Jugendschutz, Mindestalter

Jugendschutz digital: EU plant Mindestalter 13 und Beweislastumkehr

Veröffentlicht: 15.07.2026 um 01:14 Uhr, Redaktion boerse-global.de

EU-Kommission plant Gesetzesvorschlag für einheitliches Mindestalter von 13 Jahren auf digitalen Plattformen. Expertenrat empfiehlt Beweislastumkehr und Verbot suchtfördernder Funktionen.

EU plant Mindestalter 13: Neue Regeln für soziale Netzwerke
Ein Smartphone-Bildschirm mit leuchtendem blauem Licht, das auf eine unscharfe Hand fällt, mit digitalen Schloss-Symbolen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Grundlage ist ein 156 Seiten starkes Gutachten eines Expertenrats.

Das Gremium unter Leitung des Mediziners Jörg M. Fegert empfiehlt ein europaweit harmonisiertes Mindestalter von 13 Jahren für soziale Netzwerke, KI-Chatbots, Videoplattformen und Online-Spiele. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bekräftigte nach der Übergabe die Absicht, zeitnah einen entsprechenden Vorschlag zu präsentieren.

Gestaffeltes Zugangsmodell und Beweislastumkehr

Die Experten schlagen ein gestuftes Modell vor. Für Kinder unter zwei Jahren empfehlen sie, gänzlich auf Bildschirmzeit zu verzichten. In der Altersgruppe zwischen drei und zwölf Jahren soll elterliche Kontrolle greifen. Ab 13 Jahren ist eine schrittweise Autonomie mit altersgerechten Inhalten vorgesehen.

Ein zentraler Punkt: die Beweislastumkehr. Plattformbetreiber müssten künftig aktiv nachweisen, dass ihre Dienste für Minderjährige sicher sind. Das Gremium rät zudem zu einem Verbot suchtfördernder Funktionen – darunter automatisches Abspielen von Videos, endloses Scrollen und Push-Benachrichtigungen für Minderjährige.

Kritik von Verbraucherschützern und Digitalwirtschaft

Die Pläne stoßen auf geteiltes Echo. Marielle Findorff vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) betont, das eigentliche Problem liege im Design der Plattformen, nicht im Alter der Nutzer. Altersgrenzen allein könnten grundlegende Sicherheitsmängel nicht beheben. Sie fordert sicherere Voreinstellungen und ein Verbot manipulativer Gestaltungsmuster.

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Auch Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder spricht sich gegen pauschale Verbote aus. Er plädiert für einen risikobasierten Ansatz: Kinder sollten nicht vom digitalen Leben ausgeschlossen, sondern sicher an die Nutzung herangeführt werden.

Simeon de Brouwer von der Organisation EDRi zweifelt an der technischen Machbarkeit einer flächendeckenden Altersverifikation, die den Datenschutzstandards entspricht. Datenschutzexperten und Politiker wie Patrick Breyer kritisieren, dass eine verpflichtende Alterskontrolle letztlich alle Nutzer betreffen würde. Breyer fordert vorrangig Eingriffe in die Empfehlungssysteme der Konzerne.

Über 400 Forscher äußerten in einem offenen Schreiben wissenschaftliche Bedenken. Auch der Deutsche Ethikrat und der Kinderschutzbund lehnen pauschale Altersgrenzen ab.

Technische Hürden und politischer Zeitplan

Die EU-Kommission plant die Altersverifikation über digitale Identitätslösungen. Im Gespräch ist eine Mini-Wallet oder die EUDI-Wallet, die in Deutschland voraussichtlich Ende 2026 verfügbar sein soll. Diese basieren auf Zero-Knowledge-Proofs: Das Alter wird bestätigt, ohne dass biometrische Daten oder die Identität an die Plattform übertragen werden müssen. Berichten zufolge gibt es jedoch Sicherheitsbedenken – Prototypen der EU-Verifikations-App konnten in Tests kurzzeitig kompromittiert werden.

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Die Debatte wird von massivem Lobbyismus begleitet. Laut LobbyControl investierte die Tech-Branche zuletzt rund 73 Millionen Euro in die Einflussnahme auf EU-Ebene. Ein Großteil der relevanten Treffen in der Kommission fand mit Vertretern der Privatwirtschaft statt.

Während Mitgliedstaaten wie Frankreich bereits nationale Alleingänge mit Altersgrenzen von 15 Jahren planen, strebt Brüssel eine einheitliche Regelung an. Die Jutland-Erklärung vom Oktober 2025, die von 25 der 27 EU-Staaten unterstützt wurde, hatte bereits eine wirksamere Altersüberprüfung gefordert. Ein konkreter Gesetzesentwurf der Kommission wird für September 2026 erwartet.

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