IW sieht großes Arbeitszeit-Potenzial im öffentlichen Dienst
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 00:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSIm öffentlichen Dienst steckt nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft eine sehr große Arbeitskraftreserve. Würden alle Teilzeitbeschäftigten bei Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit aufstocken, ergäbe sich rechnerisch zusätzliches Arbeitsvolumen im Umfang von 634.000 Vollzeitkräften.
Theoretische Reserve trifft auf aktuellen Personalmangel
Der Deutsche Beamtenbund beziffert den Personalmangel im öffentlichen Dienst aktuell auf 631.000 Beschäftigte. Damit liegt die vom Institut errechnete Reserve nahezu auf dem Niveau des geschätzten Defizits, wenngleich das Institut betont, dass eine vollständige Umstellung aller Teilzeitstellen auf Vollzeit lediglich eine theoretische Obergrenze darstellt.
Nach den Angaben des Instituts ergäben sich selbst bei einem weniger weitreichenden Szenario beachtliche Zusatzeffekte. Würden Länder und Kommunen lediglich das durchschnittliche Arbeitszeitniveau von Sachsen-Anhalt erreichen, dem Bundesland mit der höchsten durchschnittlichen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst, entstünden immer noch 294.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente.
Besonders große Potenziale in Schulen und Kitas
Das theoretische Potenzial konzentriert sich vor allem in Bereichen, in denen der Personalmangel besonders stark zu spüren ist. An Schulen werden nach der Studie 153.000 mögliche Vollzeitäquivalente gesehen, in Kindertagesstätten 54.400 und in Kommunalverwaltungen 41.800.
Auch an Hochschulen sowie bei der Polizei gibt es laut Studienautor Björn Kauder relevante Reserven. An Hochschulen wird das Potenzial auf 16.000 Vollzeitäquivalente beziffert, bei der Polizei auf 10.800.
Regionale Verteilung der Arbeitskraftreserven
Die größten absoluten Reserven liegen den Berechnungen zufolge in mehreren großen Flächenländern. In Bayern werden rechnerisch 129.800 zusätzliche Vollzeitäquivalente verortet, in Nordrhein-Westfalen 115.100 und in Baden-Württemberg 111.300.
Die Zahlen deuten darauf hin, dass eine veränderte Nutzung von Teilzeit und Vollzeit im öffentlichen Dienst nicht nur auf Bundesebene, sondern vor allem in den Ländern und Kommunen erhebliche Auswirkungen auf die verfügbaren Personalkapazitäten haben könnte.
Die Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigen, wie groß die Spannbreite zwischen tatsächlicher Beschäftigung und möglichem Arbeitsvolumen im öffentlichen Dienst ist. Die Gegenüberstellung mit der Zahl des Deutschen Beamtenbundes verdeutlicht, dass die theoretische Reserve nahezu deckungsgleich mit dem aktuell geschätzten Personalmangel ausfällt. Damit wird ein politisch und administrativ sensibles Thema berührt: die Frage, ob bestehende Strukturen und Arbeitszeitmodelle im öffentlichen Dienst ausreichend ausgeschöpft werden.
Zugleich macht der Hinweis auf die „theoretische Obergrenze“ deutlich, dass eine vollständige Umstellung aller Teilzeitstellen auf Vollzeit in der Praxis kaum realistisch ist. Viele Beschäftigte wählen Teilzeit aus Gründen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wegen Pflegeverantwortung oder gesundheitlicher Einschränkungen. Eine rein rechnerische Lösung über längere Arbeitszeiten würde daher soziale und arbeitsrechtliche Fragen aufwerfen und könnte den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber unattraktiver machen. Die Studie legt aber nahe, dass es Spielräume gibt, etwa durch freiwillige Arbeitszeiterhöhungen, flexiblere Modelle oder bessere Rahmenbedingungen.
Strukturelle Herausforderungen im öffentlichen Dienst
Die besonders hohen Potenziale in Schulen, Kitas, Hochschulen, Kommunalverwaltungen und bei der Polizei zeigen, wo der Druck im Alltag für Bürgerinnen und Bürger am größten ist. Lehrkräftemangel, überlastete Kitas, lange Bearbeitungszeiten in Behörden oder zusätzliche Aufgaben für die Polizei wirken sich direkt auf Bildungschancen, Betreuungssicherheit und staatliche Leistungsfähigkeit aus. Wenn hier zusätzliche Vollzeitäquivalente mobilisiert würden, könnte dies spürbare Entlastungen bringen – vorausgesetzt, entsprechende Budgets, Personalentwicklungskonzepte und organisatorische Anpassungen stehen bereit.
Regionale Unterschiede und politische Optionen
Die großen Reserven in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sowie der Vergleich mit Sachsen-Anhalt als Land mit der höchsten durchschnittlichen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst verweisen auf erhebliche regionale Unterschiede. Für die Landespolitik eröffnet dies verschiedene Optionen: von gezielten Kampagnen zur Arbeitszeiterhöhung über Anreizsysteme bis hin zu strukturellen Reformen, etwa beim Personaleinsatz oder der Aufgabenverteilung zwischen Ebenen. Für die Leser bedeutet dies, dass Debatten über Arbeitszeit und Teilzeit im öffentlichen Dienst künftig stärker mit der Frage verknüpft sein dürften, wie der Staat seine Kernaufgaben zuverlässig erfüllen kann, ohne zusätzliche, schwer verfügbare Fachkräfte einstellen zu müssen.
