Prostatakrebs: Cochrane-Studie mit 800.000 Teilnehmern kippt Screening-Dogma
02.06.2026 - 21:48:19 | boerse-global.deDie internationale Forschung stellt die Prostatakrebs-Früherkennung auf den Kopf: Massenscreenings bringen nur minimale Vorteile, während personalisierte Strategien und neue Therapien den Durchbruch versprechen.
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Cochrane-Studie bestätigt: Nutzen des PSA-Tests bleibt begrenzt
Eine heute veröffentlichte Cochrane-Analyse sorgt für Klarheit in der jahrelangen Debatte um den PSA-Test. Das Forscherteam um Dr. Juan Franco von der HHU Düsseldorf wertete sechs randomisierte Studien mit fast 800.000 Teilnehmern aus Europa und Nordamerika aus.
Das Ergebnis: Das Sterberisiko an Prostatakrebs sinkt durch regelmäßiges Screening von 16 auf 15 Todesfälle pro 1.000 Teilnehmer. „Der absolute Nutzen ist gering", resümiert das Team. Eine allgemeine Screening-Empfehlung sprechen die Autoren daher nicht aus. Stattdessen soll jeder Patient individuell mit seinem Arzt entscheiden, ob ein Test sinnvoll ist.
Großbritannien setzt auf Risikogruppen – Deutschland schaut hin
Die britische Regierung hat heute Konsequenzen gezogen: Gesundheitsminister James Murray lehnte ein flächendeckendes PSA-Screening ab. Die Begründung des nationalen Screening-Komitees ist ernüchternd: Von 1.000 getesteten Männern profitieren nur zwei von einer lebensrettenden Behandlung. Rund 20 erhalten dagegen eine unnötige Diagnose, zwölf erleiden schwere Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Erektionsstörungen.
Stattdessen setzt Großbritannien auf gezielte Tests: Männer zwischen 45 und 61 Jahren mit der BRCA2-Genmutation werden künftig alle zwei Jahre routinemäßig untersucht. Für die Forschung stellt die Regierung umgerechnet rund 23 Millionen Euro bereit. Die sogenannte Transform-Studie ab 2027 soll zudem schwarze Männer zwischen 45 und 74 Jahren einschließen – eine Gruppe mit erhöhtem Risiko.
ASCO 2026: Neue Medikamente zeigen Wirkung
Auf dem Krebskongress ASCO in Chicago präsentierten Forscher vielversprechende Daten. Die Phase-3-Studie PROTEUS belegt: Das Medikament Apalutamid senkt in Kombination mit einer Standard-Hormontherapie das Rückfallrisiko bei Hochrisiko-Patienten um 29 Prozent. Die Studienteilnehmer aus 18 Ländern blieben im Schnitt fast fünf Jahre krankheitsfrei – die Placebo-Gruppe nur drei Jahre.
Viele Experten kritisieren, dass falsche Diagnosen oder verfrühte Eingriffe oft zu unnötigen Belastungen für Männer führen. Erfahren Sie in diesem Ratgeber von Gesundheitscoach Günter Stein, warum asiatische Männer seltener unter Prostataproblemen leiden und wie Sie Ihr Risiko durch gezielte Ernährung senken. 7 einfache Ernährungstipps gegen Prostatawachstum entdecken
Auch Novartis überzeugte mit neuen Daten zur Radioliganden-Therapie Pluvicto. In Kombination mit einer Standardbehandlung sinkt das Risiko für Krankheitsfortschritt oder Tod um 28 Prozent – bei Patienten mit PSMA-positivem, metastasiertem, hormonsensitivem Prostatakrebs. Zulassungsentscheidungen in den USA, China und Japan werden für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.
Die Aktie des Pharmakonzerns gab dennoch um über zwei Prozent nach. Analysten sprechen von Gewinnmitnahmen nach einem starken Mai – und von geopolitischen Unsicherheiten.
Weniger Biopsien, präzisere Chirurgie
Die Diagnostik wird schonender: Forscher des Vanderbilt University Medical Center zeigten im Journal of Urology, dass ein Urin-Gentest namens MyProstateScore 2.0 bei Niedrigrisiko-Patienten viele invasive Biopsien überflüssig machen könnte. Der Test erkennt zuverlässig, wer tatsächlich eine Gewebeentnahme braucht.
Die deutschen S3-Leitlinien von 2025 hatten bereits den digital-rektalen Tastbefund als Routineverfahren gestrichen. Stattdessen setzen Ärzte auf PSA-Intervalle und MRT-Bildgebung ab Werten über 3 ng/ml. Die MedUni und das AKH Wien kündigten heute zudem ein neues Operationsverfahren an, das nicht mehr automatisch die gesamte Prostata entfernt, sondern präziser vorgeht.
Hoffnung aus dem Labor: „Zombie-Zellen" als Angriffsziel
Ein weiterer Durchbruch könnte aus der Grundlagenforschung kommen. Eine heute in Nature Cell Biology veröffentlichte Studie identifiziert das Enzym GPX4 als möglichen Schlüssel zur Verhinderung von Rückfällen. Blockiert man dieses Enzym, lassen sich sogenannte „Zombie-Zellen" – seneszente Zellen, die oft die Erstbehandlung überleben – gezielt eliminieren.
In Labormodellen führte die Kombination von Chemotherapie mit GPX4-Hemmern zu kleineren Tumoren und höheren Überlebensraten – und das bei mehreren Krebsarten, darunter Prostatakrebs.
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