Rohstoffe, Frachtraten

Rohstoffe haussieren - Frachtraten fallen - was stimmt hier

Veröffentlicht: 17.08.2009 um 11:48 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)

Angeblich steckt die Weltwirtschaft noch in einer Rezession. Das globale Bruttoinlandsprodukt soll 2009 erstmals seit dem zweiten Weltkrieg schrumpfen. Sieht man sich aber die Rohstoffmärkte an, hat man nicht den Eindruck, als ob es irgendwo noch eine Krise gäbe. Vor allem die Preise für Industriemetalle haben sich in dieses Jahr sagenhaft entwickelt. Der LME Industriemetallindex ist allein im letzten Monat nochmals um 31 Prozent nach oben geschossen.

Dabei sind gerade die Preise für Kupfer, Eisenerz und andere Industriemetalle besonders von der weltweiten Konjunkturentwicklung abhängig. Signalisiert die Entwicklung an den Rohstoff-Terminbörsen also eine globale Erholung, die womöglich weit stärker ausfallen wird, als wir uns dies heute erwarten?

In der Tat kamen zuletzt auch aus den USA sowie aus Deutschland und Frankreich einige Konjunkturdaten, die Anlass zur Hoffnung gaben. Der entscheidende Faktor für die Industriemetall-Notierungen war in den letzten Monaten aber China. Speziell beim Eisenerz nahm das Reich der Mitte zuletzt über die Hälfte der weltweiten Produktion ab. Und auch die Kupferimporte des Landes sind rasant nach oben gegangen. 

In der Tat ist der chinesische Bedarf nach Industrierohstoffen enorm. Chinas Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal um 7,9 Prozent gewachsen. Die Industrieproduktion stieg nach neuesten Daten im Juni um robuste 10,7 Prozent. Der neue Immobilienboom und das 500-Milliarden-Dollar schwere Konjunkturprogramm heizen die Nachfrage im Bau- und Infrastruktur-Sektor an. Daneben steigt die Nachfrage der chinesischen Verbraucher nach langlebigen Konsumgütern. Dies gilt insbesondere für den Autoabsatz, der in China im Juli gegenüber dem Vorjahr um unglaubliche 70,5 Prozent nach oben geschnellt ist.

Für Rohstoff-Anleger lohnt es sich dennoch, einen kritischen Blick auf Chinas enorm hohe Nachfrage zu werfen. Denn die Zeichen mehren sich, dass etwa Chinas Stahlkonzerne zuletzt weit mehr Eisenerz eingekauft haben, als sie benötigen – und dies, obwohl die Nachfrage im Inland deutlich angewachsen ist. 

Auch beim Kupfer kaufen nicht nur die chinesische Industrie ein, sondern auch chinesische Spekulanten und zuletzt auch wieder das State Reserve Bureau of China, das die strategischen „Kupfer-Reserven“ des Landes ausbauen wollte. Speziell beim Eisenerz dürften China und seine Unternehmer inzwischen riesige Halden aufgehäuft haben, denn die Importe schnellten im Juli auf Jahressicht noch mal um 32 Prozent nach oben, und erreichten damit einen neuen Rekordwert. 

Bereits im Juni haben wir darauf hingewiesen, dass Chinas stark steigende Erzimporte bald einknicken könnten, da die immensen Mengen derzeit schlichtweg nicht verarbeitet werden können. Inzwischen haben auch mehrere chinesische Regierungsmitglieder eingeräumt, dass die starke Nachfrage zu einem guten Teil auf „irrationale Handelsgeschäfte“ zurückzuführen sei. Es sieht ganz so aus, als hätten die chinesischen Stahlerzeuger versucht, sich mit Hamsterkäufen gegen Preissteigerungen abzusichern – und gerade dadurch diese Preiserhöhungen verursacht. Solche Entwicklungen können sich aber schnell wieder in ihr Gegenteil verkehren – vor allem dann, wenn das Preisniveau hoch ist, und die Lager der Abnehmer voll sind.

Möglicherweise hat das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bereits zu kippen begonnen. Darauf deutet zumindest der Baltic Dry Index hin. Dieser hat sich dieses Jahr zwar nach seinem Einbruch in 2008 wieder gut erholt. Das bisherige Jahreshoch 2009 wurde aber bereits Anfang Juni bei 4291 Punkten erreicht. Seither befindet sich der Frachtraten-Index wieder im freien Fall, und hat von diesem Jahreshoch inzwischen 35 Prozent auf nur noch 2685 Punkte abgegeben; und ist damit wieder um über 37 Prozent eingebrochen.

Der Baltic Dry Index erfasst die Preise für den Schiffstransport von Trockenschüttgütern wie Eisenerz, Kohle und andere Industriemetalle. Er hängt stark mit der globalen Nachfrage nach Rohstoffen zusammen. Da er ausschließlich von der realen Nachfrage und den Preisdaten von Reedern und Maklern abhängt, und keine Spekulation in ihm stattfindet, gilt er als besonders zuverlässiger Frühindikator für die globale Konjunktur, den Welthandel und den weltweiten Rohstoffbedarf.

Auch ausgewiesene Rohstoff-Bullen müssen zugeben, dass der Einbruch beim Baltic Dry Index nicht gerade Hoffnung auf weiter steigende Industriemetall-Preise macht. Händler an der Baltic Exchange haben bereits erklärt, dass der neue Negativ-Trend zu einem guten Teil auf China zurückzuführen sei, wo die Bestellungen zuletzt überraschend zurückgegangen seien. Daneben ist der Kursrückgang beim Baltic Dry Index auch nicht gerade ein Indiz für eine schnelle Konjunkturerholung im Westen, wie sie an den Börsen in den USA und auch in Deutschland gerade gespielt wird. 

Die bemerkenswerte Divergenz zwischen steigenden Rohstoffpreisen und fallenden Frachtraten kann noch eine Weile andauern, muss sich aber früher oder später wieder auflösen. Viele Möglichkeiten gibt es dabei aber nicht:

- entweder werden sich die Frachtraten demnächst wieder merklich erholen. Dadurch würden sich unter anderem hervorragende neue Perspektiven für die Aktien der asiatischen Reedereien ergeben.

- oder aber der Rohstoffbedarf Chinas geht zurück, und auch die Nachfrage der übrigen Welt enttäuscht. Dann werden sich aber auch die luftigen Notierungen der Industriemetalle nicht lange halten lassen.

- Die Rohstoffpreise fallen, während die Frachtraten gleichzeitig steigen. Auf diese Weise wird allmählich wieder ein Gleichgewicht hergestellt. 

Relativ sicher lässt sich sagen, dass die wirtschaftliche Dynamik Chinas und verschiedener anderer asiatischer Länder anhalten wird. Die dortigen Volkswirtschaften haben sich größtenteils gut erholt, das Wachstum bleibt robust. Dies muss aber nicht heißen, dass auch die Rohstoffpreise weiter anstiegen. Und auch die Entwicklung der westlichen Volkswirtschaften sollte man als Anleger in den kommenden Wochen weiterhin kritisch beobachten. 

Unterm Strich sind wir weiterhin der Meinung, dass man als Investor auf Sicht der nächsten ein bis zwei Jahre an den asiatischen Börsen am besten aufgehoben ist.


Gerhard Heinrich und Rainer Hahn sind die renommiertesten Asien-Experten und verfassen gemeinsam den Börsenbrief ASIEN-TRENDS, wobei einer der beiden Experten immer in Asien vor Ort ist.

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