Betrieben, Versorgung

3-Prozent-Abschlag: 9 von 10 Betrieben erwarten schlechtere Versorgung

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Umfrage zeigt erwartete Versorgungseinbußen durch den geplanten Vergütungsabschlag; Verbände kritisieren zudem die beschlossene Rückkehr zu Ausschreibungen.
Ein minimalistischer, leerer Lagerraum in einer medizinischen Einrichtung mit weißen Regalen und natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Der Deutsche Bundestag hat die Wiedereinführung von Ausschreibungen in der Hilfsmittelversorgung beschlossen. Die Neuregelung, die Produkte wie Inkontinenzhilfen und Gehhilfen betrifft, ist Teil der Folgemaßnahmen zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Damit das Vorhaben wirksam werden kann, steht allerdings noch die Zustimmung des Bundesrates aus.

Ausschreibungen in diesem Versorgungssegment waren im Jahr 2019 über das Terminservice- und Versorgungsgesetz gestrichen worden, nachdem es unter anderem zu deutlichen Qualitätsproblemen gekommen war.

Branchenverbände und Kassen uneins über Sparpläne

Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) bezeichnete den Schritt laut einem Bericht vom 15. Oktober 2026 als schwarzen Tag für die Hilfsmittelversorgung und forderte die Länderkammer auf, das Vorhaben zu stoppen. Der Verband verwies dabei auf das für 2026 angekündigte Hilfsmittelmodernisierungs- und Bürokratieabbaugesetz.

Die Expertin Juliane Pohl kritisierte, dass der damalige Fehler nun aus kurzsichtigen Sparerwägungen und gegen den Rat aller Fachleute wiederholt werde. Weitere Warnungen vor den Ausschreibungen formulierten der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT), die Deutsche Kontinenz Gesellschaft sowie die BAG Selbsthilfe.

Auf Kassenseite wird das Vorhaben hingegen anders bewertet. Der Verband der Ersatzkassen sieht in dem Schritt Einsparpotenzial und hebt hervor, dass die Zuschläge qualitative Kriterien einbeziehen sollen.

Offener Brief und Protestaktionen gegen Vergütungskürzungen

Gleichzeitig formiert sich breiter Widerstand gegen das Gesamtpaket an Sparmaßnahmen. Die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ) und der Spitzenverband Wir versorgen Deutschland (WvD) wandten sich laut einem Bericht vom 14. Oktober 2026 mit einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz.

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Der Bundestag hat die Wiedereinführung von Ausschreibungen in der Hilfsmittelversorgung beschlossen; der Bundesrat muss noch zustimmen. Für 2027 und 2028 ist zudem ein 3-Prozent-Abschlag auf die Vergütung vorgesehen. In einer Erhebung unter Mitgliedsunternehmen rechnen 9 von 10 Betrieben mit einer Verschlechterung der Versorgung. Kostenlosen Leitfaden zur Vergütungsverhandlung anfordern

Darin warnten sie vor der Rückkehr zu den Ausschreibungen sowie vor dem beschlossenen 3-Prozent-Abschlag auf Vergütungen in der Hilfsmittelversorgung. Beide Organisationen forderten den Verzicht auf die Ausschreibungen, eine Korrektur des pauschalen Vergütungsabschlags sowie eine verbindliche Beteiligung von Patientenorganisationen an versorgungsrelevanten Entscheidungen.

Zusätzlich startete der BIV-OT laut einem Bericht vom 14. Oktober 2026 die Social-Media-Aktion #gesundheitsnetzreisst, begleitet von den Schlagworten #hilfsmittelversorgung und #alarmstuferot. Die Kampagne umfasst 24 Bildmotive zu acht Themen, die im täglichen Rhythmus auf LinkedIn ausgespielt und nach acht Tagen wiederholt werden.

Umfrageergebnisse zeigen Versorgungsrisiken bei Leistungserbringern

Welche Konsequenzen die Sparmaßnahmen für Sanitätshäuser und Patienten haben könnten, illustrieren Zahlen der rehaVital Gesundheitsservice GmbH. In einer Mitte Oktober 2026 publizierten Erhebung unter Mitgliedsunternehmen gaben 9 von 10 Betrieben an, infolge des für 2027 und 2028 vorgesehenen 3-Prozent-Abschlags eine Verschlechterung der Versorgung zu erwarten.

Rund 4 von 5 Unternehmen rechneten mit einer abnehmenden Verfügbarkeit wohnortnaher Leistungserbringer. Konkret erwarteten 82 Prozent eine Ausdünnung der wohnortnahen Versorgung, während 70 Prozent mit einer Einschränkung des Angebots bestimmter Hilfsmittel oder Versorgungsbereiche kalkulierten.

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82 Prozent der befragten Betriebe erwarten eine Ausdünnung der wohnortnahen Versorgung, 36 Prozent diskutieren Personalabbau, 16 Prozent Standortschließungen. Wer seine Filialen und sein Team halten will, braucht belastbare Zahlen und eine klare Argumentationslinie gegenüber Kassen und Politik. Checkliste zur Standortsicherung jetzt sichern

Zudem erwägen rund zwei Drittel der befragten Mitgliedsunternehmen eine Einschränkung einzelner Versorgungsbereiche in der gesetzlichen Krankenversicherung, mehr als ein Drittel zieht sogar die vollständige Einstellung einzelner Bereiche in Betracht. Personalabbau wird bei 36 Prozent der Sanitätshäuser diskutiert, 16 Prozent erwägen Schließungen von Standorten oder Filialen.

Patrick Grunau, Bereichsleiter Politik, Kommunikation und Marketing bei rehaVital, betonte, dass aus der Vergütungskürzung ein konkretes Versorgungsrisiko werde, und forderte Regierungsvertreter auf, die Maßnahmen und den Abschlag zurückzunehmen sowie auf Ausschreibungen zu verzichten.

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