Stufenweise Krankschreibung: KBV lehnt Kabinettsbeschluss ab
29.05.2026 - 23:40:07 | boerse-global.deDie KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) hĂ€lt das Vorhaben der Bundesregierung fĂŒr bĂŒrokratisch nicht umsetzbar.
UnverhĂ€ltnismĂ€Ăiger Aufwand fĂŒr Praxen
Am heutigen Freitag schlug die KBV Alarm: Der Verwaltungsaufwand fĂŒr die Arztpraxen sei âvöllig unzumutbar". Hintergrund ist ein Kabinettsbeschluss vom 29. April 2026, der einen Gesetzentwurf fĂŒr ein abgestuftes Modell bei ArbeitsunfĂ€higkeit vorsieht. Betroffen sind Arbeitnehmer, die lĂ€nger als vier Wochen krankgeschrieben sind.
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Das neue Modell soll eine schrittweise RĂŒckkehr an den Arbeitsplatz ermöglichen. Vorgesehen sind ArbeitsfĂ€higkeitsstufen von 25, 50 und 75 Prozent der regulĂ€ren Stunden. Voraussetzung: Arzt, Arbeitgeber und Patient mĂŒssen dem Modell zustimmen. Arbeitgeber wiederum wĂ€ren verpflichtet, binnen sieben Tagen die Eignung des Arbeitsplatzes zu prĂŒfen.
Medizinische Bedenken und offene Haftungsfragen
KBV-Vertreter Stephan Hofmeister ĂŒbt deutliche Kritik: Die vorgeschlagenen Stufen von 25, 50 und 75 Prozent suggerierten eine medizinische PrĂ€zision, die objektiv kaum zu bestimmen sei. Neben dem bĂŒrokratischen Aufwand sieht Hofmeister ungeklĂ€rte Haftungsfragen fĂŒr die Ărzte.
Auch die politische Opposition meldet sich zu Wort. Pascal Meiser von der Linken bezeichnet die Idee als âbĂŒrokratischen Fehlschlag". Michaela Engelmeier vom Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt vor möglichen Risiken fĂŒr die BeschĂ€ftigten.
Steigende KrankenstÀnde als Hintergrund
Die Debatte kommt nicht von ungefĂ€hr. Die Bundesregierung hatte zuletzt die hohen KrankenstĂ€nde kritisiert. Lag die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage vor 20 Jahren noch bei acht Tagen pro Jahr, stieg sie bis 2025 auf 20 Tage. HausĂ€rzte weisen den Vorwurf groĂzĂŒgiger Ausstellungen zurĂŒck und verweisen auf einen deutlichen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten.
Milliardenschwere Kosten und langer Zeitplan
Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Das Deutsche Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) beziffert die Kosten durch ArbeitsausfĂ€lle fĂŒr 2024 auf rund 70 Milliarden Euro. Trotz des Kabinettsbeschlusses hĂ€lt der GKV-Spitzenverband eine vollstĂ€ndige Umsetzung des Teil-Krankengeldes vor 2028 fĂŒr unrealistisch.
Der Gesetzentwurf zum Haushaltsstabilisierungsgesetz (BStabG) sieht mehrere Ănderungen vor. Zwar wurde der Plan, das Krankengeld auf 65 Prozent zu kĂŒrzen, am 29. April 2026 fallengelassen. Andere MaĂnahmen bleiben jedoch bestehen: Die EinfĂŒhrung des Teil-Krankengeldes ist fĂŒr 2027 geplant, die Frist fĂŒr RentenantrĂ€ge nach langer Krankheit soll von zehn auf vier Wochen verkĂŒrzt werden. Zudem ist fĂŒr 2028 ein neuer Familienversicherungszuschlag von 2,5 Prozent vorgesehen.
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Streit um Arbeitszeitflexibilisierung
Parallel zur Krankschreibungs-Debatte tobt ein weiterer Konflikt. Arbeitsministerin BĂ€rbel Bas (SPD) will bis Ende Juni 2026 einen Gesetzentwurf vorlegen, der statt der tĂ€glichen Höchstarbeitszeit eine wöchentliche Obergrenze einfĂŒhrt.
Die Gewerkschaften laufen Sturm. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel und NGG-Chef Guido Zeitler warnen: Die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages könne zu Gesundheitsrisiken und mehr unbezahlten Ăberstunden fĂŒhren. Arbeitgebervertreter und Ăkonomen wie Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) plĂ€dieren dagegen fĂŒr mehr FlexibilitĂ€t. Stettes schlĂ€gt vor, erweiterte Arbeitszeiten zunĂ€chst auf BĂŒroangestellte zu beschrĂ€nken.
Eine Studie von Januar bis Mai 2025 zeigt jedoch: Die WĂŒnsche der BeschĂ€ftigten gehen in eine andere Richtung. 53 Prozent der Arbeitnehmer wĂŒnschen sich kĂŒrzere Arbeitszeiten, nur sieben Prozent wollen mehr arbeiten. Bei VĂ€tern liegt der Wunsch nach kĂŒrzeren Stunden sogar bei 63 Prozent. DGB-Vize Elke Hannack konstatiert: Die aktuelle Debatte ĂŒber lĂ€ngere Arbeitszeiten scheine am Alltag vieler BeschĂ€ftigter vorbeizugehen.
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