Saisonarbeit in Hessen: 450 Befragte berichten von Mindestlohn-Verstößen
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 02:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Befragung von 450 Saisonarbeitskräften in Südhessen offenbart erhebliche Missstände in landwirtschaftlichen Betrieben. Wie der DGB Hessen, die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und die Beratungsstelle „Faire Mobilität“ im Rahmen einer Untersuchung von April bis Juni 2026 ermittelten, wird der gesetzliche Mindestlohn in einigen Betrieben umgangen. Zudem erhalten viele der Beschäftigten weder Arbeitsverträge noch Arbeitszeitaufzeichnungen oder nachvollziehbare Lohnabrechnungen.
Fehlende Zeiterfassung und intransparente Abrechnungen
Nach Angaben des DGB Hessen stellt vor allem die mangelnde Nachvollziehbarkeit der geleisteten Arbeitsstunden und der Entlohnung ein zentrales Problem dar. In manchen Fällen erfolge die Auszahlung des Endlohns erst am Ende der Saison.
Zudem unterlaufe Akkordarbeit den Mindestlohn. Für Unterkunft und Verpflegung würden den Arbeitskräften bis zu 30 Euro pro Tag beziehungsweise Nacht in Rechnung gestellt, während Beschäftigte teils von unzumutbaren Wohnverhältnissen berichteten.
Über 90 Prozent der befragten Saisonkräfte stammen laut dem DGB Hessen aus Rumänien. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes kamen im Jahr 2023 rund 12.600 Saisonkräfte nach Hessen. Gewerkschaftsangaben zufolge reisten die befragten Arbeiter überwiegend aus Rumänien sowie aus Kroatien, Ungarn, Bulgarien und der Republik Moldau an.
Gewerkschaften verweisen zudem darauf, dass bei einem in der Quelle angegebenen Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde ein Betrieb 28 Euro pro Tag für Verpflegung und Unterkunft verlangt habe. Überdies sei von Arbeitstagen mit bis zu 12 Stunden Dauer ohne freie Tage berichtet worden.
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Gewerkschaften verlangen schärfere Kontrollen und Reformen
Angesichts der Ergebnisse mahnen Arbeitnehmervertreter konsequente Konsequenzen an. DGB-Chef Michael Rudolph bezeichnete unzuverlässige Betriebe als branchenprägend. Er fordert systematische, unangekündigte Kontrollen durch die zuständigen Arbeitsschutzbehörden und den Zoll sowie die Einführung einer allgemeinen Sozialversicherungspflicht.
Am 20. Oktober 2026 forderte Rudolph zudem Altersansprüche für langjährige Saisonarbeiter und kritisierte die Ausweitung sozialversicherungsfreier Beschäftigung als falschen Weg. Auch Jan Meyer von der IG BAU verlangt deutlich schärfere Kontrollen durch den Zoll, um die Einhaltung der Arbeitsstandards durchzusetzen.
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Behördliche Kontrollen bestätigen zahlreiche Mängel
Rückendeckung erhalten die Arbeitnehmervertreter aus der Landespolitik. Die Landtagsfraktion der Grünen in Hessen erklärte, die Befunde deckten sich mit parlamentarischen Auskünften auf eine Kleine Anfrage. Demnach seien im Jahr 2024 bei 68 behördlichen Kontrollen insgesamt 124 Arbeitsschutzverstöße festgestellt worden.
Die Grünen fordern neben einer Intensivierung der behördlichen Prüfungen und einer verlässlichen Beratung für Beschäftigte auch arbeitsrechtliche Kriterien bei finanziellen Förderungen. Verstöße gegen Arbeitsplatz- und Schutzvorschriften müssten demnach konsequent bei der Vergabe von EU-Agrarfördermitteln berücksichtigt werden, einschließlich spürbarer Kürzungen bei den Agrardirektzahlungen, falls Betriebe die Vorgaben missachten.
