Verpackungsgesetz, Experten

Verpackungsgesetz: Experten fordern grundlegende Reform

09.05.2026 - 19:38:38 | boerse-global.de

Die Novelle des Verpackungsgesetzes stößt auf scharfe Kritik. Hohe Bürokratie und schwache Mehrweg-Anreize gefährden die Ziele, während die EU strengere Regeln vorgibt.

Verpackungsgesetz: Experten fordern grundlegende Reform - Foto: über boerse-global.de
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Die deutsche Verpackungspolitik steht vor einem Scherbenhaufen – und das ausgerechnet am „Earth Overshoot Day".

Fachleute und Umweltverbände üben scharfe Kritik am aktuellen Entwurf zur Novelle des Verpackungsgesetzes. Bei einer Anhörung im Umweltausschuss am 9. Mai 2026 wurde deutlich: Die Bürokratielasten sind zu hoch, die Förderung von Mehrwegsystemen unzureichend. Dabei drängt die Zeit – denn die EU verschärft ihre Regeln massiv.

Reformstau trotz Mehrweg-Zielen

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) bezeichnete den vorliegenden Gesetzesentwurf als unzureichend. Hauptkritikpunkt: Die hohen Verwaltungskosten für Unternehmen stehen in keinem Verhältnis zu den Anreizen für nachhaltigere Verpackungen. Eine sogenannte „Öko-Modulation" der Beteiligungsentgelte fehle bislang.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) geht noch weiter: Die aktuellen Maßnahmen reichten nicht aus, um das nationale Ziel von 70 Prozent Mehrweganteil zu erreichen. Auch das Thema chemisches Recycling sorgte für Diskussionen. Der Industrieverband Plastics Europe schlug vor, diese Technologie ab 2028 mit fünf Prozent anzurechnen – mit einer Steigerung auf sieben bis zehn Prozent bis 2030.

Deutschland lebt über seine Verhältnisse

Am 10. Mai 2026 ist der deutsche Earth Overshoot Day erreicht. Würde die gesamte Weltbevölkerung leben wie die Deutschen, wären die natürlichen Ressourcen des Planeten für dieses Jahr bereits Anfang Mai aufgebraucht. Diese ökologische Hypothek macht den Reformdruck greifbar – doch das Gesetz hinkt hinterher.

Aktuell recycelt Deutschland 68,9 Prozent seiner 1,3 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen. Fast 30 Prozent landen jedoch in der Verbrennung. Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) fordert bis 2030 einen Rezyklatanteil von 35 Prozent bei Nicht-Lebensmittelverpackungen. Besonders dramatisch: Im Lebensmittelbereich liegt der Anteil derzeit unter einem Prozent – Ziel sind zehn Prozent.

Interpack zeigt: Innovation ist möglich

Trotz regulatorischer Hürden beweist die Branche ihre Innovationskraft. Auf der Interpack in Düsseldorf (4. bis 10. Mai 2026) präsentierte die Uhlmann Group neue Maschinen für Monomaterialien und Folien aus nachwachsenden Rohstoffen. Das Unternehmen investiert sieben Prozent seines Umsatzes (460 Millionen Euro) in Forschung und Entwicklung.

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Um Unternehmen bei der Berichterstattung zu entlasten, haben GS1 Germany und das Forum Rezyklat einen standardisierten Meldebogen für die PPWR entwickelt. Das kostenlose Werkzeug soll ab August 2026 verfügbar sein und Daten zu Materialien, Etiketten und Klebstoffen erfassen. Der VDMA meldete für 2025 einen Rekordumsatz von über 16 Milliarden Euro im Verpackungsmaschinenbau.

EU entlastet Mittelstand bei Nachhaltigkeitsberichten

Während das Verpackungsrecht kleinteilig wird, entspannt sich die Lage bei der allgemeinen Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die EU-Kommission startete am 6. Mai 2026 eine Konsultation zu überarbeiteten European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Ziel: Die Pflichtangaben um über 70 Prozent reduzieren, die Kosten für Unternehmen um mehr als 30 Prozent senken.

Bereits seit März 2026 gilt die Omnibus-1-Richtlinie (2026/470). Sie hebt die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung in Deutschland von rund 17.000 auf nur noch 2.500 Unternehmen an – betroffen sind nur noch Firmen mit über 1.000 Beschäftigten und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz.

Diese Entlastung bleibt umstritten. In einer Anhörung des Bundestags-Rechtsausschusses im April 2026 wurde über die Umsetzung der CSRD debattiert. Streitpunkte: die Definition der Mitarbeiterschwellen, die Einbindung von Zulieferern und die Frage, ob technische Prüfstellen statt Wirtschaftsprüfer die Berichte zertifizieren dürfen.

Datenmissbrauch und ESG-Kontrolle

Das Thema Compliance gewinnt auch jenseits der Verpackung an Brisanz. Der kalifornische Attorney General Rob Bonta erwirkte am 8. Mai 2026 einen Vergleich mit General Motors über 12,75 Millionen Dollar – wegen illegalen Verkaufs von Fahrer- und Standortdaten. Es ist die höchste je verhängte Strafe nach dem California Consumer Privacy Act (CCPA).

In den USA verschärft sich zudem der Ton gegenüber ESG-Initiativen. Daniel Aronowitz von der Employee Benefits Security Administration (EBSA) kündigte an, verstärkt gegen „treuwidrige" Verfolgung von ESG- oder DEI-Zielen in 401(k)-Altersvorsorgeplänen vorzugehen.

Europäische Unternehmen erhalten dagegen Auszeichnungen für ihre Compliance-Systeme. Iberdrola wurde zum „Compliance-Programm des Jahres" gekürt – für ein digitalisiertes System, das Hinweisgeberkanäle und Risikobewertungen in 20 Ländern steuert.

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Ausblick: Die Zeit läuft

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich ökologische Notwendigkeit und wirtschaftliche Machbarkeit vereinbaren lassen. Das EU-Parlament hat im April 2026 einen Kompromiss zur PPWR gebilligt, die endgültige Zustimmung des Rats steht noch aus. Die Verordnung sieht vor: fünf Prozent weniger Verpackungsmüll bis 2030, 15 Prozent bis 2040, und ein vollständiges PFAS-Verbot in Lebensmittelverpackungen bis Ende des Jahrzehnts.

In Deutschland bleibt die Reform des Verpackungsgesetzes auf der Agenda. Die Industrie fordert eine echte Öko-Modulation und bessere Unterstützung für Mehrwegsysteme. Gleichzeitig steht die Bundesregierung unter Druck, ihre Klimastrategie zu aktualisieren – laut Expertenschätzungen vom Frühjahr 2026 wird Deutschland seine Klimaziele für 2030 verfehlen, besonders die Sektoren Verkehr und Gebäude liegen über dem Budget.

Ab 2027 gelten die überarbeiteten ESRS verpflichtend. Dann verschiebtsich der Fokus von der Datenmenge zur strategischen Qualität der Umsetzung. Der Weg zur „Sustainable Economy" bleibt für die deutsche Industrie prioritär – auch wenn politische Unsicherheit und bürokratische Hürden das Tempo drosseln. Der Erfolg wird davon abhängen, ob der Gesetzgeber einen Rahmen schafft, der Innovation belohnt, ohne den Mittelstand zu überfordern.

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