PrĂ€sentismus: Zwei Drittel arbeiten trotz Krankheit â Erschöpfung folgt
Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 04:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das PhĂ€nomen des PrĂ€sentismus, also das Arbeiten trotz bestehender Erkrankung, bleibt ein zentrales Risiko fĂŒr die langfristige LeistungsfĂ€higkeit von BeschĂ€ftigten.
FachbeitrÀge von Mitte August 2026 fassen aktuelle Erkenntnisse einer gemeinsamen Untersuchung der Techniker UniversitÀt Chemnitz, der UniversitÀt Groningen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zusammen. Diese Forschungsergebnisse verdeutlichen die gesundheitlichen Kosten, die entstehen, wenn Arbeitnehmer ihre Genesung zugunsten der Anwesenheit vernachlÀssigen.
Erschöpfungsrisiko durch Arbeit trotz Krankheit
In der zugrunde liegenden Studie wurden 123 BerufstĂ€tige ĂŒber einen Zeitraum von bis zu 16 Wochen begleitet. Die Auswertung ergab, dass rund zwei Drittel der Teilnehmenden in dieser Zeit mindestens eine PrĂ€sentismus-Episode erlebten.
Ein wesentliches Ergebnis der Forscher ist die Beobachtung einer deutlich erhöhten Erschöpfung in Wochen, in denen trotz Krankheit gearbeitet wurde. Besonders kritisch bewerten die Wissenschaftler die langsame Erholung nach solchen Phasen, was die Gefahr einer Chronifizierung von ErschöpfungszustÀnden erhöht.
Auch die UniversitĂ€t Bamberg lenkt in einer aktuellen Studie den Blick auf den PrĂ€sentismus. Die Forscher weisen darauf hin, dass dieser Aspekt in der politischen Debatte um hohe KrankenstĂ€nde oft ĂŒbersehen wird.
WĂ€hrend ĂŒber mögliche EinschrĂ€nkungen der Lohnfortzahlung diskutiert wird, bleibe das Risiko unberĂŒcksichtigt, dass BeschĂ€ftigte durch PrĂ€sentismus ihre Gesundheit langfristig schĂ€digen und somit spĂ€ter fĂŒr lĂ€ngere ZeitrĂ€ume ausfallen könnten.
Psychische Belastungen und sinkende KrankenstÀnde
Daten von Krankenkassen ergĂ€nzen das Bild der aktuellen Lage in den Betrieben. Eine Analyse der DAK fĂŒr das erste Halbjahr 2026 auf Basis von 2,2 Millionen Versicherten zeigt einen leichten RĂŒckgang des Krankenstandes auf 5,3 Prozent, verglichen mit 5,4 Prozent im Vorjahreszeitraum.
WĂ€hrend Atemwegserkrankungen um 21 Prozent zurĂŒckgingen, verzeichneten psychische Erkrankungen einen Zuwachs von 9 Prozent. Diese sind mittlerweile der hĂ€ufigste Grund fĂŒr Krankschreibungen. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer stieg leicht auf 9,7 Tage an.
Hintergrunddaten der Techniker Krankenkasse fĂŒr den Zeitraum von Januar bis November 2025 belegen zudem eine langfristige Steigerung der Fehlzeiten. Mit durchschnittlich 18,6 Krankheitstagen pro Kopf lag der Wert deutlich ĂŒber dem Niveau von 2021, als noch 13 Tage verzeichnet wurden.
Im Spannungsfeld zwischen tatsÀchlicher Erkrankung und Fehlzeiten zeigen Umfragen von Pronova BKK und Yougov zudem, dass sich ein nennenswerter Teil der BeschÀftigten bereits ohne akute Symptome krankgemeldet hat.
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Das Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle
Ein wesentlicher Treiber fĂŒr PrĂ€sentismus scheint in der Unternehmenskultur zu liegen. Laut einer Indeed-Umfrage unter 1000 hybrid Arbeitenden vom MĂ€rz 2026 glauben 55,9 Prozent der Befragten, dass ihr Arbeitgeber physische Anwesenheit höher bewertet als die tatsĂ€chlichen Ergebnisse. Um eine rein ergebnisbasierte Bewertung zu erhalten, wĂŒrden 66,2 Prozent der Teilnehmer sogar auf 5 Prozent oder mehr ihres Gehalts verzichten.
Rechtlich bleibt die Kontrolle von krankgeschriebenen Mitarbeitern ein sensibles Thema. Das Landesarbeitsgericht Baden-WĂŒrttemberg entschied am 19.02.2026 (Az. 8 Sa 25/25), dass Vertragsklauseln, die bei einer Krankmeldung den Hinweis auf dringliche Arbeiten verlangen, gemÀà § 307 BGB unwirksam sind.
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Eine Abmahnung wegen eines VerstoĂes gegen solche Klauseln sei unzulĂ€ssig. Arbeitgeber dĂŒrfen Informationen nur bei dringendem betrieblichem Anlass und unter strengen Voraussetzungen einholen.
International zeigen sich jedoch Trends zu einer schĂ€rferen Ăberwachung. In Polen können Arbeitgeber mit bis zu 20 BeschĂ€ftigten seit dem 13.04.2026 Krankheitsurlaube eigenstĂ€ndig prĂŒfen.
Das Interesse an diesen sogenannten L4-PrĂŒfungen stieg im Zeitraum bis Ende Juli 2026 um 42 Prozent gegenĂŒber dem ersten Quartal an. Bei 36 Prozent der durchgefĂŒhrten Kontrollen im Jahr 2026 wurden UnregelmĂ€Ăigkeiten wie Renovierungsarbeiten oder Freizeitreisen wĂ€hrend der Krankschreibung festgestellt.
Auch in Deutschland bestĂ€tigen Urteile wie jenes des Landesarbeitsgerichts Rheinland-Pfalz, dass bei konkreten Hinweisen auf Missbrauch, etwa schwere körperliche Arbeit wĂ€hrend einer Krankschreibung, eine fristlose KĂŒndigung ohne vorherige Abmahnung wirksam sein kann.
