Israel mobilisiert Clans im Kampf gegen Hamas
06.06.2025 - 06:35:05 | dpa.deNach öffentlicher Kritik eines israelischen Oppositionspolitikers daran bestÀtigte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, dass lokale Clans "aktiviert" worden seien, die die Hamas ablehnen. Dies sei auf Anraten ranghoher Sicherheitsbeamter geschehen. "Was ist daran schlecht? Das ist nur gut. Das rettet das Leben israelischer Soldaten", sagte Netanjahu in einer auf der Plattform X veröffentlichten Videobotschaft.
Medienberichten in den USA und Israel zufolge geht es vor allem um eine von einem Mann namens Jassir Abu Schabab angefĂŒhrte, relativ kleine Gruppe von MĂ€nnern im Raum Rafah im SĂŒden Gazas. Sie sei vom israelischen MilitĂ€r mit Kalaschnikow-Gewehren ausgerĂŒstet worden, die die Armee wĂ€hrend des Krieges von der Hamas beschlagnahmt habe, berichtete die "Times of Israel". Durch die Förderung rivalisierender Clans wie dem von Abu Schabab solle die Hamas geschwĂ€cht werden, berichtete die israelische Nachrichtenseite "Ynet".
Bericht: Israels Vorgehen birgt Risiken
Auch nach 20 Monaten Krieg ist es Israel nicht gelungen, die Hamas vollstĂ€ndig zu besiegen - unter anderem, weil keine alternative palĂ€stinensische FĂŒhrung als Ersatz installiert wurde. MinisterprĂ€sident Netanjahu hat ausgeschlossen, dass die gemĂ€Ăigtere PalĂ€stinensische Autonomiebehörde (PA) aus dem Westjordanland auch im Gazastreifen wieder die Kontrolle ĂŒbernehmen könnte. Die von PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas geleitete Organisation war 2007 von der Hamas aus dem KĂŒstengebiet vertrieben worden.
Stattdessen wolle Netanjahu nun lokale Partner im Gazastreifen stĂ€rken, die weder mit der Hamas noch mit der PA verbunden sind, berichtete das "Wall Street Journal". Doch Israels UnterstĂŒtzung fĂŒr Abu Schababs Gruppe wĂŒrde Risiken bergen. Eine Bewaffnung seiner aus schĂ€tzungsweise einigen Hundert Mann bestehenden Gruppe durch Israel erfordere "genaue Ăberwachung", damit "das nicht nach hinten losgeht", zitierte die "New York Times" einen ehemaligen israelischen Geheimdienstoffizier.
Experten warnen vor VerhÀltnissen wie in Somalia
Experten hatten schon vor mehr als einem Jahr vor einem kompletten Zusammenbruch jeglicher Ordnung und regelrechter Anarchie im Gazastreifen gewarnt. In dem abgeriegelten Gebiet drohten VerhÀltnisse wie in Somalia mit rivalisierenden Warlords, Banden und Clans. Die Hamas bezeichnet Abu Schabab als kriminellen Kollaborateur Israels. Seine Leute und die palÀstinensische Terrororganisation lieferten sich Gefechte, berichtete das "Wall Street Journal".
Abu Schabab sei unter der Herrschaft der Hamas als PlĂŒnderer von HilfsgĂŒtern bekannt gewesen, zitierte die US-Zeitung Michael Milstein, einen ehemaligen Leiter der Abteilung fĂŒr palĂ€stinensische Angelegenheiten beim israelischen MilitĂ€rgeheimdienst. Zudem mangele es ihm an breiter UnterstĂŒtzung in Gaza, weshalb Israels Plan nur geringe Erfolgsaussichten habe. Er sei sich ziemlich sicher, dass die Hamas Abu Schababs Gruppe "zerschlagen wird", sagte Milstein dem Blatt.
Israel greift erneut im Libanon an
Die israelische Luftwaffe griff unterdessen in Vororten der libanesischen Hauptstadt Beirut sowie im SĂŒden des Nachbarlandes mehrere Ziele an - nach ihren Angaben handelte es sich um unterirdische Anlagen zur Herstellung und Lagerung von Drohnen der mit der Hamas verbĂŒndeten Hisbollah-Miliz. Trotz der seit November geltenden Waffenruhe arbeite die Hisbollah-Miliz "unter der Leitung und mit finanzieller UnterstĂŒtzung iranischer TerrorfunktionĂ€re an der Herstellung von Tausenden von Drohnen", teilte das MilitĂ€r in der Nacht ĂŒber Telegram mit. Die Angaben lieĂen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
Der libanesische StaatsprĂ€sident Joseph Aoun verurteilte Israels Angriffe. Sie erfolgten am Vorabend des Opferfestes Eid al-Adha, eines der wichtigsten religiösen Feste fĂŒr Muslime weltweit.
Trotz der Vereinbarungen zwischen Israel und dem Libanon baue die Luftwaffen-Einheit der Hisbollah ihre KapazitĂ€ten mit iranischer Hilfe aus, erklĂ€rte Israels MilitĂ€r. Die Miliz hatte Israel seit Beginn des Gaza-Kriegs im Oktober 2023 mehr als ein Jahr lang mit Raketen beschossen. Sie wollte nach eigenen Angaben damit die verbĂŒndete Hamas im Gazastreifen unterstĂŒtzen. Israel antwortete mit Luftangriffen und einer Bodenoffensive.
Auslöser des Gaza-Kriegs war das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 mit etwa 1.200 Toten. Etwa 250 Menschen wurden damals zudem als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Kriegsbeginn bisher mehr als 54.600 PalĂ€stinenser in dem dicht besiedelten KĂŒstengebiet getötet. Die unabhĂ€ngig kaum ĂŒberprĂŒfbare Zahl unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und KĂ€mpfern.
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