Adipositas, Epigenetische

Adipositas: Epigenetische Spuren bleiben bis zu zehn Jahre in T-Helferzellen

Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 01:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Gewichtsverlust beseitigt epigenetische VerÀnderungen nicht sofort; bariatrische Eingriffe normalisierten mehrere Immunzellwerte.
Nahaufnahme einer sterilen Laborumgebung mit medizinischen GerÀten und Glaswaren zur wissenschaftlichen Forschung. Illustration mit AI erstellt.

Die gesundheitlichen Folgen von starkem Übergewicht wirken im menschlichen Körper oft deutlich lĂ€nger nach als auf der Waage sichtbar. Untersuchungen der University of Birmingham unter der Leitung von Prof. Claudio Mauro zeigen, dass Adipositas spezifische epigenetische Muster in Immunzellen hinterlĂ€sst, die selbst nach einer erfolgreichen Gewichtsabnahme ĂŒber Jahre hinweg bestehen bleiben können.

Da weltweit einer von acht Menschen von Adipositas betroffen ist, gewinnen diese immunologischen Mechanismen fĂŒr die langfristige PrĂ€vention und Behandlung chronischer Folgeerkrankungen zunehmend an Bedeutung.

Epigenetische Spuren in CD4-T-Helferzellen

Im Zentrum der Untersuchungen standen CD4-T-Helferzellen. Die Arbeitsgruppe um Mauro stellte fest, dass Adipositas charakteristische DNA-Methylierungs-Muster in diesen Zellen hervorruft. Diese molekularen VerÀnderungen blieben auch dann erhalten, wenn das Körpergewicht wieder sank.

Das PhĂ€nomen zeigte sich sowohl bei einer medikamentös als auch bei einer genetisch herbeigefĂŒhrten Gewichtsabnahme sowie in Versuchen an MĂ€usen nach einer fettreichen ErnĂ€hrung.

Auf zellulĂ€rer Ebene identifizierten die Forscher unterschiedliche Reaktionen auf FettsĂ€uren: WĂ€hrend die gesĂ€ttigte FettsĂ€ure Palmitat die Membranen der CD4-Zellen verĂ€nderte, zeigte ÖlsĂ€ure andere Effekte.

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Das Team schĂ€tzt den Zeitraum fĂŒr ein vollstĂ€ndiges Abklingen dieses zellulĂ€ren GedĂ€chtnisses auf fĂŒnf bis zehn Jahre, wobei dieser Wert noch durch klinische Langzeitstudien ĂŒberprĂŒft werden muss.

Mauro gab zu bedenken, dass ein kurzfristiger Gewichtsverlust das Risiko fĂŒr Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten möglicherweise nicht unmittelbar senke, da die epigenetischen Markierungen anhaltende EntzĂŒndungen und Stoffwechseldysfunktionen aufrechterhalten können.

Lebensstilinterventionen und chirurgische Gewichtsreduktion

Die Forschung zeigt zugleich die Grenzen einfacher LebensstilĂ€nderungen auf. Ein zehnwöchiges Trainingsprogramm reichte in den Untersuchungen der University of Birmingham nicht aus, um die GedĂ€chtnismuster der CD4-Zellen in Blut und Fettgewebe zurĂŒckzusetzen.

Dass tiefgreifende ImmunverÀnderungen dennoch reversibel sein können, belegen hingegen Daten der UniversitÀt Leipzig. Ein Team um Ulf Wagner untersuchte im Rahmen einer im International Journal of Obesity veröffentlichten Studie 111 Personen mit Adipositas im Alter von 33 bis 56 Jahren, von denen 59,5 Prozent Frauen waren.

Die Gruppe wies vor dem Eingriff einen mittleren Body-Mass-Index von 48,4 auf; 49,5 Prozent litten an Typ-2-Diabetes. Zwölf Monate nach einer bariatrischen Operation lag der mittlere Gewichtsverlust bei 44,5 Kilogramm.

Im Zuge dieses massiven Abbaus normalisierten sich Monozyten-Subpopulationen, myelosuppressive Zellen und die CD16-Expression, wĂ€hrend sich Laborwerte wie HbA1c, Lipide und CRP verbesserten. Eine bloß milde Gewichtsabnahme ĂŒber Lebensstilanpassungen genĂŒgte laut frĂŒheren Vergleichsdaten nicht, um eine derartige Normalisierung der Monozyten herbeizufĂŒhren.

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Neue AnsĂ€tze fĂŒr gezielte Immuntherapien

Aus den Befunden leiten Fachleute ab, dass neben einer langfristigen Gewichtskontrolle auch spezifische medikamentöse Therapien notwendig sein könnten, um das ImmungedĂ€chtnis schneller zu entlasten. SGLT2-Hemmer, die bereits in der Behandlung von Diabetes eingesetzt werden, gelten als ein möglicher Ansatzpunkt, um den Abbau epigenetischer VerĂ€nderungen zu beschleunigen, sind in Bezug auf das T-Zell-GedĂ€chtnis beim Menschen jedoch noch ungeprĂŒft.

Erste klinische Hinweise auf die immunologische Wirksamkeit dieser Wirkstoffklasse lieferte eine Untersuchung der Vanderbilt University. In einer kleinen Studie mit 16 Frauen mit Adipositas und PrĂ€diabetes fĂŒhrte die dreimonatige Einnahme von Empagliflozin bereits nach zwei Wochen zu einem messbaren RĂŒckgang von Monozyten-Thrombozyten-Aggregaten, der sich nach drei Monaten weiter verstĂ€rkte.

Bei den Monozyten zeigte sich ein Wechsel von einem entzĂŒndlichen zu einem stabilen Energiestoffwechsel. Eine reine ReduktionsdiĂ€t erzielte in der Vergleichsgruppe keinen vergleichbaren Effekt.

Zur weiteren KlÀrung sind Folgestudien geplant, darunter eine Untersuchung mit 74 Personen sowie eine Leipziger Doppelblindstudie mit 200 insulinresistenten Probanden zu Colchicin und Interleukin-1-Inhibitoren.

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