Wechseljahre, Erschöpfung

Wechseljahre: 68% funktionieren trotz massiver Erschöpfung weiter

27.05.2026 - 21:30:25 | boerse-global.de

Gewerkschaften und Verbände fordern flexible Arbeitsmodelle für Frauen in den Wechseljahren, um Fachkräfte zu halten.

Wechseljahre: 68% funktionieren trotz massiver Erschöpfung weiter - Foto: über boerse-global.de
Wechseljahre: 68% funktionieren trotz massiver Erschöpfung weiter - Foto: über boerse-global.de

Viele reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen ganz aus. Am Internationalen Aktionstag für Frauengesundheit fordern Gewerkschaften und Verbände konkrete Maßnahmen in den Betrieben.

Die ÖGB-Bundesfrauensekretärin Dorottya Kickinger mahnte am heutigen Mittwoch eine stärkere Sensibilisierung für das Thema an. Die biologische Übergangsphase dürfe in der modernen Arbeitswelt kein Tabu mehr sein. Sie habe direkten Einfluss auf die Beschäftigungsfähigkeit von Millionen Arbeitnehmerinnen.

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Die Forderungen umfassen flexible Arbeitsbedingungen und eine bessere arbeitsmedizinische Betreuung. Ziel ist es, erfahrene Fachkräfte im Erwerbsleben zu halten.

Erschöpfung als Dauerzustand

Der aktuelle Frauengesundheitsreport 2026 zeichnet ein alarmierendes Bild. 68 Prozent der befragten Frauen funktionieren trotz massiver Erschöpfung weiter. Für zwei Drittel gehört Müdigkeit zum normalen Alltag, mehr als die Hälfte erlebt sie als dauerhaften Begleiter.

Besonders betroffen ist die Altersgruppe zwischen 30 und 44 Jahren. Die Doppelbelastung aus Karriere und Familie sowie erste hormonelle Umstellungen fordern ihren Tribut.

Die Meno Support Studie belegt die Folgen: Über 20 Prozent der Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit wegen Wechseljahresbeschwerden. In einigen Fällen kommt es zur Kündigung, weil die Arbeitsbedingungen nicht an die physischen Bedürfnisse angepasst sind.

Gendermedizin mit Nachholbedarf

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) kritisierte heute die medizinische Versorgung. Sie sei noch immer zu stark auf den männlichen Körper ausgerichtet. Fehlende geschlechtsspezifische Ansätze führen laut Verband zu Fehldiagnosen – etwa bei Herzinfarkten. Oder zum sogenannten „Medical Gaslighting“, bei dem Beschwerden von Frauen nicht ernst genommen werden.

Ein weiteres Tabuthema ist Inkontinenz. Das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum der Uniklinik RWTH Aachen informierte heute darüber. Deutschlandweit sind fünf bis sechs Millionen Menschen betroffen. Am Arbeitsplatz stellt das Leiden eine enorme psychische Belastung dar.

Im Bereich Prävention gewinnt „Cycle Syncing“ an Bedeutung. Die KKH Kaufmännische Krankenkasse verwies gestern auf eine forsa-Umfrage vom März 2025. Demnach vermuten 76 Prozent der befragten Frauen zwischen 14 und 50 Jahren einen positiven Effekt durch zyklusgerechtes Training und Ernährung. Rund 60 Prozent dokumentieren ihren Zyklus bereits regelmäßig. Die KKH bietet im Juni spezifische Online-Seminare an.

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Lohntransparenz als zweite Baustelle

Die gesundheitlichen Probleme sind eng mit wirtschaftlicher Ungleichheit verknüpft. Arbeitszeitreduzierungen wegen Wechseljahresbeschwerden verschärfen bestehende Einkommensunterschiede.

Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) hat den Sozialpartnern gestern ein Ultimatum gesetzt. Bis zur kommenden Woche sollen sich Wirtschaftskammer (WKÖ), ÖGB und Arbeiterkammer auf einen Vorschlag zur EU-Lohntransparenz-Richtlinie einigen. Sonst droht ein eigener Gesetzesentwurf.

Die EU-Richtlinie verlangt von Unternehmen ab 100 Mitarbeitern verpflichtende Einkommensberichte. Während Gewerkschaften auf rasche Umsetzung drängen, warnt die Wirtschaftskammer vor Bürokratie. Die Umsetzungsfrist ist bereits überschritten, ein Vertragsverletzungsverfahren droht.

Wechseljahre als Faktor für den Fachkräftemangel

Die Debatte markiert einen Paradigmenwechsel. Wurde die Menopause früher als Privatthema behandelt, gilt sie nun als wirtschaftlicher Faktor. Im Kampf um Fachkräfte können sich Unternehmen kaum leisten, hochqualifizierte Frauen in den 40ern und 50ern zu verlieren.

Besser geschulte Betriebsärzte könnten frühzeitig Maßnahmen ergreifen: angepasste Arbeitszeiten, klimatisierte Rückzugsräume oder ergonomische Anpassungen. Das senkt Fehlzeiten und erhöht die Mitarbeiterbindung.

Die Kritik des SoVD zeigt zudem: Die öffentliche Hand ist gefordert. Mehr Mittel für Gendermedizin sind nötig, um Behandlungspfade zu optimieren. „Medical Gaslighting“ führt nicht nur zu individuellem Leid, sondern durch verzögerte Behandlungen zu höheren Kosten im Sozialsystem.

Ausblick

In den kommenden Wochen sind mehrere Initiativen geplant. Die KKH bietet am 9. und 18. Juni kostenlose Online-Seminare zum zyklusbasierten Training an. Am 13. Juni veranstaltet das Frauenbüro Langen einen Vortrag zur Ernährung in den Wechseljahren.

Politisch fällt die Entscheidung über das Lohntransparenzgesetz in der ersten Juniwoche. Scheitert die Einigung der Sozialpartner, dürfte die Regierung den Druck erhöhen – um Sanktionen der EU abzuwenden.

Wie Unternehmen auf die Forderungen nach Flexibilität reagieren, bleibt abzuwarten. In Branchen mit starkem Kostendruck – wie der chemischen Industrie, wo seit gestern Streiks für höhere Löhne laufen – dürften Zugeständnisse hart verhandelt werden. Der Trend ist dennoch klar: Die Wechseljahre haben ihren Weg aus der Tabuzone in die strategische Personalplanung gefunden.

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