Willkommen in den 80ern - Japans Banken rollen die Wallstree
Veröffentlicht am: 29.09.2008 um 10:32 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS
ASIEN-TRENDS-KOLUMNE
Vielleicht können Sie sich noch an die 80er Jahre erinnern. In gewisser Weise war diese Zeit unserer heutigen sehr ähnlich. Denken Sie nur an die Krise der amerikanischen Spar- und Darlehenskassen. Auch damals hat es eine Immobilienblase gegeben, die anschließend platzte und zahlreiche Banken ins Wanken brachte. Die US-Regierung gründete in Reaktion darauf den sogenannten „Resolution Trust“, der 750 Institute mit Einlagen in Höhe von 394 Milliarden Dollar abwickeln musste. Übrigens wurden seinerzeit viele Kredite, die zunächst als notleidend eingestuft worden waren, von ihren Gläubigern schlussendlich bedient. Dennoch gingen etliche Banken pleite; die Steuerzahler blieben zuletzt auf Schulden in Höhe von 75 Milliarden Dollar sitzen.
Auf die US-Wirtschaft gab damals keiner mehr einen Pfifferling. Die amerikanischen Großkonzerne litten unter der schärfer werdenden Konkurrenz der neuen Wettbewerber aus Fernost und führten erstmals Massenentlassungen im großen Stil durch. Ist heute China der große Angstgegner, so waren es damals die japanischen Industrieriesen, die im Westen für Angst und Schrecken sorgten. Die Märkte in Nordamerika und Westeuropa wurden mit japanischen Waren überschwemmt. Die japanischen Konzerne wiederum gingen in den USA auf Einkaufstour und übernahmen dort zahlreiche renommierte Unternehmen. Nippon schien die Welt zu erobern. Finanziert wurde all dies von den riesigen japanischen Banken, die über ungeheure Finanzmittel zu verfügen schienen. Mizuho Financial war damals die größte Bank und Nomura die größte Investmentbank der Welt.
In den 90er Jahren schien es allerdings mit Japans Herrlichkeit zu Ende zu gehen. Der wirtschaftliche Erfolg des Landes hatte eine beispiellose Spekulationswelle verursacht; der Nikkei stand 1989 in der Spitze bei 38.900 Punkten (Endstand gestern: 12.006 Punkte). Sowohl der Aktien- als auch der Immobilienmarkt brachen in sich zusammen. Die Banken, die all dies finanziert hatten, blieben auf gewaltigen faulen Krediten sitzen. Sämtliche japanische Großbanken mussten sich in die Obhut einer staatlichen Auffanggesellschaft begeben, die insgesamt 500 Milliarden Dollar in den Sektor pumpte. Mehrere Megainstitute wie etwa die Long Term Credit Bank und die Nippon Credit Bank brachen zusammen. Unter massivem Einsatz von Staatsgeldern wurde der Sektor konsolidiert; aus 10 Großbanken wurden 3, die erst zu Beginn dieses Jahrzehnts wieder auf eigene Beine gestellt werden konnten. Der Finanzplatz USA fand gleichzeitig zu einer nie gekannten Stärke zurück. Die Wallstreet nahm ihre Führungsposition wieder ein; die amerikanischen Investmentbanken erschlossen sich weltweit immer neue Geschäftsfelder, und machten Gewinne, die alles bisher Gekannte in den Schatten stellten. Die US-Finanzwelt erlebte ein neues goldenes Zeitalter.
Wir kennen das vorläufige Ende dieser Geschichte: Die Immobilien- und Subprime-Krise hat an der Wallstreet zu enormen Verwerfungen geführt. Innerhalb weniger Monate sind mit Merrill Lynch, Bear Stearns und Lehman Brothers drei der fünf größten Investmentbanken von der Bildfläche verschwunden. Die beiden verbliebenen Häuser, Goldman Sachs und Morgan Stanley, wiederum haben eine Vollbank-Lizenz beantragt und sich damit vom „Geschäftsmodell Investmentbank“ in Teilen verabschiedet. Die amerikanische Regierung musste bereits in den letzten Monaten gewaltige Mittel in die Rettung einzelner Institute pumpen, und arbeitet jetzt an einem allgemeinen Bankenrettungsplan, für den voraussichtlich rund 700 Milliarden Dollar aufgewandt werden müssen.
Die japanischen Geldhäuser haben dagegen in den letzten Jahren auf internationaler Ebene ein Schattendasein geführt. Jetzt – im Zuge der amerikanischen Finanzkrise – kehren sie gestärkt und gesundet auf die Bühne zurück. Die Subprime-Krise haben sie nahezu unbeschadet überstanden. Japans Banken als Ganzes mussten auf entsprechende Finanzanlagen bisher Abschreibungen von 13,7 Milliarden Dollar vornehmen. Dies entspricht weniger als 3 Prozent der weltweit vorgenommenen Wertberichtigungen. Ihr konservatives Vorgehen hat dazu geführt, dass sie inzwischen wieder über eine beträchtliche Finanzkraft verfügen. Und sie nutzen angesichts der Verwerfungen an der Wallstreet die Gunst der Stunde – und gehen – wie schon in den 80er Jahren - auf Einkaufstour.
Mitsubishi UFJ etwa haben sich vor zwei Wochen für 8,5 Milliarden Dollar bei Morgan Stanley eingekauft. Die Japaner erhalten dafür 20 Prozent der Anteile an der angeschlagenen Investmentbank, die in ihrer Branche zu den wenigen „Überlebenden“ zählt. Nomura wiederum haben aus der Insolvenzmasse von Lehman Brothers sowohl das Asien- als auch das Europa-Geschäft übernommen und sind damit im internationalen Investmentbanking wieder eine ganz große Nummer. Sumitomo Mitsui Financial hingegen haben die Möglichkeit, sich an einer Kapitalerhöhung von Goldman Sachs zu beteiligen, ausgeschlagen. Dennoch gehört auch Sumitomo zu den Gewinnern der Finanzkrise. Die Großbank hat sich nämlich im Juli für 900 Millionen Dollar bei der ebenfalls schwächelnden britischen Barclays Bank eingekauft. Und diese wiederum hat sich letzte Woche den US-Investmentbank-Bereich von Lehman Brothers unter den Nagel gerissen.
Der Kauf der Lehman-Brothers-Sparten durch Nomura ist ein besonders gutes Beispiel für die jüngste Trendwende. Der Kaufpreis für die beiden Bereiche ist nicht bekannt. Allerdings dürfte Nomura zu Schleuderpreisen eingekauft haben. Der japanische Konzern verfügt durch die Transaktion jetzt über knapp 20.000 Mitarbeiter in aller Herren Länder. Allein der Europa-Bereich von Lehman Brothers mit seiner Hauptniederlassung in London bringt 1800 Banker-Talente mit, die der Konzern größtenteils halten können wird, da der Arbeitsmarkt für Investmentbanker zur Zeit nicht allzu rosig aussieht.
In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat man sich bei Nomura im Investmentbanking von den amerikanischen Konkurrenten vielfach die Butter vom Brot nehmen lassen. Diese Zeiten dürften nun vorbei sein. Zwar sind die Investmentbanking-Aktivitäten 2008 weltweit deutlich zurückgegangen. Doch auch hier wird früher oder später eine zyklische Erholung mit anschließenden neuen Rekordgewinnen eintreten. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass Nomura in der künftigen Finanzwelt eine überragende Rolle einnehmen wird.
Wir bei ASIEN-TRENDS haben die Aktie von Nomura Holdings vergangene Woche zum Kauf empfohlen. Die Titel befinden sich inzwischen bereits über 13 Prozent im Plus. Kurzfristig ist damit zu rechnen, dass die Aktie volatil bleibt. Die Finanzbranche wird schließlich von vielen Anlegern immer noch mit beträchtlichem Misstrauen betrachtet. Langfristig ist Nomura aber eine jener Aktien, die von einer weltweiten Erholung des angeknacksten Finanzsektors weit überdurchschnittlich profitieren wird. Auch für die übrigen japanischen Bankenwerte – die zuletzt zu Unrecht stark verprügelt worden sind - sehen wir mittelfristig gute Perspektiven. Und dies sind nur einige wenige der hervorragenden Kaufgelegenheiten, die die sich an den enorm zurückgekommenen asiatischen Börsen derzeit bieten.
Gerhard Heinrich ist Asien-Redakteur bei EMFIS. Er verfasst gemeinsam mit Rainer Hahn den Trading-Dienst ASIEN-TRENDS. Dieser Dienst erscheint immer bei Handlungsbedarf, aber mindestens einmal wöchentlich. Darin erhalten die Leser neben einer umfassenden Marktanalyse vor allem konkrete Aktien- und Derivate-Empfehlungen für die asiatischen Märkte.
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