ADHS-Verdacht: Expertenrat warnt davor, Patienten vorschnell abzustempeln
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 12:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Diskussion um die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitĂ€tsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter gewinnt im therapeutischen Fachdiskurs an SchĂ€rfe. Fachleute des Expertenrats ADHS betonen in einer aktuellen Stellungnahme, dass der geĂ€uĂerte Verdacht von Patienten keinesfalls vorschnell als sogenannte Wunschdiagnose abgetan werden darf.
Ein Verdacht stelle vielmehr eine Hypothese dar, die in einem strukturierten, ergebnisoffenen Prozess medizinisch und psychologisch ĂŒberprĂŒft werden mĂŒsse. Er sei weder bereits ein valider Befund noch selbst als Symptom zu werten.
Anlass fĂŒr diese Klarstellung ist eine Debatte im Psychotherapeutenjournal ĂŒber die Entwicklung der Störungszuschreibung. In diesem Zusammenhang unterstrich der Mediziner Matthias Rudolph aus Boppard, dass allein das Ersuchen um diagnostische KlĂ€rung kein pathologisches Kriterium darstelle.
Notwendigkeit einer differenzierten und ergebnisoffenen AbklÀrung
Eine fachgerechte ADHS-Diagnostik erfordert laut dem Expertenrat ADHS eine weitreichende ĂberprĂŒfung. Neben den aktuellen Symptomen und den konkreten FunktionsbeeintrĂ€chtigungen im Alltag mĂŒsse die individuelle Entwicklung bis in die Kindheit zurĂŒckverfolgt werden.
Zudem sei der sorgfĂ€ltige Ausschluss oder Nachweis von Differenzialdiagnosen unverzichtbar. Krankheitsbilder wie Depressionen, Angststörungen, Traumata, Schlafstörungen oder Suchterkrankungen weisen hĂ€ufig Ă€hnliche oder ĂŒberlagernde Symptome auf.
Wie komplex das Erkennen der Störung ist, zeigt sich unter anderem bei Frauen, bei denen die Störung hĂ€ufig lange unentdeckt bleibt. WĂ€hrend bei Erwachsenen allgemein von einem Vorkommen bei rund 5% ausgegangen wird, Ă€uĂern sich Symptome bei Frauen oft eher nach innen gerichtet, beispielsweise durch innere Unruhe anstelle von Ă€uĂerer HyperaktivitĂ€t.
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Betroffene kompensieren Defizite hĂ€ufig ĂŒber Jahre hinweg durch aufwendige Strategien und erhalten zunĂ€chst Fehldiagnosen wie Burnout oder Depression. Psychotherapeutische AnsĂ€tze mĂŒssen daher auch tiefer liegende Selbstwertkonflikte adressieren.
Hohe Schnittmengen im Bereich der Suchtmedizin
Besondere Relevanz hat eine fundierte AbklÀrung im Bereich von AbhÀngigkeitserkrankungen. Berichten zufolge greifen Betroffene mangels regulÀrer Behandlung nicht selten zur Selbstmedikation, was mit einem deutlich erhöhten Suchtrisiko einhergeht.
Nach Angaben des Suchtberaters Daniel ElsÀsser von der Caritas Aschaffenburg weisen mindestens 10-15% seiner Klienten eine diagnostizierte oder bislang unerkannt gebliebene ADHS auf, wÀhrend der Anteil in der erwachsenen Gesamtbevölkerung bei rund 4% liege.
Der Psychiater Mathias Luderer vom UniversitĂ€tsklinikum Frankfurt beziffert den Anteil Betroffener in Suchtbehandlungen auf etwa jeden vierten bis fĂŒnften Patienten. Weil die Grunderkrankung regelmĂ€Ăig ĂŒbersehen werde, empfiehlt auch das âJahrbuch Suchtâ gezielte Screenings bei substanzbezogenen Störungen.
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Luderer fordert daher mehr Fortbildung fĂŒr therapeutisches und Ă€rztliches Personal. Fehlendes Fachwissen fĂŒhre mitunter dazu, dass wirksame medikamentöse Therapien mit Stimulanzien wie Ritalin in Reha-Einrichtungen fĂ€lschlicherweise abgesetzt wĂŒrden, obwohl eine sachgerechte Medikation nachweislich auch das Sterblichkeitsrisiko senken könne.
Digitale EinflĂŒsse und die Grenzen von Selbsttests
Vor einer unkritischen Selbstdiagnose ĂŒber das Internet warnen Fachgremien eindringlich. Online-Tests und Angebote in sozialen Medien bieten keinen Ersatz fĂŒr eine fundierte klinische Untersuchung; Untersuchungen zu Kurzvideo-Plattformen wie TikTok wiesen erhebliche qualitative Defizite der dort verbreiteten Inhalte nach.
Zugleich belasten entsprechende Medienangebote Betroffene oft spezifisch. Eine Forschungsarbeit der TU Graz unter Leitung von Elisabeth Lex mit 302 Teilnehmenden zeigte, dass Mechanismen auf Plattformen wie TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts fĂŒr Menschen mit ADHS zu einer ausgeprĂ€gten Engagement-Falle werden können.
WĂ€hrend die gezeigten Inhalte von allen Gruppen Ă€hnlich bewertet wurden, litten Teilnehmer mit ADHS messbar stĂ€rker unter Zeitblindheit, verbrachten ungewollt mehr Zeit auf den Plattformen und berichteten anschlieĂend ĂŒber Reue und Verschlechterungen der Stimmung. Die Forschenden plĂ€dieren daher fĂŒr neurodiversitĂ€ts-sensible Designs mit klaren Zeitanzeigen und Begrenzungen.

