'Hören Sie diesen sinnlosen Krieg auf!'
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 16:05 Uhr | dpa, AD HOC NEWS"Aber diese barbarischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung der Ukraine mĂŒssen aufhören."
Russland setzte seine Luftangriffe auf Kiew und die ganze Ukraine wĂ€hrend des Besuchs aber verstĂ€rkt fort. Auf der NordbrĂŒcke ĂŒber den Fluss Dnipro kam es erneut zu einem Einschlag. BĂŒrgermeister Vitali Klitschko sprach von zwei Verletzten. Die RauchsĂ€ule war weithin sichtbar. Der Kanzler war zu der Zeit nur gut fĂŒnf Kilometer entfernt in der deutschen Botschaft in Sicherheit. Alleine in den ersten fĂŒnf Stunden seines Besuchs wurde fĂŒnf Mal Drohnenalarm in der Hauptstadt ausgelöst.
Die Sirenen heulten auch, als er zusammen mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyj das besichtigte, was von dem historischen GebĂ€ude der Akademie der Wissenschaften ĂŒbrig geblieben ist. "Das sind tĂ€gliche Kriegsverbrechen, die hier verĂŒbt werden", sagte er dort.
Insgesamt 1,35 Milliarden Euro fĂŒr Waffen und Infrastruktur
Merz wird in Kiew von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und zehn Unternehmern aus den Bereichen RĂŒstung und Energie in Kiew begleitet. Der Kanzler bringt konkrete Hilfe mit. In KĂŒrze soll die Auslieferung Tausender Abfangdrohnen beginnen, mit denen die schnellen und daher besonders gefĂ€hrlichen russischen Kampfdrohnen mit DĂŒsenantrieb bekĂ€mpft werden können.
Zudem soll die Produktion weitreichender Waffen vorangetrieben werden, mit denen Nachschublinien hinter der Front in Russland angegriffen werden können. Insgesamt sollen dafĂŒr eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden - und weitere 350 Millionen Euro fĂŒr Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke.
Deutschland ist gröĂter UnterstĂŒtzer der Ukraine in ihrem seit mehr als viereinhalb Jahren dauernden Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg.
Selenskyj attestiert Deutschland "konsequente FĂŒhrungsstĂ€rke"
Selenskyj dankte Merz dafĂŒr, dass Deutschland "konsequent FĂŒhrungsstĂ€rke beim Schutz der Leben der Ukrainer und Ukrainerinnen vor russischen Angriffen beweist". Russland mĂŒsse "gemeinsam gestoppt werden".
Auch andere Teile der Ukraine lösten Luftalarm wegen russischer Angriffe aus. Nach ukrainischen Angaben wurden 135 Drohnen eingesetzt. "Und zu den Hauptzielen dieser Terroristen gehören wie immer gewöhnliche WohnhĂ€user, kritische Infrastruktur - alles, was das normale Alltagsleben ausmacht", sagte Selenskyj. Es sei auch zu StromausfĂ€llen gekommen. Allein vergangene Woche habe Russland ĂŒber 1.900 Angriffsdrohnen, 1.700 Gleitbomben und 25 Raketen eingesetzt.
Kanzler Merz war am Morgen mit dem Zug in Kiew eingetroffen. Nur wenige Stunden zuvor warnte das russische AuĂenministerium auslĂ€ndische Besucher und Diplomaten mit Hinweis auf bevorstehende Angriffe vor einem Aufenthalt in Kiew. Sie sollten die Stadt verlassen und sich vor allem nicht in der NĂ€he von militĂ€rischen Objekten und RegierungsgebĂ€uden aufhalten, hieĂ es in einer Mitteilung.
"Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zÀhlen"
Merz lieĂ sich davon nicht von seinen ReiseplĂ€nen abbringen. Er sei nach Kiew gereist, "weil die Ukraine fĂŒr die kommenden Wochen all unsere UnterstĂŒtzung braucht", sagte er bei seiner Ankunft. "Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie frĂŒher oder spĂ€ter gegen uns." Er bringe Selenskyj die Botschaft mit: "Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zĂ€hlen."
Merz hatte der Ukraine bereits am Donnerstag in einer Grundsatzrede die anhaltende SolidaritĂ€t Deutschlands zugesichert - trotz aller WiderstĂ€nde gegen weitere Milliardenhilfen im eigenen Land. "Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine", mahnte er bei der Verleihung des WestfĂ€lischen Friedenspreises an die Nato in MĂŒnster. Das Versprechen, weiter fest an der Seite der Ukraine zu stehen, soll nun mit dem Besuch in Kiew untermauert werden.
Vierter Kanzlerbesuch seit Kriegsbeginn
Es ist der vierte Besuch eines Kanzlers seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Merz' VorgÀnger Olaf Scholz (SPD) war in seiner dreieinhalbjÀhrigen Amtszeit zweimal im Kriegsgebiet. Merz besuchte Kiew im Mai vergangenen Jahres nur vier Tage nach seiner Vereidigung als Kanzler im Bundestag - zusammen mit Frankreichs PrÀsident Emmanuel Macron, dem damaligen britischen Premierminister Keir Starmer und dem polnischen Regierungschef Donald Tusk.
Es war die erste gröĂere gemeinsame diplomatische Initiative der EuropĂ€er, um zu einem Frieden in der Ukraine zu kommen. Von Kiew aus forderten die vier Staats- und Regierungschefs damals Russland ultimativ zu einem bedingungslosen Waffenstillstand auf. Daraus wurde nichts, auch spĂ€tere diplomatische Initiativen verliefen zunĂ€chst im Sande.
Erste TuchfĂŒhlung mit Moskau ernĂŒchternd
Merz hofft nun darauf, Russland mit anhaltendem militĂ€rischen Druck an den Verhandlungstisch zu bewegen. AuĂenminister Johann Wadephul hatte vor wenigen Tagen erstmals seit Jahren wieder TuchfĂŒhlung mit Moskau aufgenommen und den russischen AuĂenminister Sergej Lawrow in New York getroffen. Das Ergebnis war ernĂŒchternd. Lawrow Ă€uĂerte sich anschlieĂend abschĂ€tzig ĂŒber das GesprĂ€ch: Es habe nichts Neues gebracht.
