Krankenversicherung, GKV

Krankenversicherung: GKV spart 19 Milliarden bis 2027

Veröffentlicht am: 16.08.2026 um 09:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Krankschreibung, Entgeltfortzahlung und GKV-Reformen: Die wichtigsten Fakten zu Rechten, Pflichten und Kosten für Arbeitgeber und Beschäftigte im Überblick.

Krankheitsfall im Job: Rechte, Pflichten und die neuen GKV-Regeln 2026
Ein unbesetzter, aufgeräumter Schreibtisch mit einem zugeklappten Laptop und einem Glas Wasser in einem hellen Büro. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Ausgestaltung der Rechte und Pflichten im Krankheitsfall sowie die damit verbundenen finanziellen Lasten für Arbeitgeber und Sozialsysteme unterliegen einer stetigen Entwicklung durch Rechtsprechung und Gesetzgebung. Aktuelle Auswertungen und Gerichtsurteile verdeutlichen das Spannungsfeld zwischen betrieblichen Erfordernissen, den Ansprüchen der Versicherten und der notwendigen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Grenzen der betrieblichen Kommunikation während der Krankheit

Ein wesentlicher Aspekt im Arbeitsverhältnis ist die Erreichbarkeit während einer Krankschreibung. Grundsätzliche Klarheit schuf hierzu eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 2. November 2016 (Az. 10 AZR 596/15). Die Richter legten fest, dass Arbeitgeber von arbeitsunfähig erkrankten Beschäftigten nur unter engen Voraussetzungen Auskünfte verlangen dürfen.

Ein solcher Kontakt ist demnach nur bei einem dringenden betrieblichen Anlass zulässig, wenn die Auskunft zudem zumutbar ist und nicht aufgeschoben werden kann. Umfangreiche Übergabegespräche oder die Teilnahme an Meetings gelten während der Phase der Arbeitsunfähigkeit als nicht zumutbar.

Ergänzend dazu präzisierte die Rechtsprechung die Anforderungen an den Bezug von Krankengeld. Das Sozialgericht Mannheim stellte fest, dass eine Krankschreibung allein nicht automatisch den Anspruch auf diese Lohnersatzleistung begründet. Vielmehr müsse die Erkrankung die Ausübung der konkret zuletzt ausgeübten Tätigkeit unmöglich machen.

In einem verhandelten Fall verlor eine Briefzustellerin mit Handschmerzen ihren Anspruch, da das Gericht die Funktion der Hand als nicht erheblich eingeschränkt ansah. In Zweifelsfällen kann der Medizinische Dienst (MDK) zur Prüfung herangezogen werden.

Wirtschaftliche Belastungen durch steigende Krankenstände

Die finanziellen Auswirkungen der Arbeitsunfähigkeit sind erheblich. Schätzungen zufolge beläuft sich die jährliche Entgeltfortzahlung durch Arbeitgeber auf rund 82 Milliarden Euro. Eine Auswertung der BKK Bayern für das Jahr 2025, die Daten von 44 Prozent ihrer Versicherten umfasst, unterstreicht diese Belastung.

Der allgemeine Krankenstand bei den Kassen wird mit etwa 5,9 Prozent beziffert, wobei bestimmte Branchen deutlich höhere Werte verzeichnen. So meldeten Personaldienstleister im Gesundheitswesen für das Jahr 2025 einen Krankenstand von 12 Prozent bei externen Mitarbeitenden.

Anzeige

Wer sich mit den rechtlichen Folgen langer Krankheitsphasen befasst, sollte die Fallstricke im betrieblichen Eingliederungsmanagement kennen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie sich rechtssicher auf das Gespräch vorbereiten und Ihren Arbeitsplatz schützen. BEM-Leitfaden für Arbeitnehmer und Betriebsräte kostenlos sichern

Analysen wie die Drees-Studie vom Dezember 2024 zeigen auf, dass der Krankenstand im Jahr 2023 das Niveau der Vor-Pandemie-Zeit überschritten hat. Als wesentlicher Treiber für den Anstieg der Ausgaben wird die Alterung der Belegschaften identifiziert, die für etwa 60 Prozent der Kostensteigerungen verantwortlich zeichne.

Zur oft diskutierten telefonischen Krankschreibung liegen laut Fachleuten derzeit keine belastbaren Studien vor, die eine direkte Kausalität zu veränderten Krankenständen belegen.

Gesetzgeberische Reaktionen und strukturelle Veränderungen

Um die finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung zu sichern, trat im Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in Kraft. Während der allgemeine Beitragssatz bei 14,6 Prozent verbleibt, wurde die Informationspflicht der Kassen bei einer Erhöhung des Zusatzbeitrags gestrichen.

Das Gesetz zielt auf Einsparungen von fast 19 Milliarden Euro bis zum Jahr 2027 ab. Parallel dazu sieht das im Juli 2026 beschlossene GKV-Spargesetz vor, den Bundeszuschuss für das Jahr 2027 auf 13,15 Milliarden Euro festzusetzen. Zudem wird der Herstellerabschlag für Arzneimittel von zuvor 7 Prozent auf 15,5 Prozent angehoben.

Anzeige

Angesichts steigender Krankenstände wird ein rechtssicheres Eingliederungsmanagement für Betriebe immer wichtiger. Nutzen Sie diese praxisnahe Anleitung inklusive Muster-Betriebsvereinbarung und aktuellen Urteilen für ein professionelles BEM. Kostenlose BEM-Anleitung mit Mustervorlagen herunterladen

Innerhalb der Kassenlandschaft setzt sich der Konsolidierungsprozess fort. Gab es im Jahr 1993 noch rund 1.200 Krankenkassen, ist deren Zahl heute auf 93 gesunken.

Weitere Zusammenschlüsse sind bereits terminiert: Zum 1. Oktober 2026 fusionieren die IKK Berlin Brandenburg und die IKK gesund plus, wobei der künftige Zusatzbeitrag auf 3,39 Prozent festgelegt wurde. Für Anfang 2027 ist zudem der Zusammenschluss der vivida BKK mit der BKK Scheufelen geplant.

Maßnahmen gegen Leistungsmissbrauch und Unfallstatistik

Ein weiterer Fokus liegt auf der Bekämpfung von Unregelmäßigkeiten. Im Jahr 2025 wurden über 210.000 Verdachtsfälle auf Leistungsbetrug registriert. Als Reaktion darauf nahm im Juli 2026 ein Kompetenzzentrum für Leistungsmissbrauch in Nürnberg seine Arbeit auf. Bis zum Jahr 2027 sollen bundesweit fünf regionale Zentren mit insgesamt 70 Mitarbeitern entstehen, um systematischen Betrug effektiver zu verfolgen.

Trotz der Herausforderungen im Bereich der allgemeinen Erkrankungen zeigt die Statistik der Arbeitsunfälle für 2025 eine rückläufige Tendenz. Mit 730.598 Fällen sank die Zahl der Unfälle um rund 24.000 gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle erreichte mit 335 den dritten Tiefststand in Folge, während die Wegeunfälle leicht auf 175.140 Fälle anstiegen.

Disclaimer...

de | wirtschaft | 69954057 |