Rente mit 63 abschaffen: 9,5 Milliarden Euro Einsparung pro Jahrgang
10.06.2026 - 19:06:21 | boerse-global.de
Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren würde pro Rentnerjahrgang rund 9,5 Milliarden Euro sparen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Studie fällt mit einem Spitzentreffen im Kanzleramt zusammen, bei dem die Regierung mit Arbeitgebern und Gewerkschaften über die Zukunft des Rentensystems berät.
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Einsparpotenzial: 125.000 Vollzeitkräfte blieben länger
Die Ă–konomen beziffern das Einsparpotenzial fĂĽr die Gesetzliche Rentenversicherung auf rund 10,4 Milliarden Euro pro Jahrgang. Nach Abzug von Mindereinnahmen in anderen Bereichen bleibt eine Nettoentlastung von 9,5 Milliarden Euro ĂĽbrig.
Die Annahme: Betroffene Arbeitnehmer würden ihren Renteneintritt im Durchschnitt um etwa zehn Monate verschieben. Rund 125.000 Vollzeitkräfte blieben dem Arbeitsmarkt länger erhalten. Derzeit nehmen jährlich zwischen 250.000 und 280.000 Personen die Regelung in Anspruch – das sind 28 bis 31 Prozent eines Neurentner-Jahrgangs.
Wer profitiert wirklich von der Rente mit 63?
Entgegen der häufigen Annahme, die Regelung diene vor allem belasteten Arbeitnehmern, zeigt die Studie ein anderes Bild. Die Rente mit 63 kommt primär Personen mit langen, stabilen und gut bezahlten Erwerbsbiografien zugute.
Der durchschnittliche Rentenzahlbetrag der Bezieher liegt bei 1.649 Euro – bei Männern sogar bei 1.815 Euro. Das ist fast das Doppelte des Medians gleichaltriger Altersrentner von 913 Euro. Zudem sind 26 Prozent der Bezieher trotz des Rentenbezugs weiterhin erwerbstätig.
Spitzentreffen im Kanzleramt: Fronten verhärtet
Am heutigen Mittwoch kam die Koalition unter Vorsitz von Bundeskanzler Merz mit Vertretern von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften zusammen. Die Fronten sind klar abgesteckt.
Arbeitgeberpräsident Dulger forderte bereits gestern, das Tempo bei den Rentenerhöhungen zu drosseln. Die für den 1. Juli geplante Erhöhung von 4,2 Prozent bezeichnete er als den Beitragszahlern schwer vermittelbar – die Kosten von über 18 Milliarden Euro seien enorm. Dulger plädierte für eine Rückkehr zum Nachhaltigkeitsfaktor und eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung.
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Wirtschaftsministerin Reiche unterstützte die Forderung nach einem Stopp von Frühverrentungsprogrammen. Deutschland verliere sonst im internationalen Wettbewerb. Auch die Bundesbank positionierte sich gegen die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren – sie durchbreche das Äquivalenzprinzip.
Gewerkschaften warnen vor massiven Einschnitten
Auf der Gegenseite warnte Verdi-Chef Werneke heute vor massiven Einschnitten. Die Kopplung der Renten an die Reallohnentwicklung dĂĽrfe nicht angetastet werden. Der DGB erteilte Forderungen nach einer Rente mit 70 eine klare Absage und fordert stattdessen eine Ausweitung des Beitragszahlerkreises sowie bessere Arbeitsbedingungen.
Finanzminister Klingbeil brachte die Einführung einer verpflichtenden betrieblichen Altersvorsorge ins Spiel – als Ergänzung zur gesetzlichen Rente.
Demografischer Druck: 19,1 Millionen Altersrenten
Die Gebatte wird durch aktuelle Zahlen untermauert. Ende 2025 erreichte die Zahl der Altersrenten mit 19,1 Millionen einen neuen Höchststand. Fast jeder dritte Neurentner ging im vergangenen Jahr vorzeitig mit Abschlägen in den Ruhestand – im Schnitt 33 Monate vor der Regelaltersgrenze.
Eine heute veröffentlichte Studie des Instituts für Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) verdeutlicht die langfristigen Herausforderungen: Derzeit kommen noch etwa 2,5 Erwerbsfähige auf einen Rentner. Bis 2037 wird dieses Verhältnis voraussichtlich auf 1,9 zu 1 sinken.
Die Rentenausgaben haben sich seit den 1990er-Jahren auf jährlich 427 Milliarden Euro verdreifacht – das sind rund 10,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Fahrplan: Rentenkommission soll bis Ende Juni liefern
Eine eigens eingesetzte Rentenkommission soll bis zum 28. oder 29. Juni konkrete Reformvorschläge vorlegen. Zur Debatte stehen unter anderem ein verpflichtendes Rentensplitting für Ehepaare als Ersatz für die Witwenrente sowie eine langfristige Absenkung des Rentenniveaus nach 2031.
Ein Koalitionsausschuss zur finalen Beschlussfassung des Reformpakets ist für den 1. Juli geplant – dem Tag, an dem auch die umstrittene Rentenerhöhung von 4,2 Prozent in Kraft treten soll.
