Paketbranche: Streit um Direktanstellungsgebot spitzt sich zu
Veröffentlicht: 18.05.2026 um 23:44 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Gewerkschaften und SozialverbĂ€nde fordern ein umfassendes Verbot von Subunternehmerketten â doch die Bundesregierung setzt weiterhin auf schĂ€rfere Kontrollen statt auf ein komplettes Verbot.
Reformen reichen nicht aus
Seit Juli 2024 ist das Postrechtsmodernisierungsgesetz in Kraft. Es brachte eine Lizenzpflicht fĂŒr Paketdienste und erweiterte die Aufsicht der Bundesnetzagentur unter PrĂ€sident Klaus MĂŒller. Unternehmen mĂŒssen seither ihre ZuverlĂ€ssigkeit, finanzielle LeistungsfĂ€higkeit und Fachkunde nachweisen. Die Behörde prĂŒft zudem die Einhaltung der Arbeitsbedingungen.
Doch die Reform stoppte ausdrĂŒcklich vor einem generellen Subunternehmer-Verbot. Arbeitsminister Hubertus Heil und die Gewerkschaft ver.di hatten ursprĂŒnglich ein Direktanstellungsgebot gefordert â Ă€hnlich der Regelung, die 2020 in der Fleischindustrie eingefĂŒhrt wurde. Die Initiative Faire MobilitĂ€t sprach von einer âverpassten Chance". Statt direkter Anstellung setzte der Gesetzgeber auf strengere Kontrollpflichten fĂŒr Generalunternehmer und ein Anbieterregister.
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Die Zwei-Jahres-Frist lÀuft ab
Bestehenden Unternehmen wurde eine Ăbergangsfrist von zwei Jahren eingerĂ€umt, um die neuen Lizenzanforderungen zu erfĂŒllen. Diese Frist endet in den kommenden Monaten. Branchenbeobachter rechnen damit, dass einige kleinere Subunternehmer den Anforderungen nicht gewachsen sind und vom Markt verschwinden werden.
Das grundlegende Problem bleibt jedoch bestehen: GroĂe Generalunternehmer wie Amazon, Hermes oder DHL stellen die Infrastruktur und Technologie, wĂ€hrend die körperliche Arbeit auf der âletzten Meile" hĂ€ufig an Subunternehmer ausgelagert wird. Diese Konstruktion schĂŒtzt die Konzerne vor rechtlicher und finanzieller Verantwortung fĂŒr die Fahrer.
Streit um technische Hilfsmittel
Seit dem 1. Januar 2025 gelten zudem verschĂ€rfte Regeln fĂŒr das Gewicht von Paketen. Sendungen ĂŒber zehn Kilogramm mĂŒssen deutlich gekennzeichnet sein. Bei Paketen ĂŒber 20 Kilogramm ist entweder eine Zwei-Personen-Handhabung oder der Einsatz geeigneter technischer Hilfsmittel vorgeschrieben.
Was als âgeeignet" gilt, ist heftig umstritten. Andrea Kocsis, stellvertretende ver.di-Vorsitzende, warnt davor, einfache Sackkarren als ausreichenden Schutz zu werten. Die Gewerkschaft fordert stattdessen moderne ergonomische Systeme wie Exoskelette oder spezielle Hebevorrichtungen. FĂŒr die preissensiblen Subunternehmer sind solche Investitionen jedoch oft zu teuer.
Fortschritte beim Arbeitsschutz â aber LĂŒcken bleiben
Eine Studie des Instituts fĂŒr angewandte Sozialwissenschaften (INFAS) im Auftrag der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) zeigt Licht und Schatten. Die im Juli 2025 veröffentlichte Untersuchung befragte zwischen September 2023 und April 2024 ĂŒber 3.800 Unternehmen und BeschĂ€ftigte. Demnach fĂŒhren 68 Prozent der Betriebe GefĂ€hrdungsbeurteilungen durch â ein deutlicher Anstieg gegenĂŒber 52 Prozent im Jahr 2015. Bei Kleinstbetrieben stieg die Quote auf 61 Prozent.
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Doch fast ein Drittel der Unternehmen kommt seinen gesetzlichen Pflichten weiterhin nicht nach. Besonders problematisch: Viele Subunternehmen in der Paketbranche gehören zu den NachzĂŒglern.
Illegaler BeschÀftigung den Kampf angesagt
Der Bundestag reagierte im Herbst 2025 mit einer weiteren VerschÀrfung. Am 16. Oktober 2025 beschloss das Parlament, befristete Schutzregelungen aus dem Paketboten-Schutz-Gesetz dauerhaft zu verlÀngern. Diese Regeln waren Ende 2025 ausgelaufen und zielen auf illegale BeschÀftigung, Sozialversicherungsbetrug und die Umgehung des Mindestlohns.
Die Verstetigung gibt den Behörden â insbesondere der Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls â eine stabile rechtliche Grundlage fĂŒr Ermittlungen in Subunternehmerketten.
Der Wandel des Postmarktes
Der Druck auf die Branche wĂ€chst auch durch strukturelle VerĂ€nderungen. Die tĂ€gliche Briefmenge sank von 80 Millionen im Jahr 2000 auf rund 46 Millionen Mitte der 2020er-Jahre. Gleichzeitig explodierte das Paketaufkommen durch den E-Commerce. Seit 2025 gilt ein neuer Zustellstandard: 95 Prozent der Sendungen mĂŒssen innerhalb von drei Werktagen ankommen, 99 Prozent innerhalb von vier Werktagen.
GroĂe Anbieter wie die DHL Group konnten ihre Netze optimieren. FĂŒr die Fahrer kleiner Subunternehmen Ă€nderte sich dadurch wenig â der Druck auf dem Arbeitsmarkt bleibt hoch.
Migranten besonders betroffen
Berichte von Arbeitsberatern zeigen: Vor allem migrantische BeschĂ€ftigte sind verwundbar. Sprachbarrieren, die AbhĂ€ngigkeit vom Arbeitgeber fĂŒr Wohnraum und die undurchsichtigen Subunternehmerketten erschweren es ihnen, sich zu organisieren oder rechtliche Schritte einzuleiten.
Der Mindestlohn stieg zwar planmĂ€Ăig auf 12,82 Euro pro Stunde zu Beginn 2025. Doch Gewerkschafter argumentieren, dass viele Fahrer durch unbezahlte Ăberstunden und illegale AbzĂŒge faktisch weniger verdienen.
Ausblick: Folgt das Fleischindustrie-Modell?
Die politische Debatte dĂŒrfte sich verschĂ€rfen, sobald die Ergebnisse der Reformen von 2024 und 2025 vollstĂ€ndig evaluiert sind. Ob die Bundesregierung letztlich dem Beispiel der Fleischindustrie folgt und ein Direktanstellungsgebot fĂŒr die gesamte Paketbranche verhĂ€ngt, bleibt die entscheidende Frage. Die Ăbergangsfrist lĂ€uft ab â und der Druck von Gewerkschaften und SozialverbĂ€nden wĂ€chst.
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