Krankschreibung, Attest

Krankschreibung: Attest ab dem ersten Tag statt ab dem vierten

Veröffentlicht: 02.07.2026 um 20:52 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Ab sofort gilt die Nachweispflicht fĂŒr ArbeitsunfĂ€higkeit bereits ab Tag eins. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft, Ärzte und VerbĂ€nde kritisieren die PlĂ€ne scharf.

Koalition beschließt Attestpflicht ab erstem Krankheitstag
Nahaufnahme einer Hand, die eine Ă€rztliche Krankschreibung hĂ€lt, mit einem unscharfen Hintergrund eines belebten Wartezimmers. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Arbeitnehmer mĂŒssen kĂŒnftig bereits ab dem ersten Krankheitstag ein Ă€rztliches Attest vorlegen. Die telefonische Krankschreibung, erst Ende 2023 eingefĂŒhrt, soll wieder abgeschafft werden.

Bundeskanzler Merz begrĂŒndete die Entscheidung mit dem hohen Krankenstand in Deutschland. Die Zahl der Krankentage sei ein erheblicher Wettbewerbsnachteil fĂŒr die Wirtschaft. Die Neuregelungen sind Teil eines umfassenden Programms fĂŒr Aufschwung und BeschĂ€ftigung.

Bisher war ein Attest gesetzlich erst ab dem vierten Krankheitstag verpflichtend. Ausnahmen galten nur, wenn der Arbeitgeber eine frĂŒhere Vorlage verlangte. KĂŒnftig wird die Nachweispflicht ab dem ersten Fehltag zum Standard. Betriebe können jedoch per Tarifvertrag oder betrieblicher Regelung Ausnahmen zulassen.

Mediziner schlagen Alarm

Die Ärzteschaft reagiert mit scharfer Kritik. Andreas Gassen, Chef der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung (KBV), bezeichnet das Vorhaben als „Irrsinn“. Abertausende Patienten wĂŒrden fĂŒr reine Zettelwirtschaft in die Praxen getrieben. Gassen schlĂ€gt stattdessen die EinfĂŒhrung eines Karenztages vor.

Der HausĂ€rzteverband warnt vor einer drohenden Überlastung der PrimĂ€rversorgung. Die Entscheidung sei katastrophal und löse eine enorme BĂŒrokratiewelle aus. Die telefonische Krankschreibung habe nicht zu mehr AusfĂ€llen gefĂŒhrt, betonen die Vertreter. Der beobachtete Anstieg der Fallzahlen sei ein statistischer Effekt – verursacht durch die elektronische ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) und die lĂŒckenlose Erfassung.

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Auch der GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen Ă€ußert Bedenken. Steigende Infektionsrisiken in den Wartezimmern seien die Folge, wenn Menschen bereits mit leichten ErkĂ€ltungssymptomen fĂŒr ein Attest die Praxen aufsuchen mĂŒssten. Kranke Menschen gehörten zur Genesung nach Hause.

Misstrauenskultur oder notwendige Maßnahme?

SozialverbĂ€nde und Gewerkschaften werfen der Bundesregierung vor, ein Klima des Misstrauens zu schaffen. VdK-PrĂ€sidentin Verena Bentele und Verdi-Chef Frank Werneke sprechen ĂŒbereinstimmend von einer Misstrauenskultur. Die AOK kritisiert die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung als reine Symbolpolitik.

Zustimmung kommt hingegen von den ArbeitgeberverbĂ€nden. Die Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA) begrĂŒĂŸt die Maßnahme. Auch regionale VerbĂ€nde wie Metall NRW Ă€ußern sich positiv.

Weitere Maßnahmen in Planung

Neben der Attestpflicht und dem Ende der Telefon-AU plant die Koalition weitere Anpassungen. Teilkrankschreibungen im Umfang von 25, 50 oder 75 Prozent sind im GesprĂ€ch. Unrichtige Krankschreibungen sollen kĂŒnftig hĂ€rter bestraft werden – mit Bezug auf Paragraph 278 des Strafgesetzbuchs.

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Hintergrund der Debatte sind aktuelle Daten der Krankenkassen. Die DAK berichtet fĂŒr 2025 von durchschnittlich 19,5 Fehltagen pro Versichertem, nach 19,7 Tagen im Vorjahr. WĂ€hrend Wirtschaftsvertreter und die Bundesregierung hier Handlungsbedarf sehen, warnen Politiker der Linken und der SPD-gefĂŒhrten Gesundheitsministerien vor erhöhtem Druck auf die Arbeitnehmer.

Ob Videosprechstunden als Alternative zur Vor-Ort-Untersuchung erhalten bleiben, wird innerhalb der Koalition noch diskutiert. Ein konkreter Zeitplan fĂŒr die gesetzliche Umsetzung steht noch aus.

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