Regierung weiter unter Druck
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 20:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(Aktualisierung: Ansprache Lecornu, AbsÀtze 2 und 3 aktualisiert, Lage in Belgien in vorletztem und letztem Absatz ergÀnzt)
PARIS (dpa-AFX) - Die Schulproteste in Frankreich gehen unvermindert weiter und heizen sieben Monate vor der PrĂ€sidentschaftswahl die Sorge vor breiteren Sozialprotesten im Land an. Nach den GroĂkundgebungen vom Dienstag kam es am Mittwoch ebenfalls zu einzelnen Blockadeaktionen an Gymnasien und UniversitĂ€ten. Bildungsgewerkschaften riefen zu erneuten Demonstrationen am Donnerstag auf. Die Gymnasialgewerkschaft USL mobilisiert fĂŒr eine Kundgebung in Paris um 15.00 Uhr auf dem Place de la Bastille.
Premierminister SĂ©bastien Lecornu sicherte den protestierenden SchĂŒlern bessere Lernbedingungen zu, stellte aber keine zusĂ€tzlichen Finanzhilfen im Bildungsbereich in Aussicht. "In den acht Monaten, die uns noch bis zur PrĂ€sidentschaftswahl verbleiben, wird die Regierung pragmatisch handeln, um den Erwartungen der Gymnasiasten gerecht zu werden", sagte Lecornu am Abend in einer Ansprache.
Im Bildungsbereich seien im kommenden Haushalt Mehrausgaben von 1,2 Milliarden Euro vorgesehen, das Ressort sei damit eines der wenigen mit einem wachsenden Budget, sagte Lecornu. Die Bildungsgewerkschaften hatten zehn Milliarden Euro Zusatzausgaben verlangt. Angesichts der hohen Staatsverschuldung ringt die Regierung mit einem Sparhaushalt.
Alle Versuche der Mitte-Regierung von Lecornu, einem Vertrauten von PrĂ€sident Emmanuel Macron, die vor ĂŒber einer Woche begonnenen Proteste der jungen Leute zu kanalisieren, hatten bislang keinen Erfolg. Am Sonntag hatte er die Minister angewiesen, konkrete MaĂnahmen zur Verbesserung der Lage an den Schulen zu finden und den berechtigten Sorgen der Gymnasiasten Gehör zu geben. Am Dienstag erklĂ€rte er dann im Parlament, von Mittwoch bis Freitag solle an den Schulen ĂŒber die Probleme diskutiert und nicht unterrichtet werden. Statt in die Klassen zurĂŒckzukehren, zog es etliche SchĂŒler aber erneut zu Protesten vor die GebĂ€ude. 528 Schulen blieben vorsorglich komplett oder teilweise geschlossen.
Bisher keine Zusagen der Regierung
Die Forderungen der SchĂŒler sind eigentlich simpel und verstĂ€ndlich: Sie wollen eine bessere Ausstattung der Schulen, mehr LehrkrĂ€fte und bessere Lernbedingungen. Konkret geht es um fehlende Vertretungslehrer, heruntergekommene Schulen mit kaputten Fenstern und herabfallenden Decken und viel zu vollgestopfte StundenplĂ€ne. Besonders in benachteiligten Stadtteilen fĂŒhlen sich die jungen Leute als Menschen zweiter Klasse und mit ihren Sorgen nicht ernst genommen.
Die Opposition wirft der Regierung Versagen vor und unterstĂŒtzt vielfach die Forderungen der jungen Leute, insbesondere aber werden die SchĂŒlerproteste politisch instrumentalisiert. Die Regierung und das rechte Lager warfen zunĂ€chst der französischen Linkspartei La France Insoumise und ihrem AnfĂŒhrer Jean-Luc MĂ©lenchon vor, die teils gewalttĂ€tigen Proteste gezielt anzufachen, um im Anlauf zur PrĂ€sidentschaftswahl Chaos im Land zu sĂ€en. Die linken Parteien wiederum bezichtigten die Regierung, die Proteste mit einem repressiven Einsatz der Polizei ersticken zu wollen.
Der bisherige Höhepunkt der Proteste waren am Dienstag landesweite DemonstrationszĂŒge. Daran beteiligten sich in Paris und anderen GroĂstĂ€dten nach Angaben des Innenministeriums 266.000 Menschen. Die Bildungsgewerkschaften sprachen von 450.000 Teilnehmern.
Unterdessen kĂŒndigte Innenminister Laurent Nuñez am Morgen an, dass der Einsatz von Blendgranaten durch die Polizei bei den SchĂŒlerprotesten ausgesetzt wird. Eine solche Granate, die von EinsatzkrĂ€ften in eine SchĂŒlergruppe abgefeuerte worden war, hatte einem 15-JĂ€hrigen am Montag im nordfranzösischen Lens eine Hand abgerissen. Dies fĂŒhrte zu einer wachsenden Empörung ĂŒber das rabiate Auftreten der Polizei und mutmaĂliche Polizeigewalt.
Macron ruft zur MĂ€Ăigung bei PolizeieinsĂ€tzen auf
Macron habe in dem Zusammenhang bei einer Krisensitzung am Dienstagabend zur MĂ€Ăigung aufgerufen, sagte der Innenminister im Interview des Senders RTL. Macron habe dazu aufgefordert, "auch EinfĂŒhlungsvermögen zu zeigen" und zu erlĂ€utern, dass die Polizei bei schweren Gewalttaten eingreift. Es mĂŒsse aber vor allem deutlich gemacht werden, "dass es bei friedlichen Demonstrationen - einschlieĂlich solcher von SchĂŒlern vor ihren Schulen - keinen Grund fĂŒr ein polizeiliches Eingreifen gibt, ĂŒberhaupt keinen". Bislang hatte die Polizei auch Blockaden vor Schulen aufgelöst.
Der Appell von Macron, der sich am Dienstag erstmals in die Debatte um den Umgang mit den SchĂŒlerprotesten einschaltete, fand bei der Polizei aber nicht so recht Gehör. Am Mittwoch ging die Polizei erneut mit TrĂ€nengas gegen SchĂŒler und Studenten vor, um Blockaden zu rĂ€umen - etwa vor einem Gymnasium in Marseille und auch vor der renommierten Elitehochschule Sciences Po in Paris, die Macron und viele französische Spitzenpolitiker absolviert haben. Studierende hatten dort Barrikaden auf dem angrenzenden Boulevard Saint-Germain errichtet, einer wichtigen Verkehrsachse.
Regierung fĂŒrchtet zweite Gelbwestenbewegung
Die Sorge der Regierung ist, dass die Proteste sich - angefacht durch hohe Spritpreise und Lebenshaltungskosten - auf andere Bereiche ausweiten könnten und so etwas wie ein zweiter Gelbwestenprotest entsteht, der Frankreich 2019 lÀngere Zeit in Atem hielt. Auslöser war damals eine geplante Erhöhung der Steuern auf Kraftstoffe, daraus entstand rasch eine breitere Bewegung gegen hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit, die Macron wÀhrend seiner ersten Amtszeit schwer zu schaffen machte.
Was die BewĂ€ltigung der SchĂŒlerproteste fĂŒr die Regierung erheblich erschwert, ist die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Staatsverschuldung. Zum Ende des zweiten Quartals stieg diese auf den höchsten Stand seit 1946 und belĂ€uft sich auf einen Gesamtbetrag von knapp 3,6 Billionen Euro, ein noch nie dagewesener Wert. Angesichts dieser Zahlen ringt die Regierung eigentlich mit einem Sparhaushalt - zusĂ€tzliche Milliardenausgaben fĂŒr die Schulen, wie sie gefordert werden, sind da schwierig zu bewerkstelligen.
SchĂŒlerproteste auch in Belgien
Demonstrationen fĂŒr bessere Lernbedingungen, SchulgebĂ€ude und angepasste StundenplĂ€ne gibt es unterdessen seit einigen Tagen auch in Belgien. So kamen in BrĂŒssel am Nachmittag etwa hundert junge Menschen zusammen und protestierten fĂŒr ein System, in dem Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhĂ€ngt. "Wir starten nicht alle mit den gleichen Chancen", hieĂ es auf der Kundgebung.
Wegen ausufernder Proteste musste in LĂŒttich zwischenzeitlich der zentrale Bahnhof Guillemins gesperrt werden, an dem auch die ZĂŒge von Deutschland nach BrĂŒssel und Paris halten. Nach gewaltsamen Protesten in den vergangenen Tagen in LĂŒttich kritisierten die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler den Einsatz von TrĂ€nengas und zahlreiche Festnahmen.
