'Eine nÀchste Pandemie kann komplett anders aussehen'
05.02.2025 - 06:35:01 | dpa.deFĂŒnf Jahre spĂ€ter ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Im RedaktionsgesprĂ€ch der Deutschen Presse-Agentur blicken die Virologin Sandra Ciesek und der Ărztliche Direktor des Frankfurter UniversitĂ€tsklinikums, JĂŒrgen Graf, zurĂŒck - und nach vorn.
Ciesek war eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die Kontakt mit Infizierten hatte. SpĂ€ter wurde die Virologin als Podcast-Partnerin von Christian Drosten bundesweit bekannt. Graf leitete den Planungsstab fĂŒr die stationĂ€re Versorgung der Covid-Patienten in Hessen. Die Wissenschaft und die KrankenhĂ€user haben viel gelernt, sagen beide. Dass bei der nĂ€chsten Pandemie alles glattlĂ€uft, glauben sie aber nicht.
Ein Anruf morgens um vier
Den Moment, an dem sie wusste, dass die Pandemie unausweichlich ist, kann Ciesek auf die Stunde genau bestimmen: Es war der Morgen des 2. Februar 2020. Am 1. Februar war ein Flugzeug mit Evakuierten aus Wuhan auf dem Frankfurter Flughafen gelandet.
In der Nacht wurden ihre Rachenabstriche untersucht. "Morgens um vier rief das Labor mich an, dass zwei Menschen positiv sind", erinnert sich Ciesek. Das Unerwartete daran war, dass sie keine Symptome hatten. "In dem Moment war mir klar, dass sich das nicht eindÀmmen lÀsst."
Kritische Momente und Fehler
Der kritischste Moment der Pandemie war fĂŒr Graf der Herbst 2020, "als wir nicht in der Lage waren, die Bewohner von Alteneinrichtungen hinreichend zu schĂŒtzen". Auch Ciesek hĂ€lt diese Phase rĂŒckblickend fĂŒr die kritischste, auch fĂŒr die Allgemeinbevölkerung. Vielen Menschen sei damals nicht bewusst gewesen, dass eine zweite Welle kommt.
Die Frage nach den gröĂten Fehlern wĂ€hrend der Pandemie beantworten beide abwĂ€gend. "Ich nehme allen ab, dass sie sich viele Gedanken dazu gemacht haben und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen wollten, dass sie tatsĂ€chlich das Richtige machen wollten", sagt Graf. "Aber die Informationen kamen in einer Geschwindigkeit, dass die von keinem alleine aufzunehmen und zu durchdringen waren."
Ciesek sieht rĂŒckblickend vor allem die globale Verteilung von Impfstoffen kritisch. "Das lief nicht gut. In Westeuropa war die dritte Impfung geplant, bevor in Afrika die erste erfolgt war. Das ist etwas, wovon ich mir wirklich wĂŒnschen wĂŒrde, dass das zukĂŒnftig anders lĂ€uft. Eine Pandemie ist weltweit."
Was wir gelernt haben
Aus Sicht der Virologie und in Bezug auf die Krankenstrukturen habe die Pandemie durchaus Positives hervorgebracht, sagen beide. Man habe bessere Testmöglichkeiten entwickelt, Wissenschaftler weltweit arbeiteten heute in Netzwerken enger zusammen, sagt Ciesek, Direktorin des Instituts fĂŒr Medizinische Virologie am UniversitĂ€tsklinikum Frankfurt.
Kliniken seien fĂŒr auĂergewöhnliche Situationen inzwischen "organisatorisch erheblich besser aufgestellt", sagt Graf. Es gebe Krisenszenarien fĂŒr alle möglichen FĂ€lle. "FrĂŒher hatten wir den Krankenhaus-Einsatzplan bei Massenanfall von Verletzten, also einen Flugzeugabsturz, und das war es." Heute gebe es "eine gröĂere Bandbreite", etwa EinsatzplĂ€ne fĂŒr Blackouts, Cyberattacken oder MilitĂ€rinterventionen.
Die nÀchste Pandemie kann ganz anders sein
Dass wir nach Corona eine neue Pandemie besser bewĂ€ltigen, davon ist Ciesek nicht unbedingt ĂŒberzeugt: "Sie können das nicht so planen. Ein nĂ€chster Erreger, eine nĂ€chste Pandemie kann komplett anders aussehen." Wenn der Erreger andere Eigenschaften habe, zum Beispiel nur eine bestimmte Personengruppe betreffe, "dann mĂŒssten Sie im Notfall komplett andere MaĂnahmen ergreifen. Und das können wir nicht vorhersagen."
Nachdem die Bevölkerung durch Impfung und Infektionen eine weitgehende GrundimmunitĂ€t gegenĂŒber dem Coronavirus aufgebaut hat, nimmt die Virologie andere Erreger ins Visier. "Dazu gehören Flaviviren wie das Dengue-Virus, das West-Nil-Virus, aber auch Zika- und Gelbfieber-Viren", erklĂ€rt Ciesek. "Durch die globale ErwĂ€rmung steigt das Risiko, dass solche Viren hier heimisch werden und dann auch hier zu Infektionen fĂŒhren können."
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