Akuter, Stress

Akuter Stress: Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests fallen um 20 Prozent schlechter aus

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung verbindet chronische Belastung mit Veränderungen in Hirnregionen; Bewegung, Achtsamkeit und Schlaf gelten als wichtige Gegenmaßnahmen.
Abstrakte Darstellung eines neuronalen Netzwerks mit komplexen, leuchtenden Strukturen vor einem dunklen Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Anhaltender Stress hinterlässt messbare negative Spuren in den Gehirnarealen, die für die Entstehung von Erinnerungen verantwortlich sind. Aktuelle Berichte und neurowissenschaftliche Untersuchungen verdeutlichen, wie chronische Belastungen neuronale Netzwerke schwächen und welche Mechanismen hinter der Beeinträchtigung von Lern- und Merkfähigkeit stehen.

Veränderungen im Hippocampus und präfrontalen Kortex

Wie Dronse et al. im Fachjournal Frontiers in Aging Neuroscience im Jahr 2023 darlegten, hängt ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel bei gesunden älteren Erwachsenen mit einem kleineren Hippocampus und einer schlechteren Gedächtnisleistung zusammen. Die Autoren wiesen darauf hin, dass es sich hierbei um eine Korrelation und nicht um einen Kausalitätsbeweis handelt, wobei der Befund speziell chronischen Stress betrifft.

Strukturelle Veränderungen lassen sich auch bei klinischen Erschöpfungszuständen beobachten. Eine Studie im Fachmagazin NeuroImage, an der die schwedischen Neurowissenschaftler Malin Björnsdotter und Predrag Petrovi? beteiligt waren, untersuchte 300 Personen mit diagnostizierter stressinduzierter Erschöpfungsstörung.

Das Ergebnis zeigte: Je schwerer die Symptome und die körperliche Erschöpfung ausgeprägt waren, desto geringer fiel das Volumen der grauen Substanz im medialen präfrontalen Kortex aus. Dieser Zusammenhang blieb auch nach der statistischen Kontrolle von depressiven Symptomen signifikant.

Zudem ergaben die Messungen per hochauflösendem MRT und voxelbasierter Morphometrie (VBM) im Rahmen dieser NeuroImage-Forschung, dass das Phänomen der Apathie – erfasst über das Instrument SMBQ-18 – mit einem geringeren Volumen beider Hippocampi sowie des rechten mittleren temporalen Gyrus assoziiert ist.

Da es sich um ein korrelatives und transversales Studiendesign hielt, bleibt die Kausalität offen, weshalb die Forscher weiterführende Längsschnittstudien anmahnten.

Der Neurowissenschaftler Gustavo Deco erläuterte, dass das Gehirn bei hohem Stress in einen Überlebensmodus schalte. Lernen und Angst seien chemisch unvereinbar, und ein anhaltend hoher Cortisolspiegel schädige den Hippocampus nachhaltig.

Anzeige

Dauerstress und Erschöpfung belasten das Nervensystem oft stärker, als viele vermuten. Sportwissenschaftler erklären in diesem kostenlosen Ratgeber, wie Sie mit gezielten Übungen Ihren „Gesundheitsschalter“ aktivieren und Ihr inneres Gleichgewicht zurückgewinnen. Kostenlosen PDF-Ratgeber zur Vagus-Therapie herunterladen

Akuter Stress und zelluläre Anpassungen

Neben Dauerbelastungen beeinflussen auch kurzzeitige Stressmomente das Denkvermögen unmittelbar. Eine neue Untersuchung belegt, dass akuter Stress die Testwerte in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests um rund 20 Prozent senken kann. Dabei spielt das Timing eine entscheidende Rolle: Befunden zufolge muss der Stress während oder kurz vor der Enkodierung von Informationen auftreten; eine Belastung 30 Minuten vor dem Prozess führte zu einer Verschlechterung der Erinnerung.

Gleichzeitig verändern akute Stressreaktionen auch die Gewebestruktur. Zwei Studien der UC Berkeley und der UCSF an 38 Veteranen am San Francisco VA Medical Center – von denen die Hälfte von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) betroffen war – sowie an erwachsenen Ratten zeigten, dass akuter Stress die Zahl der Oligodendrozyten und die Myelinbildung in bislang unmyelinisierten Bereichen der grauen Substanz des Kortex steigert.

Eine stärkere Myelinisierung korrelierte sowohl bei den Veteranen als auch bei ängstlichen Ratten mit schwereren Traumasymptomen. Dr. Thomas Neylan vom San Francisco VA Medical Center äußerte vor diesem Hintergrund die Hoffnung auf reversible Behandlungsansätze.

Weitere Einflussfaktoren identifizierte eine Studie unter der Leitung von Hong Xie. Demnach erhöht eine Kombination aus einem Kindheitstrauma, einem niedrigen Cortisolspiegel vor dem Trauma sowie einem kleineren Hypothalamusvolumen nach dem Ereignis das Risiko für anhaltende Wiedererlebnis-Symptome bei einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Der posteriore Hypothalamus fungiert hierbei als Schlüsselregion der Stressregulation und bietet einen Ansatzpunkt für personalisierte Prävention und Frühinterventionen.

Auf psychologischer Ebene betonte Psychologe Dany Blázquez, dass sich Menschen stärker an Negatives erinnern und eine spätere Verarbeitung aus Angst die Erinnerung verfälsche. Dies illustrierte er anhand eines Experiments mit einem Barry-Manilow-T-Shirt: Teilnehmer schätzten, dass 43 Prozent der Anwesenden sie bemerkt hätten, während dies tatsächlich nur 20 Prozent taten.

Schutzmechanismen und Handlungsstrategien

Angesichts dieser biologischen Mechanismen betonen Experten die Relevanz gezielter Gegenmaßnahmen. Graham-Engeland et al. hielten im Journal Policy Insights im Jahr 2025 fest, dass funktionierende Bewältigungsstrategien für den Umgang mit den Folgen von Stress entscheidend sind.

Der Neurowissenschaftler Charan Ranganath erklärte, dass Vergessen grundsätzlich ein Filterprozess und kein Konstruktionsfehler des Gehirns sei. Allerdings nehme die Funktion des präfrontalen Cortex mit dem Alter ab und werde durch Dauerstress, Schlafmangel sowie Multitasking zusätzlich geschwächt.

Anzeige

Wer seine geistige Fitness trotz täglicher Belastungen erhalten möchte, findet in diesem Leitfaden wertvolle Unterstützung. Erfahren Sie, wie Sie mit 11 einfachen Alltagsübungen und gezielten Tipps Ihre Konzentration stärken und Demenz aktiv vorbeugen. Gehirntraining-Ratgeber jetzt kostenlos sichern

Ranganath empfiehlt 30 Minuten tägliche Bewegung, Achtsamkeit, das Abschalten digitaler Ablenkungen und ausreichend Schlaf, da weniger als sechs Stunden Schlaf dem Organismus langfristig schaden. Zudem sollten Menschen neue Erfahrungen anstelle starrer Routinen suchen. Auch Gustavo Deco rät zu Pausen, körperlicher Bewegung und Neugier statt Leistungsdruck.

Die Effektivität solcher Ansätze wird durch weitere wissenschaftliche Daten gestützt:
- Eine Meta-Analyse von 25 randomisierten Studien mit über 2.000 Teilnehmenden im Fachjournal Frontiers aus dem Jahr 2024 zeigte, dass achtsamkeitsbasierte Übungen bei älteren Erwachsenen sowohl die kognitive Leistung als auch die Schlafqualität verbessern.
- Eine im Jahr 2022 im Fachblatt JAMA veröffentlichte Studie belegte ebenfalls, dass sich Achtsamkeit und körperliche Bewegung positiv auf die kognitiven Funktionen auswirken.

Hinsichtlich pflanzlicher Nahrungsergänzungsmittel zeigt eine Studie zu Adaptogenen, dass Rhodiola und Ashwagandha das Potenzial besitzen, Stressfolgen über die Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) teilweise abzuschwächen.

Die am besten wissenschaftlich belegten Interventionen gegen stressbedingte Beeinträchtigungen bleiben jedoch nach wie vor eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichender Schlaf.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70438870 |