen Austausch und der Vernetzung innerhalb der Belegschaft. Eine Analyse des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) bestätigte, dass fehlender sozialer Kontakt das Wohlbefinden und die Zusammenarbeit negativ beeinträchtigen kann.
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Statistiken der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigen zudem eine Tendenz zu längeren Arbeitszeiten und dem häufigeren Verzicht auf Pausen im Homeoffice.
Auch die psychische Belastung rückt in den Fokus: Laut einer Studie der IU Internationalen Hochschule fühlen sich 44,2 Prozent der Befragten gedanklich ständig erreichbar und 46,9 Prozent empfinden eine innerliche Anspannung. Die „Future Forum Pulse“-Studie ergänzt, dass sich 35 Prozent der Wissensarbeiter in Deutschland ausgebrannt fühlen.
Technologische Hürden und infrastrukturelle Defizite
Trotz der weiten Verbreitung mangelt es in vielen Bereichen an der notwendigen Ausstattung. Eine Studie von Ricoh zeigt, dass lediglich 30 Prozent der europäischen Arbeitnehmer über alle Technologien verfügen, die für eine nahtlose Zusammenarbeit erforderlich wären. 20 Prozent haben keinen Zugriff auf gängige Software wie Microsoft Teams oder Zoom. Zudem räumten 24 Prozent der Führungskräfte ein, dass die bereitgestellten Werkzeuge nicht den Erwartungen entsprechen.
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Auch ergonomische Aspekte bleiben oft unberücksichtigt. Das ifo-Institut verweist auf Richtlinien, nach denen Büroarbeitsplätze etwa 8 bis 10 Quadratmeter Grundfläche und eine Beleuchtung von mindestens 500 Lux aufweisen sollten. Die BAuA empfiehlt für die Arbeit am Bildschirm spezifische Sitzpositionen und Abstände, um körperliche Belastungen zu minimieren.
Zukünftige Modelle und chronobiologische Aspekte
Mit Blick auf die Zukunft zeigt die „State of Hybrid Work“-Studie von Owl Labs für das Jahr 2026, dass Hybridarbeit in Deutschland mit 52,7 Prozent stärker etabliert ist als in Frankreich oder den USA. Ein interessanter Aspekt für die Mitarbeiterbindung ist die Arbeitszeitgestaltung: 58,1 Prozent der Befragten würden für eine Vier-Tage-Woche auf einen Teil ihres Gehalts verzichten.
Experten wie der Chronobiologe Till Roenneberg betonen zudem die Bedeutung des individuellen Biorhythmus. Da nur etwa 20 Prozent der Menschen Frühaufsteher sind, fördern starre Kernarbeitszeiten oft einen gesundheitsschädlichen „sozialen Jetlag“. Eine Anpassung der Arbeitszeiten an den jeweiligen Chronotyp könne laut Fachleuten die Tagesmüdigkeit senken und die Zufriedenheit signifikant steigern.
