Präsentismus in Deutschland: 70 Prozent arbeiten trotz Krankheitssymptomen
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 15:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Umfragen und Fachbeiträge thematisieren das Phänomen, dass Beschäftigte trotz deutlicher Krankheitssymptome zur Arbeit erscheinen, anstatt sich vollständig auszukurieren. Obwohl Mediziner und Arbeitsforscher vor den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen dieses sogenannten Präsentismus warnen, greift das Verhalten quer durch Branchen, Altersgruppen und Hierarchiestufen um sich.
Pflichtgefühl und Sorge vor Rückständen in Deutschland
Eine repräsentative telefonische Befragung der AOK Hessen unter 592 Arbeitnehmern und Selbstständigen ab 18 Jahren aus dem Oktober 2026 verdeutlicht das Ausmaß: 70 Prozent der Befragten arbeiteten trotz Symptomen, obwohl eine Erholung angemessener gewesen wäre.
Lediglich 27 Prozent gaben an, sich stets vollständig auszukurieren, während 3 Prozent keine Angabe machten. Bei der Dauer gaben 21 Prozent drei bis vier Tage an, 20 Prozent arbeiteten fünf bis zehn Tage krank und 6 Prozent sogar über 20 Tage hinweg.
Als Hauptursache nannten 44 Prozent ein starkes Pflichtgefühl, wobei dieser Wert bei den über 60-Jährigen bei 64 Prozent lag, verglichen mit 21 Prozent bei den 18- bis 29-Jährigen. 13 Prozent fürchteten den Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Jeweils 12 Prozent nannten die Sorge vor Konflikten mit Vorgesetzten oder Kollegen sowie eine befürchtete hohe Arbeitsbelastung nach der Rückkehr als Auslöser.
Dieses Verhaltensmuster zeigt sich auch auf Führungsebene. Der Longevity Leadership Report der HanseMerkur, für den das Institut Ipsos zwischen dem 13. und 24. August 2026 insgesamt 500 Führungskräfte in Deutschland befragte, ergab, dass 53 Prozent regelmäßig trotz Beschwerden arbeiten.
Zudem berichteten 60 Prozent von Schuldgefühlen bei einer Krankmeldung. 67 Prozent fiel es leichter, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu achten als auf die eigene. Als größte Belastungsfaktoren wurden Personalmangel mit 42 Prozent, ständige Erreichbarkeit mit 33 Prozent und eine hohe Arbeitsbelastung mit 30 Prozent ermittelt.
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Internationale Daten und Unterschiede zwischen Generationen
Auch außerhalb Deutschlands zeigen Erhebungen ähnliche Tendenzen. Eine Umfrage von OnePoll unter 2.000 Beschäftigten ergab, dass fast neun von zehn Befragten krank zur Arbeit gehen und 58 Prozent Druck verspüren, weiterzuarbeiten. Zwar stuften 74 Prozent ein Verbleiben zu Hause als verantwortungsvoll ein, doch nur 10 Prozent meldeten sich stets krank.
In Polen zeigte eine im Oktober 2026 durchgeführte Erhebung von UCE RESEARCH unter 1.007 Erwachsenen, dass fast 80 Prozent der unter 35-Jährigen trotz Krankheit oder Unwohlsein arbeiten. Bei Personen zwischen 35 und 44 Jahren lag der Anteil bei 68,1 Prozent, während er ab 55 Jahren unter 50 Prozent sank.
Als Hauptgründe bei den Jüngeren wurden die Angst vor Arbeitsrückständen mit fast 30 Prozent genannt; jeder Siebte in der Gruppe zwischen 25 und 34 Jahren wollte die Kollegen nicht zusätzlich belasten. Der polnische Report „??czy nas zdrowie 2025“ von enel-med hielt zudem fest, dass 34 Prozent der Beschäftigten während einer formellen Krankmeldung arbeiteten, nach 29 Prozent im Vorjahr.
In Spanien gaben im Report „Tendencia y análisis del absentismo laboral en España“ der Gi Group Holding fast sieben von zehn Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal krank gearbeitet zu haben. Die Hälfte arbeitete krank anstatt sich krankzumelden.
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Betriebliche Folgen und arbeitsrechtliche Vorgaben
Fachbeiträge unterscheiden zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Präsentismus, wobei unfreiwillige Anwesenheit das Burn-out-Risiko erhöht, zu Produktivitätsverlusten führt und das Ansteckungsrisiko steigert. Die Heimarbeit macht das Problem oft schwerer erkennbar.
Eine Auswertung der Erwerbstätigenbefragung 2024 durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigte zudem branchenspezifische Unterschiede: Erzieherinnen und Erzieher verzeichneten durchschnittlich 16 Tage, an denen sie krank zur Arbeit gingen, gegenüber 12 Tagen bei anderen Berufsgruppen.
Rechtlich gilt in Deutschland, dass Arbeitgeber erkennbar kranke Beschäftigte im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht nach Hause schicken dürfen. Die medizinische Feststellung einer Arbeitsunfähigkeit obliegt dem Arzt.
Bei einer Krankschreibung besteht nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz Anspruch auf Entgeltfortzahlung von bis zu sechs Wochen, wobei die Meldung unverzüglich zu erfolgen hat. Schickt der Arbeitgeber einen Mitarbeiter ohne Vorliegen einer ärztlichen Krankschreibung nach Hause, gerät das Unternehmen in der Regel in Annahmeverzug und bleibt zur Lohnfortzahlung verpflichtet.
