Ein energischer PrÀsident: Bidens Wahlkampf-Rede zur Lage der Nation
08.03.2024 - 06:56:13 | dpa.deBei der traditionellen Rede zur Lage der Nation vor beiden Parlamentskammern gab sich der Demokrat am Donnerstagabend (Ortszeit) energisch und angriffslustig. Der 81-JĂ€hrige inszenierte sich als GegenstĂŒck zu seinem voraussichtlichen Herausforderer bei der PrĂ€sidentenwahl im November, Donald Trump, den er allerdings keinmal namentlich nannte, sondern lediglich als seinen "VorgĂ€nger" bezeichnete. Dieser stehe fĂŒr Wut, Rache und die Vergangenheit, er selbst fĂŒr Anstand, WĂŒrde und Zukunftsideen, erklĂ€rte Biden. Mit Selbstironie reagierte er auf Skepsis wegen seines hohen Alters.
Biden will bei der PrĂ€sidentenwahl Anfang November fĂŒr eine zweite Amtszeit antreten, hat aber mit schweren Imageproblemen zu kĂ€mpfen. Seine Beliebtheitswerte sind im Keller - noch unter den Werten Trumps zur gleichen Zeit in dessen PrĂ€sidentschaft. Viele WĂ€hler sehen die Wirtschaft trotz Wachstums und geringer Arbeitslosigkeit in schlechtem Zustand. Zuletzt hat auch die Nahost-Politik der US-Regierung viele arabischstĂ€mmige und jĂŒngere WĂ€hler verprellt. Und viele im Land sehen Bidens weit fortgeschrittenes Alter als groĂes Problem. Der versuchte, mit seinem Auftritt bei all diesen Themen zu punkten.
Die Sache mit dem Alter
Mehrfach thematisierte Biden offensiv sein Alter. "Ich weiĂ, es sieht vielleicht nicht so aus, aber ich bin schon eine Weile dabei", scherzte er. "In meiner Laufbahn hat man mir immer wieder gesagt, ich sei zu jung und zu alt. Ob jung oder alt, ich habe immer gewusst, was Bestand hat." Bidens Alter ist seine gröĂte BĂŒrde im Wahlkampf. Er war 2021 als Ă€ltester PrĂ€sident aller Zeiten ins WeiĂe Haus eingezogen und wĂ€re am Ende einer zweiten Amtszeit 86. Biden macht regelmĂ€Ăig Schlagzeilen mit peinlichen Patzern und Versprechern, was Republikaner, allen voran Trump, regelmĂ€Ăig ausschlachten.
Vor allem in letzter Zeit hĂ€uften sich die Negativ-Schlagzeilen ĂŒber Bidens geistigen Zustand. Die viel beachtete Rede im Kongress mitten im Wahlkampf war daher auch eine Art BewĂ€hrungsprobe fĂŒr Biden, um aus dem Stimmungstief zu kommen. Der PrĂ€sident brachte die mehr als einstĂŒndige Rede ohne gröĂere peinliche Patzer oder Versprecher ĂŒber die BĂŒhne. Trump Ă€tzte parallel dennoch ohne Unterlass ĂŒber seinen Kontrahenten und setzte im Liveticker-Stil auf der von ihm mitbegrĂŒndeten Plattform Truth Social wĂ€hrend der Rede drei Dutzend BeitrĂ€ge ab, in denen er die Performance des Demokraten verspottete.
Chips, Snickers und viel Innenpolitik
Biden konzentrierte sich in weiten Teilen der Rede auf innenpolitische Themen, die viele Amerikaner im Alltag umtreiben: Inflation, Jobs, Medikamentenpreise, Mieten, Steuern, KriminalitĂ€t - aber auch die Kosten fĂŒr Chips und Schokoriegel wie Snickers. Hoch her ging es beim Thema Migration, um das im Wahlkampf besonders hart gekĂ€mpft wird. Mehrfach unterbrachen Republikaner den PrĂ€sidenten hier mit Zwischenrufen, die Biden jedoch konterte.
Der PrĂ€sident distanzierte sich klar von Trumps migrationspolitischem Kurs. "Ich werde keine Familien trennen", sagte der Demokrat. Er werde nicht die Einreise von Menschen aufgrund ihres Glaubens verbieten. Und er werde "Einwanderer nicht verteufeln und sagen, sie seien Gift im Blut unseres Landes". Stattdessen streckte Biden erneut die Hand zu den Republikanern aus und rief diese zur Zusammenarbeit auf. Zuletzt hatten die Republikaner im Kongress auf GeheiĂ Trumps ein ĂŒberparteilich ausgehandeltes Gesetz blockiert, das mehr Ressourcen zur Grenzsicherung und strengere Regeln vorsah.
Wirtschaft
Viel Zeit widmete Biden der Wirtschaftslage, denn die ökonomische Zufriedenheit der Amerikaner könnte die Wahl mit entscheiden. Und genau da hakt es. Die US-Wirtschaft steht eigentlich nicht schlecht da. Die Inflation ist deutlich zurĂŒckgegangen. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist gut. Doch bei den Menschen in den USA scheint das nicht anzukommen. Umfragen zufolge sind viele frustriert ĂŒber hohe Preise im Supermarkt. Biden pries die wirtschaftspolitischen Impulse, die er gesetzt habe, und argumentierte, diese machten sich nicht sofort bemerkbar. "Das braucht Zeit, aber das amerikanische Volk beginnt, es zu fĂŒhlen."
Nahost
Die AuĂenpolitik nahm eher weniger Raum ein. Der PrĂ€sident setzte jedoch einen besonderen Akzent zum Nahost-Konflikt, da er auch hier bei vielen WĂ€hlern zuletzt an UnterstĂŒtzung eingebĂŒĂt hat. Muslime, Amerikaner mit arabischer Herkunft und viele JĂŒngere im Land beklagen, dass die USA zu einseitig an der Seite Israels stehen und zu wenig tun, um das Leid der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung zu lindern. Unweit des Kapitols versammelten sich am Donnerstagabend Demonstranten.
Auslöser des Gaza-Krieges war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, bei dem Terroristen der islamistischen Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel 1200 Menschen ermordet und 250 entfĂŒhrt hatten. Israel reagierte mit massiven Bombardierungen und einer Bodenoffensive im Gazastreifen.
Biden prangerte bei seiner Rede nun eindringlich die dramatische humanitĂ€re Lage im Gazastreifen an, versprach den Menschen dort weitere Hilfe und ermahnte Israels FĂŒhrung, mehr fĂŒr den Schutz unschuldiger PalĂ€stinenser zu tun. Die Situation sei "herzzerreiĂend", beklagte er. "Israel muss mehr Hilfslieferungen nach Gaza zulassen", mahnte der Demokrat. "HumanitĂ€re Hilfe darf nicht zweitrangig sein oder als Verhandlungsmasse dienen."
Biden verkĂŒndete, er habe das US-MilitĂ€r angewiesen, einen temporĂ€ren Hafen an der KĂŒste des Gazastreifens einzurichten, um auf dem Seeweg Hilfe in das Gebiet zu bringen. Angesichts der katastrophalen Lage hatten die USA am vergangenen Wochenende mit Hilfslieferungen aus der Luft begonnen. Bemerkenswert ist, dass sich die USA zu diesen Schritten gezwungen sehen, da ihr VerbĂŒndeter Israel, den sie militĂ€risch im Kampf gegen die islamistische Hamas unterstĂŒtzen, humanitĂ€re Hilfe beschrĂ€nkt.
Ukraine
Biden forderte den Kongress auch erneut auf, weitere Hilfen fĂŒr die Ukraine freizugeben, die sich seit zwei Jahren gegen eine russische Invasion zur Wehr setzt. Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin werde sich nicht mit der Ukraine zufriedengeben, warnte Biden - und sagte direkt an den Kremlchef gerichtet: "Wir werden nicht weglaufen." Die USA galten in den vergangenen zwei Jahren seit dem Beginn des Krieges als wichtigster VerbĂŒndeter Kiews und lieferten in gewaltigem Umfang Waffen und Munition. Seit geraumer Zeit gibt es jedoch keinen Nachschub mehr aus den USA. Hintergrund ist eine innenpolitische Blockade im US-Kongress, wo Republikaner weitere Hilfen fĂŒr Kiew bislang verweigern.
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