Gewerkschaften attackieren Ampel-Koalition bei Mai-Kundgebungen
01.05.2026 - 13:06:02 | boerse-global.deDer Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Einzelgewerkschaften haben die Bundesregierung bei den diesjĂ€hrigen Mai-Kundgebungen scharf attackiert. Unter dem Motto âJobs first, dann eure Profiteâ warnten die Arbeitnehmervertreter vor einer systematischen Aushöhlung des Sozialstaats. Die Proteste fallen in eine Phase verschĂ€rfter Tarifkonflikte und Machtverschiebungen in den BetriebsrĂ€ten.
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âGenereller Angriff auf den Sozialstaatâ
Bereits im Vorfeld der zentralen Kundgebungen in NĂŒrnberg und Bielefeld bezogen die Gewerkschaftsspitzen klar Stellung gegen die ReformplĂ€ne der Koalition. Frank Werneke, Vorsitzender von ver.di, sprach in Bielefeld von einem âgenerellen Angriff auf den Sozialstaatâ. Der Fokus mĂŒsse auf der Sicherung von ArbeitsplĂ€tzen liegen, nicht auf Unternehmensgewinnen. Werneke verwies auf ein wachsendes kommunales Defizit von ĂŒber 30 Milliarden Euro jĂ€hrlich â ein Beleg fĂŒr eine systemische Finanzierungskrise.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Zukunft der gesetzlichen Rente. Der Beitragssatz liege zwar auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren, dennoch sei die Altersarmut weiterhin drĂ€ngend. Werneke forderte eine umfassende Steuerreform: Vermögensteuer, höhere Erbschaftssteuern fĂŒr GroĂvermögen und eine Anhebung des Spitzensteuersatzes. Der DGB hat ârote Linienâ fĂŒr kĂŒnftige Verhandlungen gezogen â KĂŒrzungen bei der Rente oder Angriffe auf die Arbeitszeit lehnt er strikt ab.
Eine vom DGB eingesetzte Rentenkommission soll im Juni konkrete VorschlĂ€ge vorlegen. Ziel: Altersarmut verhindern und langfristige StabilitĂ€t fĂŒr Rentner sichern. UnterstĂŒtzt wird die Initiative von einem neu gegrĂŒndeten SozialbĂŒndnis aus 14 Organisationen, das rund 20 Millionen Menschen vertritt.
Gesundheitsreform und Haushaltsstreit
Die Unzufriedenheit der Arbeitnehmervertreter hat durch einen Kabinettsbeschluss vom 29. April zusĂ€tzliche Nahrung erhalten. Die Bundesregierung plant, die BundeszuschĂŒsse zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ab 2027 von 14,5 auf 12,5 Milliarden Euro jĂ€hrlich zu senken.
Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, kritisierte den Schritt scharf: âDie Regierung versucht, den Bundeshaushalt auf Kosten der Beitragszahler zu sanieren.â Zwar konnten die Gewerkschaften direkte KĂŒrzungen beim Krankengeld verhindern, doch die Verlagerung der finanziellen Last bereitet ihnen Sorge. Die GKV hatte 2024 ein Defizit von knapp zehn Milliarden Euro. Die RĂŒckzahlung von 5,6 Milliarden Euro Krediten wurde bereits auf den Zeitraum 2035 bis 2039 verschoben.
Auch die âAktivrenteâ â steuerfreies Arbeiten neben der Rente â steht im Fokus. Die Regierung sieht darin ein Mittel gegen den FachkrĂ€ftemangel. DGB-Chefin Yasmin Fahimi zeigte sich skeptisch. Auf der zentralen Kundgebung in NĂŒrnberg lehnte sie VorschlĂ€ge des Finanzministeriums ab, mehr befristete VertrĂ€ge fĂŒr innovationsgetriebene Investitionen zuzulassen.
Wellen von ArbeitskÀmpfen
Die scharfe Rhetorik spiegelt sich in einer Welle von ArbeitskÀmpfen wider. Seit Ende April beteiligen sich tausende BeschÀftigte an Warnstreiks, um den Druck in den laufenden Tarifverhandlungen zu erhöhen.
Bei der Deutschen Telekom legten mehr als 7.500 Mitarbeiter die Arbeit nieder, nachdem die zweite Verhandlungsrunde am 27. April ohne Angebot des Unternehmens endete. Ver.di fordert 6,6 Prozent mehr Lohn, einen Bonus von 660 Euro fĂŒr Gewerkschaftsmitglieder und deutlich höhere VergĂŒtungen fĂŒr Auszubildende. Weitere Streiks am 30. April in Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz fĂŒhrten zu Verzögerungen bei Technikerterminen und lĂ€ngeren Wartezeiten in Servicecentern.
Harte Tarifauseinandersetzungen mĂŒnden oft in komplexen Verhandlungen ĂŒber die kĂŒnftige Ausrichtung des Unternehmens. Erfahrene Arbeitnehmervertreter nutzen in solchen Krisenzeiten den Wirtschaftsausschuss als echtes Kontrollwerkzeug, um Transparenz von der GeschĂ€ftsleitung einzufordern. Gratis-Guide mit 25 Fragen an die GeschĂ€ftsleitung herunterladen
Auch der Bankensektor ist betroffen. Rund 9.000 Postbank-BeschĂ€ftigte wurden fĂŒr den 30. April und 2. Mai zu Warnstreiks aufgerufen. WĂ€hrend Online-Banking und Bargeldversorgung ĂŒber Partnerbanken funktionierten, blieben viele Filialen geschlossen.
Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk rief ver.di fĂŒr den 30. April zu Streiks bei NDR, WDR und BR auf. Die Gewerkschaft wirft den Intendanten vor, die Verhandlungen zu verschleppen â nach einem ersten Angebot von null bis zwei Prozent ĂŒber drei Jahre. Ver.di fordert sieben Prozent fĂŒr Festangestellte und Freiberufler.
Erfolge gab es dagegen am Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Die BeschĂ€ftigten stimmten am 30. April mit 75,6 Prozent fĂŒr einen neuen Tarifvertrag. Er sieht Einmalzahlungen und eine gestaffelte Gehaltserhöhung ab Mai vor. Festgefahren sind dagegen die Verhandlungen im Einzel- und GroĂhandel in Nord- und SĂŒddeutschland. Die nĂ€chsten GesprĂ€che sind fĂŒr Ende Mai angesetzt.
Machtwechsel in BetriebsrÀten
WĂ€hrend die Proteste auf der StraĂe dominieren, verĂ€ndern sich auch die MachtverhĂ€ltnisse in den Betrieben. Die jĂŒngsten Betriebsratswahlen zeigen einen Wandel in den traditionellen Strukturen groĂer deutscher Unternehmen.
Bei SAP wurde am 30. April Nathalie Boulay zur neuen Betriebsratsvorsitzenden gewĂ€hlt. Sie löst Eberhard Schick ab, einen langjĂ€hrigen Vertreter mit engen Verbindungen zur IG Metall. Schick fĂŒhrte das Ergebnis auf eine wachsende Skepsis gegenĂŒber traditionellen Gewerkschaften im Softwarekonzern zurĂŒck.
Bei der Rheinbahn sicherte sich die Liste âEinheit der Rheinbahnâ am 30. April die absolute Mehrheit â ein klares Signal an Vorstandschefin Annette Grabbe.
Im Volkswagen-Betriebsrat in Wolfsburg dagegen gibt es interne Querelen. Die Oppositionsliste um Frank Patta hat sich nach den Wahlen im MĂ€rz 2026 in zwei Gruppen gespalten. FĂŒnf der zehn gewĂ€hlten Vertreter distanzieren sich vom ursprĂŒnglichen Programm.
Neue Regeln fĂŒr Unternehmen
Unternehmen bereiten sich auf weitreichende Ănderungen im Arbeitsrecht vor. Seit Jahresbeginn gilt ein gesetzlicher Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde. Neue Anforderungen an die digitale und manipulationssichere Zeiterfassung sind fĂŒr GroĂunternehmen 2026 Standard; kleinere Firmen haben eine Ăbergangsfrist von zwölf Monaten.
Ab Juni 2026 bringt die EU-Entgelttransparenzrichtlinie neue Pflichten fĂŒr Unternehmen mit mehr als 100 BeschĂ€ftigten. Dazu gehört ein Verbot, Bewerber nach ihrem bisherigen Gehalt zu fragen.
Ausblick: Entscheidende Monate
Die kommenden Monate werden das VerhĂ€ltnis zwischen Bundesregierung und Gewerkschaften prĂ€gen. Der Bericht der DGB-Rentenkommission im Juni dĂŒrfte den politischen Sommer bestimmen. Die anstehende Rentenanpassung zum 1. Juli wird genau auf ihre Auswirkungen auf die Kaufkraft geprĂŒft.
In der Wirtschaft stehen mehrere prominente TarifabschlĂŒsse an. Die Verhandlungen fĂŒr UniversitĂ€tsĂ€rzte sollen Ende Mai in Berlin fortgesetzt werden. Der Einzelhandel verhandelt am 8. Mai in MĂŒnchen.
Die industrielle Landschaft könnte durch die 29,4 Milliarden Euro schwere Ăbernahme von TK Elevator durch Kone verĂ€ndert werden. Der Abschluss wird fĂŒr Anfang 2027 erwartet â und hat bereits Kritik der IG Metall hervorgerufen, die eine mangelnde frĂŒhzeitige Beteiligung der Mitbestimmungsgremien bemĂ€ngelt.
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