Krankschreibung, Attestpflicht

Krankschreibung: Attestpflicht ab Tag eins, Telefonberatung fÀllt weg

Veröffentlicht: 10.07.2026 um 21:45 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Neue Regeln fĂŒr Krankschreibungen: Attestpflicht ab erstem Tag, telefonische Krankschreibung gestrichen. Milliardenloch der GKV soll geschlossen werden.

Bundestag beschließt Attestpflicht ab Tag eins und Reformpaket
Eine Hand hĂ€lt eine Ă€rztliche Bescheinigung. Im Hintergrund verschwimmt eine moderne BĂŒroumgebung. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

319 Abgeordnete stimmten dafĂŒr, 286 dagegen, vier enthielten sich. Kern der Reform: Die Attestpflicht gilt kĂŒnftig ab dem ersten Krankheitstag, die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft.

Neue Regeln fĂŒr die Krankschreibung

Bisher mussten Arbeitnehmer erst ab dem dritten Tag ein Ă€rztliches Attest vorlegen. Das Ă€ndert sich nun. Allerdings mĂŒssen Betroffene nicht zwingend am ersten Tag in die Praxis. Bundeskanzler Merz betonte, die Bescheinigung mĂŒsse ab Tag eins vorliegen – nicht der Praxisbesuch.

Gesundheitsministerin Warken verwies auf Videosprechstunden als digitale Alternative. Die sollen erhalten bleiben. CSU-Chef Söder verteidigte die PlÀne als notwendigen Schritt gegen Missbrauch und zur Stabilisierung der Kassenfinanzen.

Ärztevertreter schlagen Alarm. Der HausĂ€rzteverband und die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung warnen vor einer massiven Überlastung der Praxen. Die KBV rechnet mit bis zu 30 Millionen zusĂ€tzlichen Praxisbesuchen pro Jahr.

Was gilt fĂŒr bestehende ArbeitsvertrĂ€ge?

Die Reform wirft arbeitsrechtliche Fragen auf. Ein Fachanwalt fĂŒr Arbeitsrecht wies auf das GĂŒnstigkeitsprinzip hin: EnthĂ€lt ein bestehender Vertrag eine fĂŒr den Arbeitnehmer vorteilhaftere Regelung – etwa Attestpflicht erst ab Tag vier – behĂ€lt diese ihre GĂŒltigkeit. Individuelle Absprachen bleiben weiterhin möglich.

Ob die Reform den Krankenstand tatsĂ€chlich senkt, ist umstritten. Experten beobachten, dass eine Attestpflicht ab Tag eins eher zu lĂ€ngeren Krankschreibungen fĂŒhrt. Der Grund: Wer schon in der Praxis ist, lĂ€sst sich seltener nur fĂŒr ein oder zwei Tage krankschreiben.

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Die AOK-Vorsitzende bezeichnete die Maßnahme als Symbolpolitik. Es gebe keine Belege fĂŒr nennenswerten Missbrauch der bisherigen Regelungen. Daten der Barmer zeigen zudem: Die telefonische Krankschreibung machte zuletzt lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankmeldungen aus.

Milliardenloch in der GKV

Das Sparpaket soll eine prognostizierte FinanzlĂŒcke von 18,8 bis 19 Milliarden Euro fĂŒr 2027 schließen. Neben den AU-Änderungen sieht das Gesetz vor:

  • Anhebung der Zuzahlungen auf 7,50 bis 15 Euro
  • EinschrĂ€nkungen bei der beitragsfreien Mitversicherung von Familienangehörigen
  • KĂŒrzungen bei VergĂŒtungen fĂŒr Ärzte, Kliniken und Pharmaindustrie

Die GrĂŒnen warnen vor einer Insolvenzwelle bei KrankenhĂ€usern und dem Verlust von bis zu 140.000 ArbeitsplĂ€tzen. Die Pharmaindustrie kĂŒndigte an, Investitionen am Standort Deutschland zu ĂŒberdenken.

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Deutschland im europÀischen Mittelfeld

Laut OECD und IGES-Institut liegt Deutschland mit einer Krankenstandsquote von 6,8 Prozent auf Rang sieben in Europa. Eine DAK-Analyse fĂŒr 2025 wies durchschnittlich 19,5 Krankheitstage pro Versichertem aus.

Das Gesetz passiert nun den Bundesrat. Da es als nicht zustimmungspflichtig gilt, kann die LĂ€nderkammer den Vermittlungsausschuss anrufen, das Vorhaben aber nicht dauerhaft stoppen. Mit der Umsetzung der neuen Krankschreibungsregeln wird frĂŒhestens 2027 gerechnet. Ab 2028 plant die Bundesregierung zudem eine Teilkrankschreibung fĂŒr die schrittweise RĂŒckkehr in den Job.

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