Frankreichs NationalgetrÀnk gerÀt aus der Mode
30.08.2023 - 08:37:46 | dpa.deNach der Weinlese steht fĂŒr etliche Winzer in Frankreichs bekannter Anbauregion um Bordeaux im Herbst ein Einsatz mit schwerem GerĂ€t an: Auf rund 9500 Hektar FlĂ€che werden die Reben mit staatlicher Millionenhilfe herausgerissen, denn es gibt eine Ăberproduktion und wirtschaftliche Probleme. Seit lĂ€ngerem ist der Weinkonsum in Frankreich rĂŒcklĂ€ufig.
Statt zum traditionellen NationalgetrĂ€nk greifen vor allem jĂŒngere Leute lieber zu einem Bier oder verzichten ganz auf Alkohol. GeĂ€nderte Lebensgewohnheiten sind der Grund. Neben diesem Trend stellt auĂerdem der Klimawandel das Weinland Frankreich vor eine Herausforderung.
WeiĂwein ist beliebter als Rotwein
Bier hat inzwischen Wein - wenn auch mit hauchdĂŒnnem Vorsprung - bei der jĂ€hrlichen Umfrage der Marketinggesellschaft Sowine den Rang als beliebtestes GetrĂ€nk in Frankreich abgelaufen. Die Vorliebe fĂŒr Bier ist demnach bei MĂ€nnern stĂ€rker ausgeprĂ€gt als bei Frauen, und WeiĂwein ist nach der Befragung gefragter als Rotwein. Bei der Umfrage gaben 15 Prozent der Menschen in Frankreich an, keinen Alkohol zu trinken. Unter den 18- bis 25-JĂ€hrigen sind es 23 Prozent, in der Altersspanne der 50- bis 65-JĂ€hrigen nur zehn Prozent.
Der Weinkonsum sinkt in Frankreich seit lĂ€ngerem, wobei in den letzten Jahren gerade jĂŒngere Leute dem NationalgetrĂ€nk den RĂŒcken kehren, wie der Branchenverband Vin & SociĂ©tĂ© zur Jahreswende mitteilte. Innerhalb von 60 Jahren sank der Weinkonsum der Franzosen um rund 70 Prozent von ĂŒber 120 Litern pro Jahr und Einwohner 1960 auf weniger als 40 Liter im Jahr 2020. Bei den 18- bis 35-JĂ€hrigen verlor Wein von 2014 bis 2021 neun Prozentpunkte Marktanteil. 2021 entfielen 39 Prozent der EinkĂ€ufe alkoholischer GetrĂ€nke der unter 35-JĂ€hrigen auf Bier, Wein machte 27 Prozent aus.
Wein wird eher in Gesellschaft getrunken
VerĂ€nderungen in der Gesellschaft sieht der Branchenverband als Ursache. Die traditionellen Mahlzeiten, bei denen Wein auf den Tisch kommt, verlieren an Bedeutung, die Kultur des Weintrinkens werde in Familien nicht mehr automatisch weitergegeben. Auch gibt es mehr Single-Haushalte, Wein aber wird eher in Gesellschaft getrunken. Das Image des Weines mĂŒsse in Frankreich aufpoliert werden, fordert der Verband. Es gehe nicht darum, die Franzosen zum Exzess aufzurufen, sagte Vin & SociĂ©tĂ©-PrĂ€sident Samuel Montgermont. «Die Frage ist eine ganz andere: Wollen wir in den kommenden Jahren Wein auf unseren Tischen sehen oder in unseren Museen?»
Vor den Folgen des AbwĂ€rtstrends warnt der PrĂ€sident des Nationalen Komitees der Weinberufe, Bernard Farges. «Viele Weinfachleute spĂŒren die Auswirkungen der Schrumpfung des Marktes, die durch den KonsumrĂŒckgang angetrieben wird, und wozu noch der harte internationale Wettbewerb und die jĂŒngsten klimatischen UnwĂ€gbarkeiten kommen.» Erzeuger gĂ€ben den Beruf auf und fĂŒr etliche Weinbaubetriebe werde sich kein Nachfolger finden, fĂŒrchtet er.
AnbauflÀchen sollen aufgeforstet werden
Einer der Winzer im Raum Bordeaux, die einen Rodungsantrag eingereicht haben, ist AndrĂ© FaugĂšre (65). 1800 Hektoliter Rotwein erzeugt er im Schnitt pro Jahr. «Ich arbeite seit zwanzig Jahren mit WeinhĂ€ndlern zusammen, um meine Weine nach Afrika und England zu exportieren, aber der Absatz sinkt», sagte FaugĂšre kĂŒrzlich dem Sender France 3. Der sinkende Konsum treffe Rotwein stĂ€rker als WeiĂ- oder RosĂ©wein. «Ich hatte keine kurz- und mittelfristige Perspektive, also entschied ich mich fĂŒr die Rodung. Es war wirklich die Feststellung, dass sich die Essgewohnheiten geĂ€ndert haben und die Leute weniger Rotwein trinken. Und das Bier gewinnt Marktanteile.»
Bis zu 67 Millionen Euro wollen Staat, Region und der Branchenverband fĂŒr eine Restrukturierung des Weinanbaus rund um Bordeaux zahlen, kĂŒndigte Agrarminister Marc Fesneau an. Aufgegebene AnbauflĂ€chen sollen aufgeforstet werden. Insgesamt gibt es derzeit rund 110 000 Hektar AnbauflĂ€che in der Region in Westfrankreich.
Der Klimawandel macht den Winzern zu schaffen
Neben einem sinkenden Konsum machen den Winzern in Frankreich auch zunehmende Trockenperioden zu schaffen. Langfristig mĂŒsse Frankreichs Weinsektor sich auf die nötigen Anpassungen an den Klimawandel einstellen, hieĂ es kĂŒrzlich aus dem Agrarministerium. Die Regierung wolle beim Erstellen einer Strategie helfen. Das französische Weinbau-Institut riet Winzern zum Anbau klimaresistenterer Reben sowie zu Schritten, den Weinbau möglichst klimaneutral zu gestalten.
Und fĂŒhrt all dies zu einem boomenden Biermarkt in Frankreich? Nach Daten des französischen Brauereiverbands «Brasseurs de France» sind die Franzosen trotz steigenden Bierdurstes mit einem Pro-Kopf-Konsum von 33 Litern im Jahr Schlusslicht in der EU. 70 Prozent des in Frankreich getrunkenen Biers wird im Land selbst gebraut, stark im Kommen sind dabei handwerkliche Brauereien und Mikrobrauereien. Und das Gastronomieland Frankreich kann dabei mit regionalen SpezialitĂ€ten aufwarten: Rosen- und Heidelbeerbiere fĂŒhrt der Verband an, sowie ChicorĂ©ebiere im Norden, Buchweizenbiere in der Bretagne und Kastanienbiere in der ArdĂšche.
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