Industrie-Krise: BetriebsrĂ€te fordern Schutz fĂŒr 3,7 Millionen Jobs
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 04:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angesichts weitreichender AbbauplĂ€ne in der deutschen Industrie formiert sich massiver Widerstand in der Belegschaft. Der Bosch-Betriebsrat und die IG Metall haben fĂŒr den kommenden Montag einen bundesweiten Aktionstag mit GroĂdemonstrationen angekĂŒndigt, um gegen den Verlust von ArbeitsplĂ€tzen und fĂŒr eine stĂ€rkere politische UnterstĂŒtzung des Standorts Deutschland zu demonstrieren.
Bosch fordert Schutz vor chinesischer Konkurrenz
Der Betriebsratschef von Bosch, Frank Sell, fordert entschlossene Initiativen der Politik, um weiteren Stellenabbau zu verhindern und die europĂ€ische Automobilindustrie vor dem wachsenden Wettbewerbsdruck aus China zu schĂŒtzen.
In einem Positionspapier, das der UnternehmensfĂŒhrung von Bosch Mobility ĂŒbergeben wurde, mahnt die Arbeitnehmervertretung die Sicherung der heimischen Produktion an. Allein bei Bosch in Europa hĂ€ngen derzeit rund 40.000 ArbeitsplĂ€tze direkt vom Verbrennungsmotor ab. Insgesamt vertritt der Betriebsrat 74.000 BeschĂ€ftigte an rund 40 deutschen Standorten.
Die Auswirkungen der Transformation zeigen sich deutlich an einzelnen Standorten: In Bamberg sank die Zahl der BeschÀftigten von rund 10.000 zu Beginn der 2000er-Jahre auf aktuell etwa 6.000 Personen.
Zwar besteht fĂŒr den Standort eine Stellengarantie bis Ende 2027, doch die langfristige Perspektive bleibt ungewiss. Laut Branchenberichten fielen im Jahr 2025 sektorweit 50.000 Jobs weg, eine Entwicklung, die sich 2026 in Ă€hnlichem AusmaĂ fortzusetzen scheint.
Massive Einschnitte im Volkswagen-Konzern
Besonders dramatisch stellt sich die Lage im Volkswagen-Konzern dar. Ein Anfang September beschlossenes Sanierungskonzept sieht vor, die Rendite bis 2030 auf neun Prozent zu steigern. Dies soll unter anderem durch eine Halbierung der Modellzahl bis 2035 und eine Senkung der WerkskapazitÀten in Europa um 500.000 Fahrzeuge jÀhrlich erreicht werden. Nachdem bereits im Jahr 2024 rund 50.000 Stellen gestrichen wurden, sollen bis 2030 weltweit weitere 50.000 ArbeitsplÀtze wegfallen.
In Deutschland stehen Standorte wie Emden, Hannover und Zwickau zur Disposition. In Zwickau, wo die Belegschaft bereits von 11.000 auf 8.000 BeschĂ€ftigte schrumpfte, droht der Wegfall von weiteren 1.000 Stellen. Auch fĂŒr Audi Neckarsulm zeichnet sich eine ZĂ€sur ab: Nach PlĂ€nen des Vorstands soll die GroĂserienproduktion dort im Jahr 2034 enden, was 15.500 ArbeitsplĂ€tze gefĂ€hrdet.
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MinisterprĂ€sident Ăzdemir forderte fĂŒr das Werk ein E-Volumenmodell und betonte, dass die Entscheidung nicht nur betriebswirtschaftliche, sondern auch politische Dimensionen habe. Ein Zukunftskonzept fĂŒr den Standort soll bis Mitte 2027 ausgearbeitet werden.
VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo verlangte nach GesprĂ€chen mit Vertretern der Politik verbindliche Jobzusagen fĂŒr Deutschland sowie regulatorische MaĂnahmen wie Zölle auf chinesische Hybridfahrzeuge und Local-Content-Regeln.
Abbauprogramme bei BASF und Zulieferern
Auch auĂerhalb der Automobilindustrie verschĂ€rft sich die Situation. Der Chemiekonzern BASF plant, bei seiner IT-Tochter BASF Digital Solutions rund 1000 Stellen zu streichen.
Die Belegschaft soll laut Angaben der IGBCE von rund 1900 im Jahr 2026 auf unter 900 bis zum Jahr 2030 reduziert werden. Das Stammwerk in Ludwigshafen unterschritt im Mai 2026 mit weniger als 30.000 Vollzeitstellen einen historischen Tiefstand.
In der Zulieferindustrie melden weitere Unternehmen Einschnitte:
- Valeo Ebern: Abbau von 139 ArbeitsplÀtzen, primÀr in Forschung und Entwicklung.
- Schneider Electric: Rund 110 Stellen in Marktheidenfeld und Lahr sind gefÀhrdet.
- Cummins: In Marktheidenfeld-Altfeld stehen rund 350 ArbeitsplĂ€tze vor dem Aus; eine WerksschlieĂung wird geprĂŒft.
- Thermo Fisher: In Bremen sollen rund 85 Stellen gestrichen und die Produktion teilweise nach Tschechien verlagert werden.
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Konflikt um betriebliche Mitbestimmung
Flankiert wird die angespannte Lage durch eine Grundsatzdebatte ĂŒber die Rolle der BetriebsrĂ€te. BDA-PrĂ€sident Rainer Dulger forderte eine EinschrĂ€nkung der Mitbestimmungsrechte bei der EinfĂŒhrung neuer Technologien wie KĂŒnstlicher Intelligenz oder Tracking-Systemen. Er plĂ€dierte zudem fĂŒr die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages.
Dem widersprach Volker Görzel vom VDAA-Ausschuss, der zwar eine Digitalisierung der Betriebsratsarbeit befĂŒrwortete, aber vor einer Beschneidung der IT-Mitbestimmung warnte.
Die IG Metall kĂŒndigte fĂŒr den kommenden Montag Kundgebungen unter anderem in Zwickau, Dresden, Chemnitz, Berlin und Brandenburg an. Trotz einer laut Befragung stabilen KapazitĂ€tsauslastung von 63 Prozent in der Branche bauen 15 Prozent der Betriebe mit guten Aussichten Stammbelegschaft ab â vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 5 Prozent. Die Gewerkschaft bereitet sich zudem auf die anstehenden Tarifverhandlungen fĂŒr 3,7 Millionen BeschĂ€ftigte vor, die am 7. Oktober beginnen.
