Alkoholverzicht, Pronova BKK

Alkoholverzicht: 42 Prozent mussten sich schon rechtfertigen

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Eine reprÀsentative Befragung zeigt, wie stark Alkohol in sozialen Situationen verankert ist. Gleichzeitig berichten viele Menschen von unangenehmen, aggressiven oder sexualisierten Erfahrungen mit Betrunkenen.

Erfahrungen mit Alkohol im sozialen Alltag

  • Die Pronova-BKK-Umfrage erfasste 1.228 Frauen und MĂ€nner ab 18 Jahren.
  • 38 Prozent trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol.
  • 46 Prozent verließen schon einmal eine Feier wegen stark betrunkener anderer GĂ€ste.
  • Der Verzicht auf Alkohol ist einer Studie zufolge vielfach noch erklĂ€rungsbedĂŒrftig. (Symbolbild) - Bild: Matthias Balk/dpa
  • Obwohl die meisten Befragten selbst Alkohol konsumieren, sehen viele den Konsum anderer kritisch. (Symbolbild) - Bild: Robert Michael/dpa
Der Verzicht auf Alkohol ist einer Studie zufolge vielfach noch erklĂ€rungsbedĂŒrftig. (Symbolbild)  - Bild: Matthias Balk/dpa Obwohl die meisten Befragten selbst Alkohol konsumieren, sehen viele den Konsum anderer kritisch. (Symbolbild) - Bild: Robert Michael/dpa

Alkoholverzicht löst in Deutschland hÀufig ErklÀrungsdruck aus

42 Prozent der Menschen in Deutschland mussten sich nach einer Umfrage bereits dafĂŒr rechtfertigen, keinen Alkohol zu trinken. Zugleich gaben 46 Prozent an, eine Feier oder Party schon einmal wegen zu betrunkener anderer GĂ€ste vorzeitig verlassen zu haben.

Alkohol bleibt fĂŒr viele Teil des Feierns

Die Krankenkasse Pronova BKK ließ fĂŒr die Studie «Alkohol in Alltag, Familie und Beruf» im Juli und August bundesweit 1.228 Frauen und MĂ€nner ab 18 Jahren online befragen. 86 Prozent der Befragten trinken demnach generell Alkohol, 38 Prozent konsumieren mindestens einmal pro Woche alkoholische GetrĂ€nke.

Bei MÀnnern greift laut Umfrage jeder Zweite mindestens wöchentlich zu Glas oder Flasche. Bei Frauen ist es etwas mehr als jede Vierte. 39 Prozent nannten als Grund, dass Alkohol bei bestimmten AnlÀssen einfach dazugehöre.

Verzicht wird als Abgrenzung wahrgenommen

Die Wirtschaftspsychologin und Pronova-BKK-Referentin fĂŒr Gesundheitsförderung Patrizia Thamm erklĂ€rte, Alkohol sei in Deutschland stark in soziale Situationen eingebunden. Gemeinsames Trinken könne als Ritual Verbundenheit signalisieren, wĂ€hrend Verzicht als Abgrenzung wahrgenommen werde.

Fast jeder oder jede Dritte habe sich bereits mehrfach erklĂ€ren mĂŒssen, weil sie oder er einen Drink abgelehnt habe. Thamm sagte, nicht der Alkoholverzicht sei fragwĂŒrdig, sondern die gesellschaftliche Erwartung, dass Trinken der Normalfall sei.

Viele erleben betrunkene Menschen als Belastung

Trotz des verbreiteten Eigenkonsums empfindet laut Studie fast die HĂ€lfte den Alkoholkonsum anderer zumindest gelegentlich als unangenehm. Jede oder jeder Dritte gab an, schon mindestens einmal von einer alkoholisierten Person angegriffen worden zu sein.

Mehr als jede dritte Frau wurde der Umfrage zufolge bereits von einer alkoholisierten Person sexuell belÀstigt. Bei mehr als der HÀlfte dieser Frauen kam dies mehrfach vor. Auch 19 Prozent der mÀnnlichen Befragten berichteten von entsprechenden Erlebnissen.

Streeck warnte vor gesundheitlichen Risiken

Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck hatte wenige Monate zuvor kritisiert, ĂŒber die Risiken von Alkohol werde oft zu spĂ€t und zu vorsichtig gesprochen. Alkohol könne Krebs begĂŒnstigen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern, sĂŒchtig machen und Familien schwer belasten.

Streeck erklĂ€rte damals, weniger Alkohol bedeute fĂŒr viele Menschen keinen Verzicht, sondern einen Gewinn an Gesundheit, Freiheit und LebensqualitĂ€t. Die Deutsche Hauptstelle fĂŒr Suchtfragen rief dazu auf, den eigenen Alkoholkonsum zu hinterfragen, zu senken oder ganz darauf zu verzichten.

Die Umfrage beschreibt einen Widerspruch im Umgang mit Alkohol: Einerseits gilt Trinken in vielen sozialen Situationen als selbstverstÀndlich, andererseits berichten zahlreiche Befragte von belastenden Erfahrungen mit alkoholisierten Menschen. Besonders deutlich wird dieser Gegensatz beim Verzicht. Wer keinen Alkohol trinkt, weicht damit nicht nur von einer Konsumgewohnheit ab, sondern kann aus Sicht anderer auch eine soziale Erwartung verletzen.

Die genannten Zahlen ordnen den Alkoholkonsum zugleich als verbreitetes Alltagsverhalten ein. Dass viele Befragte Feiern und gemeinsames Trinken miteinander verbinden, erklĂ€rt, warum eine Ablehnung hĂ€ufig als begrĂŒndungspflichtig wahrgenommen wird. Die Studie verweist damit auf Gruppendruck, ohne daraus abzuleiten, dass alle Trinkenden problematisch konsumieren.

Gesundheit und Schutz vor Übergriffen

Die berichteten Erlebnisse mit betrunkenen Personen zeigen jedoch die konkrete gesellschaftliche Kehrseite. FrĂŒhere AbgĂ€nge von Feiern, Angriffe und sexuelle BelĂ€stigungen betreffen nicht nur Menschen mit riskantem Eigenkonsum, sondern auch Außenstehende. FĂŒr Betroffene kann die Debatte deshalb ĂŒber individuelle Gesundheitsentscheidungen hinausgehen und Fragen nach Schutz, RĂŒcksichtnahme und Verantwortlichkeit berĂŒhren.

FĂŒr den Alltag bedeutet das: Alkoholfrei zu bleiben sollte weder erklĂ€rt noch sozial sanktioniert werden mĂŒssen. Zugleich kann eine weniger selbstverstĂ€ndliche Trinkkultur dazu beitragen, Risiken frĂŒher wahrzunehmen und problematischen Konsum nicht erst dann anzusprechen, wenn bereits gesundheitliche oder soziale Folgen eingetreten sind.

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