Rot-grĂŒn-rote Sondierung in Berlin unterbrochen - und nun?
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 07:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEine von allen Mitgliedern der Linke-Fraktion unterzeichnete ErklĂ€rung zum Umgang mit Antisemitismus mĂŒsse bewertet werden, teilten GrĂŒne und SPD mit. Sie haben nach der konstituierenden Sitzung der Linke-Fraktion am Dienstagabend ĂŒberraschend die seit knapp einer Woche laufenden Sondierungen unterbrochen.
Die Linke reagierte ĂŒberrascht. "Aus unserer Sicht gilt die Vereinbarung von letzter Woche", sagte Co-Fraktionschef Tobias Schulze in der RBB-Abendschau. Nach seiner EinschĂ€tzung geht es nun darum, Vertrauen herzustellen. "Dass wir genauso wie GrĂŒne und SPD daran interessiert sind, dass jĂŒdische Menschen in Berlin sicher leben können. Dass wir wirklich an einem gemeinsamen Ziel arbeiten", erklĂ€rte Schulze.
Zugleich machte der Co-Fraktionschef deutlich, dass die Linke trotzdem fĂŒr Personalentscheidungen selber verantwortlich sei. "Die Linke muss entscheiden, mit welchen Leuten sie ins Parlament geht", sagte Schulze.
MĂŒhsame Verhandlungen
Nach mĂŒhsamen Verhandlungen hatten Linke, GrĂŒne und SPD vergangene Woche vor Aufnahme der Sondierungen eine Vereinbarung geschlossen, wie sie im Falle einer Koalition mit antisemitischen VorfĂ€llen in den Reihen der Linken umgehen wollen. Angedacht sind auch Sanktionen bis hin zum Fraktionsausschluss. Am Dienstag unterschrieben die Mitglieder der Linken-Fraktion geschlossen eine inhaltlich zwar Ă€hnliche, aber eben andere ErklĂ€rung zu dem Thema.
GrĂŒne und SPD haben Fragen
"Wir haben zur Kenntnis genommen, dass die Linke in ihrer Fraktion zu anderen Verabredungen gekommen ist", erklĂ€rten die Spitzenkandidaten Werner Graf (GrĂŒne) und Steffen Krach (SPD) daraufhin in einem gemeinsamen schriftlichen Statement. "Das bedeutet, dass wir an dieser Stelle die Sondierungen unterbrechen mĂŒssen, um zu bewerten, ob unsere Vereinbarung von vergangener Woche noch gilt. Wir erwarten, dass die Linke uns deutlich macht, inwiefern sie unsere getroffenen Vereinbarungen erst nehmen und umsetzen wollen."
Die Bundesparteivorsitzende der GrĂŒnen, Franziska Brantner, sagte in der ARD-Sendung "Maischberger": "Die Linkspartei hat sich nicht an die Abmachung gehalten. Und das ist bedauerlich."
Eigene ErklÀrung der Fraktion
Teile der Berliner Linken stehen wegen ihrer Positionen zu Israel und PalĂ€stina und zum Antisemitismus immer wieder in der Kritik. FĂŒr Schlagzeilen sorgten zuletzt mehrere VorfĂ€lle. So war bei einer Wahlparty der Neuköllner Linken am 20. September ein umstrittener propalĂ€stinensischer Aktivist anwesend. Er soll der Volksfront fĂŒr die Befreiung PalĂ€stinas (PFLP) nahestehen, die von der EU als Terrororganisation eingestuft ist.
GrĂŒne und SPD hatten deshalb eine VerstĂ€ndigung ĂŒber eine gemeinsame Linie beim Thema Antisemitismus zur Voraussetzung fĂŒr den Beginn von Sondierungen gemacht. Diese kam dann auch zustande. Dem Vernehmen nach stoĂen sich beide Parteien nicht an einzelnen Passagen der FraktionserklĂ€rung. Die Linke mĂŒsse vielmehr erlĂ€utern, warum sie nach der Einigung vergangene Woche mit einer neuen ErklĂ€rung um die Ecke komme und was das konkret bedeute, hieĂ es.
Umstrittene Abgeordnete
Die neue Linke-Fraktion bekannte sich bei ihrer konstituierenden Sitzung im Berliner Abgeordnetenhaus ausdrĂŒcklich zum Kampf gegen Antisemitismus, zum Schutz jĂŒdischen Lebens und zum Existenzrecht Israels - Ă€hnlich, wie es in der Dreier-Vereinbarung der Parteien steht. Alle 44 anwesenden Abgeordneten unterzeichneten nach Angaben von Schulze die entsprechende ErklĂ€rung.
Unter den Unterzeichnern der ErklĂ€rung ist auch die frisch ins Parlament gewĂ€hlte Abgeordnete Vanessa Emde. Sie hatte im Wahlkampf stark auf das Thema PalĂ€stina-SolidaritĂ€t gesetzt und wegen ihrer israelkritischen Positionen mehrfach Diskussionen ausgelöst. Kritiker werfen ihr vor, nicht zum Existenzrecht Israels zu stehen. Vor diesem Hintergrund wurde spekuliert, dass sie womöglich nicht Teil der Linke-Fraktion wird. Möglicherweise erwarteten das auch GrĂŒne und SPD.
Sondierungen liefen bisher gut
Nach Angaben aus Verhandlungskreisen waren die Sondierungen vor der Unterbrechung gut vorangekommen, es gibt aber auch noch schwierige Punkte. In den letzten Tagen habe es intensive, aber auch gute GesprĂ€che mit GrĂŒnen und SPD gegeben, sagte die Co-Fraktionsvorsitzende Elif Eralp, die als erste Linke-Politikerin in das Berliner Rathaus einziehen will. "Und wir haben viele Gemeinsamkeiten festgestellt."
