Krankschreibung, AOK-Chefin

Krankschreibung: AOK-Chefin warnt vor Attestpflicht ab Tag 1

Veröffentlicht am: 25.08.2026 um 23:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

AOK-Chefin Reimann lehnt die geplante Attestpflicht ab Tag eins ab. Sie verweist auf fehlende Evidenz und hohe Praxisbelastung.

AOK-Chefin Reimann kritisiert geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag
Ein leerer Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit einem Stethoskop auf dem Schreibtisch und unbesetzten Stühlen im Hintergrund. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, hat sich am 24. August 2026 kritisch zu den Plänen der Bundeskoalition geäußert, die Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu verschärfen. Sie bezeichnete die beabsichtigte Einführung einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag als unsinnig und sprach sich zudem deutlich gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus.

Ablehnung der telefonischen Krankschreibung und neuer Attestregeln

Nach Einschätzung der AOK-Chefin stellt die telefonische Krankschreibung insbesondere während Infektionswellen ein wichtiges Instrument dar, um das Ansteckungsrisiko in Arztpraxen zu minimieren.

Ein systematischer Missbrauch dieser Regelung sei laut Reimann nicht erkennbar. Sie stützte diese Aussage auf eine Untersuchung der Barmer und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) für den Zeitraum von 2020 bis 2023. Dieser Studie zufolge entfielen lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen auf den telefonischen Weg, was keinen messbaren Einfluss auf den allgemeinen Krankenstand gehabt habe.

Zudem verwies die Verbandschefin darauf, dass die OECD im Jahr 2025 die Beibehaltung der telefonischen Krankschreibung empfohlen habe. Die nun diskutierten Änderungen der Koalition stünden im Gegensatz zu diesen fachlichen Einschätzungen.

Kapazitätsengpässe in Arztpraxen und wirtschaftliche Auswirkungen

Die geplante Verpflichtung, bereits ab dem ersten Tag einer Erkrankung ein ärztliches Attest vorzulegen, würde nach Ansicht von Reimann erhebliche Kapazitäten in der medizinischen Versorgung binden. Ärzte in Hessen prognostizieren durch diese Maßnahme ein zusätzliches Patientenaufkommen von täglich 10 bis 15 Personen pro Praxis.

Auch vonseiten der Fachwelt wird die Effektivität der Maßnahme angezweifelt. Der Arbeitsmediziner Hasselhorn gab zu bedenken, dass den Plänen die wissenschaftliche Evidenz fehle. Er warnte davor, dass die Neuregelung die Fehlzeiten sogar verlängern könnte, statt sie zu reduzieren.

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Den statistischen Anstieg der Krankenstände in den vergangenen Jahren führte Reimann unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurück, die eine lückenlosere Erfassung der Daten ermögliche.

Hintergrund der politischen Debatte sind die hohen Belastungen für die Wirtschaft. Im Jahr 2025 verzeichnete das Statistische Bundesamt durchschnittlich 15 Fehltage pro Arbeitnehmer in Deutschland. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bezifferte die Kosten für die Lohnfortzahlung im selben Jahr auf über 85 Milliarden Euro.

Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung im Fokus

Zur wirtschaftlichen Situation der Krankenkassen teilte Reimann mit, dass die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im ersten Halbjahr einen Überschuss von über 2 Milliarden Euro erzielt habe. Dem stünden jedoch steigende Ausgaben gegenüber, die Zuwachsraten von 7 bis 8 Prozent aufwiesen.

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Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz, welches Einsparungen in Höhe von 18 Milliarden Euro vorsieht, bewertete die AOK-Chefin als unzureichend, um die finanzielle Stabilität dauerhaft zu sichern.

Kritik von Ministerien und Verbänden an Koalitionsplänen

Am 25. August 2026 meldeten sich weitere Akteure zu Wort. Der niedersächsische Gesundheitsminister Philippi bezeichnete das Vorhaben der Koalition als absolut widersprüchlich. Auch die IG Metall wandte sich gegen die Pläne und kritisierte das Vorhaben, den Zugang zu Krankschreibungen zu erschweren.

Gleichzeitig warnte der Hausärzteverband vor möglichen Fehlentwicklungen bei digitalen Angeboten. Es bestehe die Gefahr des Missbrauchs bei Videosprechstunden, die über rein kommerzielle Plattformen abgewickelt werden. Die GKV schloss sich dieser Kritik an und warnte vor einer Schieflage in der medizinischen Versorgung durch solche Anbieter.

Mehr zum Thema bei n-tv: „Kein Missbrauch feststellbar: AOK-Chefin wirbt für Fortbestand der telefonischen Krankschreibung - n“

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