Zalando-Streit, Erfurt

Zalando-Streit in Erfurt: 2700 Jobs vor dem Aus

12.05.2026 - 01:17:04 | boerse-global.de

Zalando und Betriebsrat in Erfurt uneins über Verfahren zur Schließung des Logistikzentrums. Gericht entscheidet im Juni über Einigungsstelle.

Zalando-Streit in Erfurt: 2700 Jobs vor dem Aus - Foto: über boerse-global.de
Zalando-Streit in Erfurt: 2700 Jobs vor dem Aus - Foto: über boerse-global.de

Am 11. Mai warf das Gremium dem Vorstand vor, direkte Gespräche bewusst zu vermeiden. Hintergrund ist die geplante Schließung des Zentrums bis September 2026 – 2700 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Der Streit entzündet sich an der Frage, ob die Konfliktlösung informell oder vor einer gerichtlichen Einigungsstelle erfolgen soll.

Betriebsrat wirft Vorstand Provokation vor

Die jüngste Eskalation begann Anfang Mai 2026. Damals reisten Vertreter der Erfurter Belegschaft nach Berlin und übergaben der Konzernzentrale rund 1250 „Sorgenkarten“. Diese enthielten persönliche Botschaften, Ängste und konkrete Forderungen der Mitarbeiter und ihrer Familien. Anschließend schlug der Betriebsrat ein Treffen mit dem Vorstand vor – ohne externe Anwälte und Berater. Ziel: eine persönliche, direkte Aussprache zur Lösung des Stillstands.

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Doch der Vorstand ließ das Angebot unbeantwortet. Stattdessen setzte das Management auf einseitige Kommunikation. Co-CEO David Schröder schrieb einen Brief an die Belegschaft, in dem er erneut die Einrichtung einer Einigungsstelle forderte. Tony Krause, Vorsitzender des Zalando-Betriebsrats in Erfurt, bezeichnete dieses Vorgehen als „tief enttäuschend“ und neuen Tiefpunkt in der Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Führungsebene. Das Ignorieren des Gesprächsangebots wertete Krause als bewusste Provokation.

Ein Zalando-Sprecher entgegnete, dass Gespräche ohne verbindlichen Rahmen in den vergangenen Monaten keine Fortschritte gebracht hätten. Die Einigungsstelle – ein Instrument des deutschen Arbeitsrechts – biete eine neutral moderierte und verlässliche Struktur. Nur so ließen sich die nötige Klarheit und Planungssicherheit für die Mitarbeiter erreichen.

Juristisches Tauziehen um die Einigungsstelle

Der Streit um das richtige Verfahren beschäftigt bereits die Gerichte. Ende März 2026 gab das Arbeitsgericht Erfurt Zalando recht und ordnete die Einrichtung einer Einigungsstelle an. Die Begründung: Die Verhandlungen über einen Sozialplan und Interessenausgleich seien gescheitert. Zalando hatte argumentiert, ein tragfähiger Verhandlungsplan sei mit dem Betriebsrat nicht mehr zu erreichen gewesen.

Der Betriebsrat widerspricht: Die Verhandlungen seien noch gar nicht richtig in Gang gekommen. Krause betonte bereits Mitte März, man sei noch nicht an dem Punkt, an dem eine gerichtlich erzwungene Lösung nötig sei. Im April legte das Gremium Berufung beim Thüringer Landesarbeitsgericht ein. Die Verhandlung ist für den 3. Juni 2026 angesetzt.

Trotz der offenen Rechtslage ist bereits ein Vorsitzender für die potenzielle Einigungsstelle benannt: Josef Molkenbur, früherer Richter und Staatssekretär aus Sachsen-Anhalt, soll das achtköpfige Gremium leiten. Jeweils vier Beisitzer entsendet jede Seite, Molkenbur fungiert als neutraler Vorsitzender. Während Zalando dieses Gremium als einzig gangbaren Weg zu einem fairen Sozialplan sieht, betrachtet der Betriebsrat es als Instrument, um die direkte Beteiligung der Arbeitnehmer zu umgehen.

Strategischer Kurswechsel mit regionalen Folgen

Die Ankündigung der Schließung kam Anfang Januar 2026 – ein tiefer Einschnitt für den DAX-Konzern. Das Logistikzentrum in Erfurt war vor rund zwölf Jahren eröffnet worden und galt lange als Eckpfeiler von Zalandos Expansion. Auf seinem Höhepunkt trug der Standort maßgeblich zur Marktdominanz des Online-Modehändlers bei. Die Schließung bis Ende September ist Teil einer umfassenderen Neuausrichtung, deren Details umstritten sind.

Die Folgen für den regionalen Arbeitsmarkt sind massiv: 2700 Jobs stehen auf der Kippe. Thüringer Politiker haben ihre Besorgnis mehrfach geäußert. Bodo Ramelow, früherer Ministerpräsident und heute Berater des Betriebsrats, kritisierte das Management scharf. Im März 2026 erklärte Ramelow, der Vorstand wirke unerfahren im Umgang mit komplexen Arbeitskonflikten. Der Weg zur gerichtlichen Einigungsstelle sei der falsche. Zudem habe das Unternehmen noch keine ausreichende wirtschaftliche Begründung für die komplette Schließung eines so großen Standorts vorgelegt.

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Zalando hat zwar Informationsveranstaltungen und Jobmessen für andere Logistikstandorte wie Lahr, Mönchengladbach oder Gießen angeboten. Der Betriebsrat hält diese Alternativen für viele Erfurter Mitarbeiter jedoch für unrealistisch. Bereits im Februar 2026 legte das Gremium einen detaillierten Fragenkatalog vor – mit der Forderung nach konkreten Daten zur Rentabilität des Standorts und nach Alternativen zur Komplettschließung. Die erbetenen „Zahlen, Daten und Fakten“ seien bis heute nicht in der nötigen Transparenz geliefert worden.

Hintergrund: Wachsender Druck auf die Belegschaft

Der Konflikt in Erfurt steht exemplarisch für einen trend in der europäischen Logistikbranche: Unternehmen optimieren ihre Netzwerke durch Automatisierung und Standortkonzentration. Für Zalando bedeutet der Wandel vom wachstumsstarken Start-up zum reifen DAX-Konzern auch einen härteren Kurs in der Arbeitspolitik. Die Einigungsstelle ist ein Standardinstrument im deutschen Arbeitsrecht – doch ihr frühzeitiger Einsatz wird von Gewerkschaften und Betriebsräten oft als Strategie gewertet, die Phase des Interessenausgleichs abzukürzen.

Die Arbeitsbedingungen in Erfurt stehen seit Jahren in der Kritik. Berichte aus den vergangenen Jahren und noch vom Januar 2026 dokumentieren die körperliche Belastung der „Picker“, die pro Schicht oft mehr als 25 Kilometer zurücklegen. Die Leistungsüberwachungssoftware Zonar war bereits früher ein Konfliktthema – auch wenn das Management darauf hinweist, dass der Betriebsrat die Systeme ursprünglich genehmigt hatte.

Besonders brisant: Trotz der internen Spannungen meldete Zalando Anfang Mai 2026 einen Umsatzanstieg von knapp 24 Prozent. Die gute Geschäftsentwicklung steht in scharfem Kontrast zu den Sparmaßnahmen in Thüringen.

Ausblick: Entscheidende Wochen für 2700 Beschäftigte

Die kommenden Wochen werden für die Erfurter Belegschaft richtungsweisend sein. Die Verhandlung vor dem Landesarbeitsgericht am 3. Juni entscheidet, ob die Einigungsstelle eingesetzt wird oder die Parteien zurück an den Verhandlungstisch müssen. Bestätigt das Gericht die Einigungsstelle, beginnt Josef Molkenbur mit der Vermittlung eines Sozialplans – über Abfindungen, Übergangsfristen und mögliche Umschulungsprogramme.

Der Betriebsrat hat angekündigt, bis zuletzt für eine Alternative zur Schließung zu kämpfen. Das Management zeigt bislang keine Bereitschaft, die Entscheidung zu revidieren. Die hohe Beteiligung an den jüngsten Betriebsversammlungen – über 1000 Mitarbeiter kamen Mitte April – zeigt, dass die Belegschaft hoch mobilisiert ist. Doch mit dem September-Termin rückt die Zeit für eine Lösung, die Arbeitsplätze erhält, unaufhaltsam näher. Der Ausgang dieses Konflikts dürfte richtungsweisend sein für künftige Standortschließungen und Umstrukturierungen im gesamten europäischen Zalando-Netzwerk.

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