GdB unter 50: BAuA zeigt mehr Leistungsdruck und weniger Einfluss im Job
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 05:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deGesundheitliche BeeintrĂ€chtigungen am Arbeitsplatz stellen BeschĂ€ftigte und Betriebe vor komplexe Herausforderungen. Eine detaillierte Betrachtung der Arbeitsbedingungen liefert das Faktenblatt âErwerbsteilhabe im Vergleichâ der Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), das auf Daten der BIBB/BAuA-ErwerbstĂ€tigenbefragung 2024 basiert.
Die Untersuchung verdeutlicht, dass BeschÀftigte mit einem Grad der Behinderung (GdB) von unter 50 im Arbeitsalltag hÀufiger von körperlichen und psychischen Anforderungen betroffen sind als Kolleginnen und Kollegen mit einem GdB von mindestens 50.
Erhöhter Leistungsdruck bei fehlendem Schwerbehindertenstatus
Der Grad der Behinderung wird in Deutschland behördlich in Zehnerschritten von 20 bis 100 bemessen. Erst ab einem Wert von 50 gilt eine Person offiziell als schwerbehindert, womit besondere gesetzliche Schutzrechte und FörderansprĂŒche greifen.
Wie die BAuA aufzeigt, stehen ErwerbstĂ€tige mit einem GdB unter 50 ĂŒberdurchschnittlich oft unter starkem Termin- und Leistungsdruck. Zudem verfĂŒgen sie nach den Erhebungen ĂŒber weniger Einflussmöglichkeiten auf ihre eigene Arbeit und können seltener auf ausgleichende betriebliche Ressourcen zurĂŒckgreifen als BeschĂ€ftigte mit einem GdB von 50 oder mehr.
Die Ergebnisse unterstreichen bestehende SchutzlĂŒcken bei gesundheitlichen EinschrĂ€nkungen, die formal unterhalb der Schwelle zur Schwerbehinderung liegen. Auf die Problematik nicht unmittelbar erkennbarer EinschrĂ€nkungen verweist auch die nordrhein-westfĂ€lische Landesbeauftragte fĂŒr Menschen mit Behinderung sowie fĂŒr Patientinnen und Patienten, Claudia Middendorf.
Chronische Erkrankungen sowie psychische und neurologische BeeintrĂ€chtigungen erschwerten den Alltag, ohne dass sie im betrieblichen Umfeld Ă€uĂerlich wahrnehmbar seien. Middendorf plĂ€diert daher fĂŒr mehr VerstĂ€ndnis, flexible Arbeitszeiten, zusĂ€tzliche Ruhepausen und reizĂ€rmere Arbeitsumgebungen, um Inklusion als echte Teilhabe statt als reine Reduktion auf Defizite zu leben.
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Rahmenbedingungen von Arbeitszeit und Belastung
Die Frage der passenden Rahmenbedingungen gewinnt vor dem Hintergrund allgemeiner arbeitszeitbezogener Belastungen an Gewicht. Nach Erhebungen des DGB-Index Gute Arbeit 2025, auf die Dr. Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hinweist, arbeiten 43 Prozent der BeschĂ€ftigten hĂ€ufig lĂ€nger als acht Stunden pro Tag, ĂŒberwiegend unfreiwillig. Nahezu die HĂ€lfte der Betroffenen fĂŒhle sich nach solchen EinsĂ€tzen regelmĂ€Ăig erschöpft oder ausgebrannt.
Zudem erhöhen verkĂŒrzte Ruhezeiten von unter elf Stunden laut WSI das Erschöpfungsrisiko merklich; rund ein Drittel aller ErwerbstĂ€tigen könne nach Dienstende nicht mehr ausreichend abschalten.
WĂ€hrend die Bundesregierung die tĂ€gliche Höchstarbeitszeit zugunsten flexiblerer Wochenarbeitszeiten abschaffen will, zeigt die WSI-Erwerbspersonenbefragung 2024 den wachsenden Druck im Zuge des demografischen Wandels: Ăber die HĂ€lfte der Betriebe meldet EngpĂ€sse an ArbeitskrĂ€ften, wĂ€hrend fast ein Viertel der Belegschaften zwischen 55 und 64 Jahre alt ist.
Fast die HĂ€lfte der BeschĂ€ftigten mit PlĂ€nen fĂŒr den Ruhestand könnte sich einen spĂ€teren Renteneintritt vorstellen, wenn mehr Zeit, gesĂŒndere Bedingungen und gröĂere Mitbestimmung gewĂ€hrleistet wĂ€ren.
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Aufwand und Fördermittel bei der Umsetzung
FĂŒr die Eingliederung stellt die Bundesagentur fĂŒr Arbeit erheliche finanzielle Mittel bereit; sie fördert die BeschĂ€ftigung von Menschen mit Behinderungen mit fast drei Milliarden Euro pro Jahr. Dennoch verlĂ€uft die praktische Umsetzung im betrieblichen Alltag nicht ohne HĂŒrden.
Laut der IAB-OnJoB-Befragung vom FrĂŒhjahr 2025 schĂ€tzen 15 Prozent der Befragten auf operativer Ebene die Zugangschancen als verschlechtert ein, auf der oberen FĂŒhrungsebene sind es 8 Prozent. Einen gestiegenen Abstimmungsaufwand bei der Inklusion konstatieren insgesamt 37 Prozent aller befragten Fach- und FĂŒhrungskrĂ€fte.
AnsĂ€tze zur BewĂ€ltigung dieser HĂŒrden beschreibt Arbeitspsychologin Dr. Lyudmila Praslova, unter anderem anhand von Prinzipien fĂŒr inklusive und neurodiverse ArbeitsplĂ€tze. Dazu zĂ€hlen transparente Entscheidungsverfahren, ergebnisorientierte Leistungsbewertungen und flexible Zeitmodelle, die es BeschĂ€ftigten mit chronischen oder unsichtbaren BeeintrĂ€chtigungen ermöglichen, ihr Leistungspotenzial im Erwerbsleben stabil abzurufen.
