Adipositas: 70–80% genetisch bedingt, nicht Willenskraft
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 03:09 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Und das liegt nicht nur an mangelnder Disziplin. Aktuelle Forschung zeigt: Gene, Hormone und sogar das Gedächtnis der Fettzellen spielen eine entscheidende Rolle.
Das epigenetische Gedächtnis der Fettzellen
Der Jojo-Effekt hat eine handfeste biologische Ursache. Forscher der ETH Zürich entdeckten, dass Fettzellen ein epigenetisches Gedächtnis besitzen. Zwei Jahre nach einem Gewichtsverlust sind noch molekulare Markierungen vorhanden, die es dem Körper schwer machen, das niedrigere Gewicht zu halten.
Doch wie schädlich ist der Jojo-Effekt wirklich? Faidon Magkos vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) gibt Entwarnung: Gewichtsschwankungen seien nicht gefährlicher als dauerhaftes Übergewicht. Auch Norbert Stefan betont: Die vermeintlichen Risiken verschwinden oft, wenn man bestehende Vorerkrankungen berücksichtigt.
Adipositas: Kein Verhaltensproblem, sondern eine Erkrankung
Die Fachwelt ändert ihre Sichtweise. Übergewicht ist längst nicht mehr nur eine Frage der Willenskraft. Katharina Timper von der Technischen Universität München (TUM) erklärt: Adipositas beruht häufig auf einer Fehlsteuerung im Hypothalamus. In Deutschland sind 53 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, 18 Prozent gelten als adipös.
Die Ursachen liegen tief in der Biologie. Laut Timper sind 70 bis 80 Prozent der Fälle genetisch bedingt. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Direkte Kosten durch Folgeerkrankungen belaufen sich auf 29 Milliarden Euro pro Jahr, indirekte Kosten erreichen 34 Milliarden Euro. Dennoch nutzen nur 25 Prozent der Betroffenen organisierte Programme zur Gewichtsreduktion.
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Schlaf und Hormone: Die unterschätzten Einflussfaktoren
Schlafmangel macht dick. Eine Studie der Columbia University zeigt: Reduziert man die Schlafdauer um 90 Minuten pro Nacht, nimmt man innerhalb von sechs Wochen durchschnittlich 0,45 Kilogramm zu. Grund dafür ist unter anderem ein Anstieg des Hungerhormons Ghrelin und eine gesteigerte Insulinresistenz.
Auch hormonelle Verhütung spielt eine Rolle. Forscher veröffentlichten im Fachjournal JAMA Network eine Studie mit 422 Frauen. Das Ergebnis: Monophasische orale Kontrazeptiva können emotionales Essen und Essattacken an den Tagen der Hormoneinnahme verstärken.
Was wirklich beim Abnehmen hilft
Radikale Stoffwechselkuren mit 500 bis 700 Kilokalorien pro Tag? Lieber nicht. Solche Ansätze wie die 21-Tage-Diät führen zwar schnell zu Ergebnissen, bergen aber ein hohes Risiko für den Jojo-Effekt. Die HCG-Diät hat zudem keine wissenschaftliche Evidenz über einen Placebo-Effekt hinaus.
Experten empfehlen stattdessen:
- Moderates Kaloriendefizit: 300 bis 500 Kilokalorien weniger pro Tag ermöglichen eine Abnahme von etwa 0,5 Kilogramm pro Woche.
- Proteinreiche Ernährung: 20 bis 30 Gramm Eiweiß pro Mahlzeit in Kombination mit Ballaststoffen fördert die körpereigene Produktion des Sättigungshormons GLP-1.
- Intervallfasten: Eine Studie der Universität Granada belegte, dass die 16:8-Methode in Kombination mit mediterraner Ernährung über zwölf Monate zu einem um drei bis vier Kilogramm höheren Gewichtsverlust führte.
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Fitnessexpertin Olivia Ederer unterstreicht: Ein signifikanter Fettabbau erfordert in der Regel sechs Monate. Normalgewichtige können in dieser Zeit etwa drei Kilogramm Fett verlieren, stark Übergewichtige bis zu acht Kilogramm.
Abnehmhilfen: Viele Produkte fallen durch
Der Markt für Diät-Produkte steht unter Beobachtung. Die Stiftung Warentest untersuchte im Januar 2026 20 Abnehmshakes. Nur zwei Produkte erhielten die Note „gut“: der Nestlé Optifast Drink Vanille und der Layenberger Fit+Feelgood Slim Shake.
Die Kritik an vielen anderen Produkten ist hart. Tester fanden Schadstoffbelastungen durch Chlorat, Aluminium oder Mineralölkohlenwasserstoffe (MOSH). Zudem bemängelten sie Mogelpackungen und künstliche Aromen. Das Produkt Mivolis Diät Vitalkost von dm erhielt nur ein „befriedigend“.
Auch Süßstoffe stehen in der Kritik. Ein Review der Tufts University wertete 21 kontrollierte Studien aus. Das Ergebnis: Nicht-nutritive Süßstoffe wie Aspartam oder Sucralose könnten die Insulinempfindlichkeit verschlechtern und das Nüchterninsulin erhöhen – möglicherweise durch Veränderungen des Darmmikrobioms.
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