Gehaltstransparenz: Nur 25% der Thüringer Stellenanzeigen nennen Zahlen
Veröffentlicht am: 04.08.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Thüringen geben nur rund 25 Prozent der Stellenanzeigen Auskunft über das Gehalt. Damit liegt der Freistaat im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld – während die EU auf mehr Offenheit drängt und Deutschland die Umsetzung der entsprechenden Richtlinie erneut verschiebt.
Die Zurückhaltung trifft auf einen Arbeitsmarkt, der an Dynamik verliert. Der Hays-Fachkräfte-Index für das zweite Quartal 2026 zeigt: Die Gesamtnachfrage sank um 26 Prozentpunkte auf 36 Prozent. Besonders hart trifft es die IT-Security-Branche mit einem Minus von 136 Punkten.
EU-Richtlinie kommt erst 2027
Die gesetzliche Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie verzögert sich weiter. Das Bundeskabinett soll zwar im August 2026 über die Vorlage beraten, die vollständige nationale Umsetzung wird aber erst für Anfang 2027 erwartet. Umfassende Berichtspflichten für Unternehmen sollen sogar erst ab Juni 2028 greifen.
Öffentliche Arbeitgeber müssen die Vorgaben bereits seit dem 8. Juni 2026 erfüllen. Die Unterschiede sind deutlich: Der Gender Pay Gap liegt im öffentlichen Dienst bei etwa 4 Prozent, in der Privatwirtschaft bei rund 17 Prozent. Andere Erhebungen beziffern die allgemeine Lohnlücke für Frauen auf durchschnittlich 18 Prozent.
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BAG begrenzt Auskunftsanspruch
Die Rechtsprechung hat bestehende Ansprüche bereits konkretisiert. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) entschied am 19. Februar 2026 (Az. 8 AZR 83/25): Der Auskunftsanspruch nach dem Entgelttransparenzgesetz bezieht sich nur auf das letzte abgeschlossene Kalenderjahr und ist auf den eigenen Betrieb beschränkt. Ein unternehmensweiter Anspruch besteht nicht. Zugleich stellten die Richter klar: Betriebsratsmitglieder verlieren durch ihr Amt keinen individuellen Auskunftsanspruch.
Andere EU-Staaten sind weiter. In Italien können Beschäftigte seit Juni 2026 Durchschnittsgehälter einfordern. Bis Ende Juli haben dort bereits 8 Prozent der Unternehmen entsprechende Anfragen erhalten.
Tarifbindung sinkt – Lidl macht es anders
Ein Grund für die mangelnde Transparenz könnte die schwindende Tarifbindung sein. Laut einer IAB-Studie fielen 2023 nur noch 49 Prozent der Beschäftigten unter einen Tarifvertrag – 2000 waren es noch 68 Prozent. Besonders Geringverdiener sind betroffen: In der untersten Einkommensgruppe sank die Quote von 41 Prozent (2010) auf 34 Prozent (2021).
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Es gibt aber Gegenbeispiele. Lidl veröffentlichte zum Start des Ausbildungsjahres konkrete Zahlen: Azubis erhalten je nach Lehrjahr zwischen 1.250 und 1.500 Euro monatlich, dual Studierende zwischen 1.650 und 1.950 Euro.
Derweil beobachten Experten ein Paradoxon: Trotz sinkender Nachfrage bleibt der Fachkräftemangel in einigen Bereichen akut. Der Ingenieurmonitor meldete für das vierte Quartal 2025 über 58.000 arbeitslose Fachkräfte in IT und Ingenieurwesen – bei fast 97.000 unbesetzten Stellen. Ähnlich in Großbritannien: Die Zahl der Stellenanzeigen sank seit Anfang 2026 um 11 Prozent, doch der Anteil mit geforderten KI-Kompetenzen erreichte im Juli einen Rekordwert von 9,4 Prozent.
