Gesundheitssystem: Ambulante Pauschalen kosten Kassen 640 Millionen 2026
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 03:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die EinfĂĽhrung spezieller Fallpauschalen fĂĽr ambulante Behandlungen hat im deutschen Gesundheitssystem unerwartet hohe Kosten verursacht. Eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, dass sogenannte Hybrid-DRG im Jahr 2025 Mehrausgaben von rund 360 Millionen Euro hervorgerufen haben.
Statt der erhofften Einsparungen durch eine Verlagerung von stationären Eingriffen in den ambulanten Sektor zeichnet sich eine deutliche finanzielle Belastung für die gesetzlichen Krankenkassen ab.
Deutlicher Anstieg bei Fallzahlen und Kassenausgaben
Die Abrechnung über Hybrid-DRG gilt seit 2024 nach § 115f SGB V und umfasst aktuell einen Katalog von 69 Fallpauschalen. Im Jahr 2025 legten die Fallzahlen dieser speziellen Pauschalen im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent zu. Parallel dazu kletterten die inflationsbereinigten Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) um 14 Prozent nach oben.
Der Zuwachs verteilte sich dabei sehr ungleich auf die verschiedenen Leistungserbringer. Bei den Vertragsärzten stiegen die Hybrid-DRG-Fälle um 65 Prozent an, was einer Zunahme von rund 219.000 auf rund 363.000 Fälle entspricht.
Im Bereich der Krankenhäuser fiel das Wachstum verhaltener aus: Dort erhöhten sich die Fälle um 6 Prozent von rund 932.000 auf rund 986.000. Der Aufwärtstrend setzt sich auch im laufenden Jahr fort.
Im ersten Quartal 2026 stiegen die Fallzahlen um weitere 5 Prozent, während die Ausgaben um 7 Prozent beziehungsweise 160 Millionen Euro zulegten. Für das Gesamtjahr 2026 wird eine Prognose von bis zu 640 Millionen Euro Mehrausgaben durch die Pauschalen genannt.
Ambulantisierungspotenzial bleibt unausgeschöpft
Der Hybrid-DRG- und der AOP-Katalog umfassen zusammen über 3.300 ambulant durchführbare Leistungen. Das strukturelle Verlagerungspotenzial im System gilt weiterhin als erheblich. Der Barmer-Versorgungskompass 2025 weist aus, dass jeder fünfte vollstationäre Fall – entsprechend knapp 3,5 Millionen Behandlungen – grundsätzlich ambulant behandelbar wäre.
Im Jahr 2019 lag dieser Wert noch um eine Million Fälle höher. Die ambulant-sensitiven Fälle beliefen sich 2025 auf circa 4,67 Millionen, nachdem sie 2019 bei circa 5 Millionen gelegen hatten.
Die WIdO-Analyse zeigt: Hybrid-DRG haben 2026 rund 360 Millionen Euro Mehrausgaben verursacht — statt der erhofften Einsparungen durch die Verlagerung stationärer Eingriffe in den ambulanten Sektor. Wer die 69 Fallpauschalen nach § 115f SGB V korrekt abbilden und das eigene Ambulantisierungspotenzial beziffern will, findet in diesem Report die entscheidenden Rechenwege. Kostenlosen Hybrid-DRG-Report anfordern
Regional zeigen sich dabei deutliche Unterschiede: Das Länderpotenzial für eine ambulante Behandlung lag 2025 in Bremen bei 17,8 Prozent, in Berlin bei 19,8 Prozent, in Bayern bei 19,2 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern bei 21,9 Prozent.
Druck auf Kliniken wächst weiter
Die Debatte um die ambulante Vergütung trifft auf eine angespannte wirtschaftliche Lage im stationären Sektor. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) gilt bis zum Jahr 2030 nahezu jede zweite Klinik als insolvenzgefährdet.
DKG-Chef Gaß warnte, dass im Jahr 2027 ein Erlösverlust von 8 Prozent drohe. Für 2030 prognostizierte er, dass 49 Prozent aller Krankenhausstandorte eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit aufweisen könnten und jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet sei.
Zugleich belastet der bürokratische Aufwand das Personal in den Einrichtungen. Nach einer DKI-Blitzumfrage für die DKG aus dem Jahr 2024 bindet die Dokumentation ein Drittel der Arbeitszeit von Ärzten und Pflegekräften, was rund drei Stunden täglich entspricht.
Entlastung versprechen digitale Technologien: Eine KI-gestĂĽtzte Sprachdokumentation arbeitet rund viermal schneller, Arztbriefe sind zu ĂĽber 80 Prozent vorausgefĂĽllt und der Nachsorgebedarf wird am Aufnahmetag mit einer Genauigkeit von 90 Prozent erkannt.
In mehreren Bundesländern spitzt sich die Finanznot der Träger dennoch zu. Kommunale und kirchliche Klinikträger in Baden-Württemberg – darunter der Landkreistag, der Städtetag, der Gemeindetag, die Kirchen sowie die BWGK – warnen vor einer Insolvenzwelle.
Bis 2030 gilt nahezu jede zweite Klinik als insolvenzgefährdet, und die Dokumentation bindet ein Drittel der ärztlichen und pflegerischen Arbeitszeit — rund drei Stunden täglich. Dieser Report zeigt, wie KI-gestützte Sprachdokumentation und vorausgefüllte Arztbriefe die Erlös- und Personalsituation im stationären Betrieb entlasten können. KI-Dokumentations-Fahrplan jetzt sichern
Die Defizite steigen laut Prognose von 880 Millionen Euro im Jahr 2026 auf 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2027. Während Träger ein Nothilfeprogramm fordern, verwies Bundesminister Özdemir zuvor an den Bund. Einzelne Häuser wie das Marienhospital Stuttgart-Süd sind bereits insolvent.
Kommt es zu weiteren Pleiten, fordert die Zusatzversorgungskasse Ausgleichsbeträge für Betriebsrenten. Für Baden-Württemberg könnte dies mehrere Milliarden Euro bedeuten, welche die Kommunen aus dem laufenden Haushalt finanzieren müssten.
