Mehr als eine Million Wohnungen fehlen: Beirat fordert steuerliche Anreize
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 00:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium stuft den anhaltenden Mangel an Wohnraum und hohe Mieten als gravierendes Hemmnis fĂŒr die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ein.
In einem neuen Gutachten warnt das aus 37 Ăkonominnen, Ăkonomen sowie Juristen bestehende Beratungsgremium vor erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten. Die Schaffung von mehr Wohnraum in Wachstumsregionen sei deshalb eine zentrale Aufgabe der Wirtschaftspolitik, betonte der Beiratsvorsitzende Felix Bierbrauer.
Fehlende Wohnungen behindern ArbeitskrÀftemobilitÀt
Nach EinschĂ€tzung des Gremiums, das Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche berĂ€t, schrĂ€nken teure und knappe Wohnungen die MobilitĂ€t von BeschĂ€ftigten spĂŒrbar ein.
Wenn ArbeitskrĂ€fte einen besser bezahlten Arbeitsplatz nicht annehmen könnten, weil am neuen Standort keine bezahlbare Wohnung verfĂŒgbar sei, entstĂŒnden volkswirtschaftliche Verluste. Bierbrauer verwies darauf, dass Personen, die fĂŒr eine neue Stelle umziehen, am Ende kaum mehr Geld zur VerfĂŒgung hĂ€tten.
Auch federfĂŒhrender Autor Christian Bayer von der UniversitĂ€t Bonn hob die gesamtwirtschaftliche Dimension hervor und erklĂ€rte, dass die derzeitige InvestitionsschwĂ€che in Deutschland vor allem eine BauschwĂ€che darstelle. Den vorgelegten Marktdaten zufolge fehlen hierzulande geschĂ€tzt mehr als eine Million Wohnungen.
WĂ€hrend das Bundesinstitut fĂŒr Bau-, Stadt- und Raumforschung einen Bedarf von jĂ€hrlich rund 320.000 neuen Wohnungen bis 2030 beziffert, prognostiziert das Ifo-Institut fĂŒr die Jahre 2027 und 2028 Fertigstellungszahlen von jeweils unter 200.000 Einheiten.
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Zunehmende finanzielle Belastung privater Haushalte
Die Knappheit spiegelt sich auch in den Budgets der BĂŒrger wider. Christian Bayer fĂŒhrte aus, dass Haushalte in Deutschland im Schnitt ein Drittel ihres Einkommens fĂŒr das Wohnen aufwenden; bei Ă€rmeren Haushalten erreiche dieser Anteil fast die HĂ€lfte. WĂ€hrend die Miete im Jahr 2003 noch weniger als 24 Prozent der Konsumausgaben eines durchschnittlichen Haushalts ausgemacht habe, liege dieser Wert mittlerweile bei fast 30 Prozent.
Um das Angebot auszuweiten, empfiehlt der Beirat steuerliche Erleichterungen bei berufsbedingten UmzĂŒgen sowie die Ausweisung von mehr Bauland. Zudem sollten Ă€ltere BebauungsplĂ€ne pauschal mit mehr GeschossflĂ€che versehen und Aufstockungen sowie maĂvolle Erweiterungen in bestehenden Siedlungen erleichtert werden.
Gleichzeitig kritisierten die SachverstĂ€ndigen das Ziel der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, den tĂ€glichen FlĂ€chenverbrauch fĂŒr Siedlungszwecke bis 2030 auf unter 30 Hektar und bis 2050 auf null zu senken. Diese Vorgabe mĂŒsse ĂŒberdacht und regional angepasst werden.
Kontroverse um Finanzierung und FlÀchenschutz
Zur Finanzierung kommunaler Infrastruktur schlĂ€gt der Beirat eine stĂ€rkere Beteiligung von EigentĂŒmern und Bauherren ĂŒber eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage sowie einen Planungswertausgleich vor. Wer durch zusĂ€tzliches Baurecht einen höheren GrundstĂŒckswert erhalte, solle auch mehr zu den Folgekosten beitragen, argumentiert Bayer.
Dieser VorstoĂ stöĂt auf Widerspruch bei VerbĂ€nden. Der Verband Wohneigentum (VWE) unterstĂŒtzt zwar die Ausweisung von neuem Bauland, PrĂ€sident Peter Wegner wies zusĂ€tzliche Abgaben jedoch zurĂŒck. Wer den Wohnungsmangel beheben wolle, dĂŒrfe Bauvorhaben nicht verteuern.
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Zudem verwies der Verband auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach die Neubaupreise fĂŒr konventionell gefertigte WohngebĂ€ude im August 2026 um 5,5 Prozent ĂŒber dem Stand des Vorjahresmonats lagen, wobei die Preise fĂŒr Ausbauarbeiten um 5,7 Prozent und fĂŒr Rohbauarbeiten um 5,4 Prozent zulegten.
Kritik an einer Lockerung der FlÀchenziele formulierte die Umweltrechtlerin Sabine Schlacke von der UniversitÀt Greifswald, die Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale UmweltverÀnderungen (WBGU) ist.
Ihrer Ansicht nach seien Klima- und Naturschutz gegenĂŒber dem Siedlungsbau ins Hintertreffen geraten, zudem seien ökologische Folgekosten in den Berechnungen nicht berĂŒcksichtigt worden.
Der Deutsche Mieterbund begrĂŒĂte die VorschlĂ€ge ĂŒber Bundesdirektor Florian Becker grundsĂ€tzlich, erneuerte jedoch zugleich die Forderung nach einer bundesweiten Mietpreisbremse und einem besseren KĂŒndigungsschutz.
