ROUNDUP, Rechtsstaat

Im Rechtsstaat gilt nicht das Gesetz des Dschungels

Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 11:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Im Streit um das Verfassungsgericht in Polen haben sich die Fronten zwischen dem proeuropÀischen Regierungslager und dem rechtskonservativen PrÀsidenten Karol Nawrocki weiter verhÀrtet.

In einer Fernsehansprache am Samstagabend kritisierte Regierungschef Donald Tusk den Auftritt des PrÀsidenten im GerichtsgebÀude scharf. Nawrocki wiederum empfing die Vertreter der im Parlament vertretenen Parteien zu GesprÀchen - jedoch ohne konkretes Ergebnis.

Tusk hatte den Samstag ĂŒber zunĂ€chst geschwiegen. In seiner Fernsehansprache am Abend jedoch wurde er deutlich. "Der Rechtsstaat unterscheidet sich vom Gesetz des Dschungels dadurch, dass nicht Muskeln und UnverschĂ€mtheit darĂŒber entscheiden, wer recht hat", sagte er.

Der Regierungschef spielte damit auf den Besuch des PrĂ€sidenten in dem von Demonstranten umgelagerten Verfassungsgericht in der Nacht auf Samstag an. In einem von einem Verfassungsrichter in sozialen Medien veröffentlichten Video war zu sehen, wie sich der ehemalige Amateurboxer Nawrocki mit robustem Körpereinsatz in das GerichtsgebĂ€ude gedrĂ€ngt hatte. Dabei drĂŒckte er auch eine Richterin nach unten.

"Kein ZurĂŒckweichen vor einem aggressiven SchlĂ€ger"

Tusk sagte dazu weiter: "In einem Rechtsstaat weicht ein Richter, selbst wenn es sich um eine zierliche Frau handelt, nicht vor einem aggressiven SchlĂ€ger zurĂŒck." In einem Rechtsstaat dĂŒrfe ein Politiker auch nicht das GelĂ€nde eines Gerichts betreten, um Anweisungen zu erteilen und die Richter einzuschĂŒchtern.

Der seit langem schwelende Machtkampf zwischen den beiden großen politischen Lagern um die Besetzung des Verfassungsgerichts war am Freitag eskaliert. Auslöser war eine Bekanntmachung auf der Webseite des Verfassungsgerichts. Dort hieß es, der bisherige PrĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter seien einstweilen von ihren Funktionen entbunden worden. Stattdessen werde die Richterin Anna Korwin-Piotrowska das Gericht geschĂ€ftsfĂŒhrend leiten. Seitdem protestieren AnhĂ€nger der rechtskonservativen Oppositionspartei PiS und anderer rechter Gruppierungen gegen die Ablösung des GerichtsprĂ€sidenten.

In seiner Rede betonte Tusk, der Angriff auf das Verfassungsgericht und seine Richter sei ein weiterer Schritt der Zerstörung der Rechtsstaatlichkeit durch die PiS und die von ihr gestellten PrÀsidenten: Andrzej Duda, der bis 2025 amtierte, und nun Karol Nawrocki.

Polens Regierungschef sagte weiter, er sei sich sicher, dass das Verfassungsgericht bald wieder so arbeiten werde, wie es solle. Er sehe es als Aufgabe seiner Regierung an, dem Gericht Sicherheit und die nötigen Arbeitsbedingungen zu gewÀhrleisten.

Nawrocki spricht mit Vertretern der Fraktionen

Nawrocki traf sich am Samstag mit Vertretern mehrerer Parlamentsfraktionen. Aus dem Regierungslager nahmen Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz von der christlichen PSL sowie Szymon Holownia von Polen 2050 teil. Die Fraktionen von Tusks BĂŒrgerkoalition und von der mitregierenden Linken beschlossen, nicht im PrĂ€sidentenpalast zu erscheinen. Vertreter beider Fraktionen wiesen darauf hin, dass der Zweck des Treffens vonseiten des PrĂ€sidenten nicht nĂ€her erlĂ€utert worden sei. Zu konkreten Ergebnissen wurde nichts bekannt.

Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte, man verfolge die Entwicklung im Zusammenhang mit dem Verfassungsgericht sehr aufmerksam. Es sei Aufgabe der polnischen Regierung, dafĂŒr zu sorgen, dass das Gericht im Einklang mit der polnischen Verfassung und unter Beachtung der einschlĂ€gigen Rechtsprechung des Gerichtshofs der EuropĂ€ischen Union (EuGH) arbeiten könne.

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