ROUNDUPTerrorverdacht, Bundesanwaltschaft

Bundesanwaltschaft ermittelt zu Solingen

25.08.2024 - 15:32:16 | dpa.de

Nach dem tödlichen Messerangriff von Solingen hat die Bundesanwaltschaft den Fall an sich gezogen und ermittelt gegen den TatverdÀchtigen wegen Mordes und des Verdachts der Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Das teilte eine Sprecherin der obersten deutschen Anklagebehörde der Deutschen Presse-Agentur in Karlsruhe mit. Der VerdĂ€chtige soll noch am Sonntag einem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) vorgefĂŒhrt werden. Eine Abschiebung des verdĂ€chtigen Asylbewerbers aus Syrien scheiterte im vergangenen Jahr.

Alle Schwerverletzten sind auf dem Weg der Besserung

Am Samstagabend hatte sich nach Polizeiangaben ein 26-JĂ€hriger den Ermittlern gestellt. Der Mann habe angegeben, fĂŒr den Anschlag verantwortlich zu sein. Die Tatbeteiligung dieser Person werde intensiv geprĂŒft. Der DĂŒsseldorfer Polizei zufolge handelt es sich bei dem TatverdĂ€chtigen um einen 26-jĂ€hrigen Syrier. Nach dpa-Informationen soll er blutverschmierte Kleidung getragen haben, als er sich gestellt hat.

Die schwer verletzten Opfer sind auf dem Wege der Besserungen. "Alle vier noch stationĂ€r behandelten Patienten sind ĂŒber den Berg", sagte der medizinische GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Ă€rztlicher Direktor am stĂ€dtischen Klinikum Solingen, Thomas Standl, dem Fernsehsender Welt TV. Der Tatort in der Innenstadt war am Sonntagmorgen weiter großrĂ€umig abgesperrt. Am Vormittag kamen Hunderte Menschen zu einem Trauergottesdienst zusammen.

TatverdÀchtiger kam Ende 2022 nach Deutschland und stellte einen Asylantrag

Am Freitagabend hatte ein Mann auf einem JubilĂ€umsfest zum 650. GrĂŒndungstag der Stadt Solingen - dem "Festival der Vielfalt" - offenbar willkĂŒrlich auf Umstehende eingestochen. Anschließend entkam er im Tumult und in der anfĂ€nglichen Panik. Zwei MĂ€nner im Alter von 67 und 56 Jahren sowie eine 56 Jahre alte Frau starben. Acht Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Die Terrormiliz IS reklamierte die Tat fĂŒr sich, eine BestĂ€tigung der Sicherheitsbehörden fĂŒr ein islamistisches Tatmotiv gibt es bislang aber nicht.

Wie der "Spiegel" berichtete, kam der VerdÀchtige Ende 2022 nach Deutschland und stellte einen Antrag auf Asyl. Den Sicherheitsbehörden war er demnach bislang nicht als islamistischer Extremist bekannt. Diese Informationen wurden der Deutschen Presse-Agentur bestÀtigt.

Der Asylantrag des TatverdĂ€chtigen wurde demnach abgelehnt. Deshalb sollte er im vergangenen Jahr nach Bulgarien abgeschoben werden. Über das Land war er in die EuropĂ€ische Union eingereist. Da er zwischenzeitlich allerdings in Deutschland untergetaucht sei, sei die Abschiebung vorerst hinfĂ€llig gewesen, schrieb die "Welt" - auch der "Focus" hatte berichtet. SpĂ€ter sei der Syrer nach Solingen ĂŒberstellt worden.

Den sogenannten Dublin-Regeln ist meist jener EU-Staat fĂŒr einen Asylantrag zustĂ€ndig, auf dessen Boden der Schutzsuchende zuerst europĂ€ischen Boden betreten hat - in diesem Fall wohl Bulgarien. Zieht derjenige unerlaubt in ein anderes EU-Land wie Deutschland weiter, kann dieses ein sogenanntes Übernahmeersuchen an das betreffende Land stellen. Wenn das zustimmt, kann die Abschiebung angeordnet werden. Der Asylsuchende muss dann allerdings innerhalb einer bestimmten Frist abgeschoben werden. Gelingt das nicht, geht die ZustĂ€ndigkeit auf das Land ĂŒber, das denjenigen eigentlich ĂŒberstellen wollte.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte am Samstagabend in den ARD-"Tagesthemen" nach der Festnahme des Gesuchten: "Wir haben nicht nur einen Hinweis auf diese Person gehabt, sondern wir haben auch BeweisstĂŒcke gefunden." Konkrete Angaben zu diesen BeweisstĂŒcken machte er nicht.

IS spricht von "Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina und anderswo"

Der Islamische Staat behauptete in einer Mitteilung ĂŒber seinen Propaganda-Kanal Amak, der Angreifer sei IS-Mitglied gewesen und habe die Attacke aus "Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina und anderswo" verĂŒbt. Der Angriff habe einer "Gruppe von Christen" gegolten.

Auch die DĂŒsseldorfer Polizei erhielt nach eigenen Angaben ein angebliches Bekennerschreiben des IS. Jetzt mĂŒsse geprĂŒft werden, ob dieses Schreiben echt sei, sagte ein Polizeisprecher. Aus Ermittlerkreisen wurde darauf hingewiesen, dass der IS in der Vergangenheit schon öfter eine Tat fĂŒr sich reklamiert habe, ohne dass es belastbare Hinweise fĂŒr eine Zusammenarbeit mit dem TĂ€ter gab.

Mutmaßlich bezieht sich der IS mit der "Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina" auf den Krieg im Gazastreifen zwischen Israel und der palĂ€stinensischen Terrororganisation Hamas. Weder der IS noch das Terrornetzwerk Al-Kaida haben BĂŒndnisse mit der islamistischen Hamas. Die Gefahren durch Terrorismus und Radikalisierung in der islamischen Welt sind den Sicherheitsbehörden zufolge durch den monatelangen Krieg in Gaza aber gestiegen. Deutschland ist neben den USA einer der wichtigsten VerbĂŒndeten Israels und auch einer der wichtigsten Waffenlieferanten.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Markus Caspers hatte am Samstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Wuppertal zu den HintergrĂŒnden der Tat gesagt: "Eine Motivlage konnten wir bisher auch nicht erkennen, wir gehen aber nach den GesamtumstĂ€nden davon aus, dass der Anfangsverdacht einer terroristisch motivierten Tat nicht ausgeschlossen werden kann." Sollten sich die Hinweise auf eine terroristische Straftat verdichten, komme eine Übernahme des Falles durch den Generalbundesanwalt in Betracht. Dies ist nun geschehen.

Viele Verfahren zu islamistischem Terrorismus bei der Bundesanwaltschaft

Die Bundesanwaltschaft ist unter anderem fĂŒr Taten des islamistisch motivierten Terrorismus zustĂ€ndig. Generalbundesanwalt Jens Rommel hatte diesen bei der Jahresbilanz seiner Behörde als eine der Hauptgefahren fĂŒr Deutschland ausgemacht. Von mehr als 700 im vergangenen Jahr eingeleiteten Ermittlungsverfahren aus dem Bereich Terrorismus und Staatsschutz betrafen Rommel zufolge knapp 500 den islamistischen Terrorismus. "Deutschland ist weiterhin Ziel radikalisierter Islamisten", heißt es bei der Bundesanwaltschaft. Das Spektrum reiche vom individuell radikalisierten TĂ€ter bis zu konspirativ agierenden Terrorzellen.

Bereits am Samstagabend hatte die Polizei "unter Einbindung von KrĂ€ften von Spezialeinheiten" eine FlĂŒchtlingsunterkunft in Solingen durchsucht. Eine Person, die Kontakt zum TĂ€ter gehabt haben soll, sei auf eine Polizeiwache gebracht worden, teilte die DĂŒsseldorfer Polizei mit. Es handele sich nach aktuellem Stand um einen Zeugen.

Am frĂŒhen Samstagmorgen war ein 15 Jahre alter Jugendlicher festgenommen worden. Als möglicher Vorwurf gegen ihn steht die Nichtanzeige geplanter Straftaten im Raum.

Deutschlandweit löste die Tat in Solingen große Betroffenheit aus. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einem "furchtbaren Verbrechen". "Wir dĂŒrfen so etwas in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren und uns niemals damit abfinden. Mit der ganzen HĂ€rte des Gesetzes muss hier vorgegangen werden", sagte der SPD-Politiker bei einem Termin in Brandenburg.

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