PrÀsentismus: Zwei von drei BeschÀftigten haben schon krank gearbeitet
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 23:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Fach- und RatgeberbeitrĂ€ge thematisieren die gesundheitliche SelbsteinschĂ€tzung bei ArbeitsunfĂ€higkeit sowie die psychologische Abgrenzung zwischen professionellem Auftreten und persönlichem Wohlbefinden im Arbeitsalltag. Im Fokus steht dabei die AbwĂ€gung zwischen dem PflichtgefĂŒhl gegenĂŒber dem Betrieb und dem Erhalt der eigenen Gesundheit.
Kriterien fĂŒr die SelbsteinschĂ€tzung und Folgen von PrĂ€sentismus
Bei der Frage, ob eine Erkrankung ein Fernbleiben vom Arbeitsplatz erfordert, gelten das konkrete Ansteckungsrisiko fĂŒr Kolleginnen und Kollegen, eine erhöhte Fehlerwahrscheinlichkeit sowie die Gefahr, eine Krankheit zu verschleppen, als wesentliche Orientierungspunkte.
Da ArbeitsunfĂ€higkeit stets individuell bewertet werden muss, birgt PrĂ€sentismus â also das Arbeiten trotz Krankheit â erhebliche Risiken fĂŒr die Betroffenen und den Betrieb. Studien zeigen, dass bereits zwei von drei BeschĂ€ftigten schon einmal krank gearbeitet haben.
Im Jahr 2025 lag der Krankenstand bei etwa 19 Tagen je Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer. Dieser Anstieg kann nach EinschĂ€tzung von Fachleuten auch auf eine lĂŒckenlosere Erfassung seit EinfĂŒhrung der elektronischen ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 zurĂŒckzufĂŒhren sein.
Die Techniker Krankenkasse (TK) wies in ihrem Gesundheitsreport darauf hin, dass tĂ€glich 96 Prozent der BeschĂ€ftigten in Deutschland bei der Arbeit sind. FĂŒr das Jahr 2016 ermittelte die TK durchschnittlich gut 15 Fehltage je BeschĂ€ftigtem, wobei 49,7 Prozent der Erwerbspersonen in jenem Jahr ĂŒberhaupt nicht krankgeschrieben waren. Eine Krankschreibung dauerte damals durchschnittlich 12,6 Tage.
Vier von zehn Krankschreibungen bei der TK dauerten höchstens drei Tage und machten sechs Prozent der gesamten Fehlzeiten aus, wĂ€hrend knapp fĂŒnf Prozent lĂ€nger als sechs Wochen wĂ€hrten und rund die HĂ€lfte aller Fehlzeiten verursachten. Die Kasse warnt in diesem Zusammenhang davor, dass FehlzeitenprĂ€mien PrĂ€sentismus zusĂ€tzlich begĂŒnstigen könnten.
Politische Vorhaben und Belastung der Praxen
Auf politischer Ebene plant die Bundesregierung derzeit, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und bereits ab dem ersten Krankheitstag ein Ă€rztliches Attest einzufordern. Ein Starttermin fĂŒr dieses Vorhaben ist bislang offen. Der PrĂ€sident der BundesĂ€rztekammer, Klaus Reinhardt, Ă€uĂerte deutliche Kritik an diesen PlĂ€nen und verwies auf die drohende Mehrbelastung fĂŒr die Arztpraxen.
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Psychologische Sicherheit und RollenverstÀndnis
Neben akuten Infekten bestimmen psychische Belastungen den Arbeitsalltag. Laut einer Analyse der DAK stiegen die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen in Schleswig-Holstein im ersten Halbjahr 2026 um 15 Prozent, bezogen auf rund 111.000 erfasste Versicherte.
Die Fehltage je 100 BeschÀftigte erhöhten sich dort von 187 im ersten Halbjahr 2025 auf 214 im ersten Halbjahr 2026. Psychisch bedingte AusfÀlle dauern nach Angaben von Claudia Buengeler im Schnitt etwa einen Monat.
Karrierecoach Rainer Niermeyer warnt davor, im Beruf eine radikale AuthentizitĂ€t einzufordern. ProfessionalitĂ€t und Affektkontrolle seien notwendig, wenngleich die berufliche Rolle grundsĂ€tzlich zur eigenen Persönlichkeit passen mĂŒsse. Anzeichen wie anhaltende Anspannung, Atembeschwerden, Erschöpfung oder Schlafstörungen gelten als Warnsignale fĂŒr eine Ăberlastung.
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Das Arbeitsumfeld sowie psychologische Sicherheit im Team entscheiden maĂgeblich darĂŒber, ob Mitarbeitende Grenzen setzen oder Fehler eingestehen können. Stehen zentrale persönliche Werte dauerhaft im Widerspruch zu den betrieblichen Anforderungen, kann ein Arbeitgeberwechsel ratsam sein.
Chronischer Stress und wirtschaftliche SchÀden
Die Psychologin Claudia Garbrecht fĂŒhrt anhaltende Erschöpfung, zunehmende Distanzierung von der Arbeit und sinkende LeistungsfĂ€higkeit als typische Merkmale eines Burnouts an. Eine Metaanalyse zu europĂ€ischen Ărztinnen und Ărzten bezifferte die Burnout-Raten je nach Definition auf 7 bis 43 Prozent. Zudem kann Jobstress laut Ăbersichtsarbeiten das Risiko bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen um etwa 10 bis 40 Prozent steigern.
Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen sind gravierend: Eine Modellrechnung aus den USA schĂ€tzte die jĂ€hrlichen Kosten fĂŒr Burnout und Distanzierung auf rund 10.000 US-Dollar je FĂŒhrungskraft, ĂŒber 20.000 US-Dollar je Spitzenmanager und etwa 4.000 US-Dollar je weiterem BeschĂ€ftigten.
FĂŒr ein Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitenden entstĂŒnden so Verluste von rund fĂŒnf Millionen US-Dollar pro Jahr, von denen etwa 90 Prozent durch PrĂ€sentismus verursacht wĂŒrden. Experten raten FĂŒhrungskrĂ€ften daher, Arbeitslasten, Rollen und Aufgabenverteilungen aktiv zu steuern, statt erst bei gesundheitlichen AusfĂ€llen einzugreifen.
